Rezension

Paul Mason: Betrachtungen zum aktuellen Faschismus

Der bekannte britische Publizist Paul Mason legt mit „Faschismus. Und wie man ihn stoppt“ seine aktuellen Reflexionen zum Thema vor. So sehr einzelne Betrachtungen für Reflexionen interessant sind, so erschöpft sich doch die allgemeine Linie in Unverbindlichkeiten.

Dienstag, 19. April 2022
Armin Pfahl-Traughber
Buchcover: Faschismus. Und wie man ihn stoppt.
Buchcover: Faschismus. Und wie man ihn stoppt.

Lässt sich für den Faschismus in der Gegenwart eine Renaissance konstatieren? Eine bejahende Antwort auf diese Frage formuliert Paul Mason, der als Journalist und Publizist im englischsprachigen Raum überaus bekannt ist. Sein neues Buch ist mit „Faschismus. Und wie man ihn stoppt“ überschrieben. Ausgangspunkt der dortigen Betrachtungen ist die Feststellung: „Der Faschismus ist zurück – ohne dass jemand nachhelfen musste. Etwas anderes war bereits da. Aber was?“. Darum soll es bei Mason gehen.

Er verweist auf drei politische Bewegungen: „Rechtsextremismus, Rechtspopulismus und autoritärer Konservatismus“, welche „ganz bewusst Synergien“ erzeugt hätten. Es habe eine Annäherung und eine Kommunikation gegeben, wobei insbesondere das Internet eine wichtige Rolle gespielt habe. Daher bedürfe es für den Faschismus auch einer neuen Theorie, welche in folgender Definition bei Mason mündet: „Der Faschismus ist Furcht vor der Freiheit, geweckt durch eine Ahnung von der Freiheit“.

Begriffsbestimmt von Faschismus über „Furcht vor der Freiheit“

Der Autor wiederholt diese Begriffsbestimmung häufiger in seinem Buch, wodurch sie aber nicht mehr Klarheit und Trennschärfe erhält. Ähnliche Auffassungen hatte bekanntlich schon Erich Fromm vertreten, damit aber nur einen psychologischen Deutungsansatz verbunden. Demgegenüber will Mason eine eigene neue und umfassende Theorie vertreten. Mit diesem Anspruch, es sei bereits hier betont, scheitert der Autor indessen. Denn er nennt zwar einige Fallbeispiele für das Gemeinte überall auf der Welt, gleichwohl mangelt es doch an einem klar entwickelten Verständnis.

Dazu findet man aber durchaus Bausteine in dem Buch, etwa wenn von dem Gedankengebäude des Ethnostaates im modernen Faschismus die Rede ist. Er benennt auch gesellschaftliche Bedingungsfaktoren, die für die gemeinte Entwicklung relevant waren und sind, wie die Ausrichtung am Neoliberalismus, die Bedeutung der technologischen Macht, die Demokratieerosion bei Institutionen, die Folgen des Klimawandels oder die Probleme mit der Corona-Pandemie.

Beispiele für Faschismus in der Geschichte

Dann folgt ein Blick in die Geschichte, wo der Aufstieg des italienischen Faschismus und des deutschen Nationalsozialismus im Zentrum steht. Für das erstgenannte Beispiele werden noch Entwicklungsphasen differenziert und erkenntnisreich unterschieden, für den deutschen Fall gibt es doch sehr schiefe Deutungen, auch und gerade bei den Aussagen zu KPD und SPD. Und dann geht es wieder zurück in die Gegenwart und um die Notwendigkeit von Widerstand. Dabei werden zunächst diverse Definitionen von Faschismus durch Mason erörtert, wobei er berechtigt auf Einseitigkeiten und Schiefen verweist.

Indessen könnten seine Einwände auch kritisch und problemlos auf das eigene Verständnis übertragen werden. Als Alternative zur Bekämpfung wird dann an das Frankreich der 1930er Jahre erinnert und „eine neue Volksfront“ eingefordert. Sie solle in einem partiellen Bