When „the ground is vibrating“

Perspektiven internationaler Studierender und Fachkräfte auf den Aufstieg der AfD in Thüringen

Der politische Aufstieg der AfD – besonders sichtbar bei den Landtagswahlen 2024 und der Bundestagswahl 2025 – kam nicht überraschend, wie die Daten des Thüringen-Monitors der letzten Jahre zeigen. Die Wahlergebnisse haben dennoch die Verunsicherung verstärkt, besonders unter jungen Menschen mit internationaler Biografie.

Dienstag, 16. Juni 2026
Cover der Publikation "Thüringer Zustände 2025"
Cover der Publikation "Thüringer Zustände 2025"

Internationale Studierende sind für Thüringen sowohl gesellschaftlich als auch arbeitsmarktpolitisch bedeutsam. Aufgrund des bis 2035 erwarteten Rückgangs der Erwerbsbevölkerung um 10 bis 15 % betonen die Leitlinien zur Hochschulentwicklung in Thüringen 2026 bis 2030, internationale Studierende durch konkrete Angebote zur sozialen Integration in den Alltag sowie durch studienbegleitende Qualifizierungs- und Karriereangebote und Kooperationen mit der regionalen Wirtschaft gezielt zu unterstützen. Vor diesem Hintergrund förderte das Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft (TMWWDG) das Projekt ARAPiS (Analyse der Rolle und des Arbeitsmarktpotenzials internationaler Studierender). Das Projekt wurde als Kooperation vom KomRex, der Arbeitsgruppe Wirtschaftsgeografie, vom Internationalen Büro und vom Career Point der Universität Jena umgesetzt.

Zwischen Januar und Mai 2025 konnten im Rahmen eines Teilprojekts Interviews mit internationalen Studierenden (n = 17) sowie mit Absolvent*innen der FSU Jena verwirklicht werden, die zum Zeitpunkt der Erhebung in Thüringen (n = 11) bzw. außerhalb Thüringens (n = 9) berufstätig waren. Sieben Interviews fanden in zeitlicher Nähe zur Thüringer Landtagswahl und rund um die Bundestagswahl statt.

Die „Thüringer Zustände 2025“ erscheinen am 16.06.2026! 👀 Als Print-Exemplar & online: thueringer-zustaende.de Sie zeigen: Rechtsextreme Positionen sind 2025 sichtbarer, sagbarer und alltäglicher geworden. Hrsg: @mobit-thueringen.bsky.social @komrex-unijena.bsky.social @idz-jena.bsky.social & ezra

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— ezra (@ezra-online.bsky.social) 11. Juni 2026 um 12:04

Untersucht wurden Erfahrungen in der Arbeitssuche und am Arbeitsplatz sowie die Frage, ob und inwiefern der politische Kontext die Bleibeperspektiven der Befragten beeinflusst. Im Folgenden werden die zentralen Befunde zur letztgenannten Fragestellung präsentiert und anschließend diskutiert. Sie beruhen auf einer qualitativ-inhaltsanalytischen Auswertung nach Schreier (2008). Auffällig ist, dass die Mehrheit der Interviewten den politischen Kontext ohne explizite Nachfrage selbst thematisierte.

„Als würde der Boden beben“

Die Antworten zeigen eine ausgeprägte Verunsicherung der Interviewten im Kontext des AfD-Aufstiegs, der als besorgniserregend bewertet wurde. Mehrere Befragte berichteten von einer Zunahme sowohl subtiler rassistischer Handlungen – etwa Mikroaggressionen wie übergriffige Blicke oder unfreundliches Verhalten – als auch manifester rassistischer Vorfälle. Diese ereigneten sich nach Angaben der Interviewten vor allem im öffentlichen Raum, insbesondere in öffentlichen Verkehrsmitteln. Ein Befragter berichtete, im Zug trotz gültigen Tickets rassistisch beleidigt worden zu sein.

Einige reflektierten, dass sie selten angefeindet würden, solange sie nicht als migrantisch gelesen werden. Anfeindungen träten vor allem dann auf, wenn sie im öffentlichen Raum sichtbar werden. So wurde geschildert, dass eine Gruppe beim Spazieren im Zentrum Jenas von Jugendlichen angeschrien und rassistisch beleidigt wurde, weil sie sich nicht auf Deutsch unterhielt.

Mehrere Befragte hoben hervor, dass Betroffene weder in beobachteten noch in selbst erlebten Vorfällen Unterstützung durch unbeteiligte Dritte erhielten. In diesem Zusammenhang formulierten insbesondere jene Interviewten, die zum Zeitpunkt der Erhebung bereits seit längerer Zeit in der Region lebten, die Einschätzung, dass Rassismus in Thüringen zunehmend offener artikuliert werde. Rassismus gewinne gesellschaftlich an Akzeptanz.

„Vor vielleicht vier Jahren haben die Leute ihren Rassismus noch versteckt […] Jetzt verbergen sie ihn nicht mehr, weil sie gesehen haben, dass die AfD die stärkste Partei ist. Sie sprechen ganz offen über alles.“ (Interviewte 1)

Viele Interviewte berichteten von internationalen Freund*innen, die Thüringen angesichts des steigenden Rassismus verlassen möchten. Mehrere Teilnehmende formulierten zudem, dass auch sie selbst Thüringen – oder sogar Deutschland – verlassen würden, falls sich die politische Lage künftig weiter verschärfe. Die damit verbundene Zukunftsangst und die Markierung einer möglichen Kipppunkt-Situation kommen im folgenden Zitat zum Ausdruck:

„Im Moment ist es noch erträglich, aber man hat schon das Gefühl, als würde der Boden beben, und ich befürchte, dass es bei den nächsten Wahlen noch schlimmer wird. Und dann, dann gehe ich ganz sicher weg, egal was passiert. Egal was kommt, ich gehe weg; ich will nicht an einem Ort sein, an dem Menschen andere Menschen zurückschicken und ihnen die Staatsbürgerschaft entziehen wollen.“ (Interviewte 7).

Unsicherheit wird nicht nur als diffuse Zukunftsorientierung artikuliert, sondern als individuelle, alltagsnahe Angst um die eigene Sicherheit.

„Die Lage sieht nicht besonders gut aus. Wenn der Rassismus hier zunimmt, ist man hier offensichtlich nicht sicher. Man fühlt sich hier nicht sicher. Es macht also keinen Sinn, hier zu leben. Ich würde mir daher schnell einen anderen Ort suchen, an dem es sicherer ist und wo die Menschen anderen Nationalitäten gegenüber aufgeschlossener sind.“ (Interviewte 13).

Einige Befragte problematisierten den AfD-Zuwachs, weil er in Thüringen die ohnehin bestehenden Schwierigkeiten, eine Arbeitsstelle zu finden und beruflich voranzukommen, weiter verschärfen könnte.

„Wenn ich die Möglichkeit oder das Privileg habe zu arbeiten, mache ich mir keine großen Gedanken über die politische Zugehörigkeit der Menschen in meinem Umfeld oder Ähnliches. Wenn mich ihre politischen Bestrebungen jedoch daran hindern voranzukommen, dann fange ich vielleicht hier an, entscheide mich aber später, an einen anderen Ort zu wechseln, angesichts der Feindseligkeit oder der Hindernisse, denen ich hier begegne.“ (Interviewte 12).

Im Kontrast zu diesen Erfahrungen und Zukunftssorgen verglichen einige Befragte Thüringen mit westdeutschen Städten oder Regionen, die sie als offener gegenüber internationalen Menschen beschrieben. Internationalität sei dort insgesamt sichtbarer und stärker wertgeschätzt, was sich u. a. in niedrigeren Erwartungen an sprachliche Anpassung widerspiegele. Auch Jenas Internationalität wurde positiv hervorgehoben: Diese stelle für einige einen zentralen Bleibe- bzw. Haltfaktor dar.

„Der Grund, warum ich immer noch hier bin, ist, dass Jena ein bisschen international ist. Was Jena für Leute wie uns ein bisschen attraktiv macht, ist eben diese Internationalität […]. Es gibt viele internationale Studierende und die Dozenten verfügen über internationale Erfahrung.“ (Interviewte 11).

Neben den Sorgen und Überlegungen, künftig wegziehen zu müssen, wurde Jena mehrfach als Ausnahme innerhalb der politischen Landschaft Thüringens beschrieben. Für viele sei die Stadt eine „Insel im blauen Meer“ (Interviewte 4) und damit ein zentraler Grund zu bleiben. Diese Wahrnehmung wurde mit den Wahlergebnissen verknüpft:

„Zum Glück gehört Jena zu den Städten, die für die Partei Die Linke gestimmt haben, und das ist wirklich schön. Es war der violette Fleck auf der ganzen blauen Landkarte. Das ist also etwas Positives, das zeigt, dass die Menschen in Jena sich bewusst sind, dass dieser Weg nicht wirklich der richtige Weg für Deutschland ist.“ (Interviewte 6).

Zugleich verwiesen einige Interviewte auf Initiativen und Projekte, die sich aktiv gegen rechtsextreme Positionen und Mobilisierungen stellen. Die Sichtbarkeit solcher Gegenbewegungen erzeugte bei den Befragten Sicherheitsgefühle und Hoffnung und wurde als konkreter Haltfaktor beschrieben:

 „Wenn ich ein solches Projekt, eine solche Bewegung sehe, gibt uns das auch Hoffnung, dass es Hoffnung für Thüringen gibt, dass es Menschen gibt, die sich gegen eine solche [rechtsextreme] Bewegung stellen – das ist es, was einige von uns dazu bewegt, hier zu bleiben.“ (Interviewte 11).

Insbesondere für Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus ist die sichtbare Präsenz einer starken Zivilgesellschaft bedeutsam, weil sie als Gegenpol zu rechten Mobilisierungen wahrgenommen wird und zumindest teilweise Sicherheitsgefühle sowie Bleibemotivation stützen kann. Dies bringt Interviewte 18 zum Ausdruck:

„Wegen AfD würde ich nicht aus Jena ausziehen. Ich bin deutscher Staatsbürger jetzt, aber Leute, die keinen festen Aufenthalt haben, machen sich viele Gedanken wegen AfD. Aber Thüringen hat eine starke Zivilgesellschaft. Es gibt auch viele NGO, Parteien, Interessen gegen AfD. AfD ist da, wir sind auch da.“ (Interviewte 18)

Angegriffene Zivilgesellschaft

Die Ergebnisse zeigen zunächst, dass sich die gegenwärtige politische Lage unmittelbar auf internationale Studierende und Absolventinnen auswirkt: Zunehmende rassistische Anfeindungen, Mikroaggressionen und Einschüchterungen – insbesondere im öffentlichen Raum – erzeugen Verunsicherung und können Rückzugs- oder Wegzugsabsichten verstärken. Internationale Studierende und Absolventinnen sind jedoch selbst Teil der lokalen Gemeinschaft und damit auch der Zivilgesellschaft. Wenn sie sich zurückziehen oder die Stadt verlassen, betrifft dies deshalb nicht nur individuelle Lebensentscheidungen, sondern auch die Zusammensetzung, Diversität und Zukunft der lokalen Zivilgesellschaft.

Von einer „angegriffenen Zivilgesellschaft“ kann in diesem Zusammenhang in doppelter Hinsicht gesprochen werden: zum einen, weil ihre Mitglieder direkt von rassistischen Praktiken betroffen sind; zum anderen, weil mit der Normalisierung von Rassismus jene geteilten Erwartungen an Anerkennung, Vertrauen und wechselseitige Reziprozität untergraben werden, auf denen zivilgesellschaftliches Zusammenleben beruht. Bleibt Unterstützung durch Dritte aus, verliert der Alltag an sozialem Halt. Geschwächt werden damit auch jene Beziehungen und Beteiligungsformen, die eine demokratische und nachhaltige lokale Öffentlichkeit tragen.

Vor diesem Hintergrund müssen Vertrauen und Reziprozität in der (Zivil-)Gesellschaft aktiv hergestellt und sichtbar verteidigt werden, damit ein Zuhause als vertrauter „intersubjektiver Raum der Geborgenheit“ entstehen und sich durch Resonanzerfahrungen, also durch erfahrene Anerkennung, Solidarität und Verbundenheit, festigen kann. Die sichtbare und aktive Präsenz zivilgesellschaftlicher Initiativen, NGOs und Gegenmobilisierungen ist dabei eine lebenswichtige Ressource – nicht nur für von Rassismus betroffene Menschen, sondern für die Zivilgesellschaft insgesamt.

Auszug aus der Publikation "Thüringer Zustände 2025".

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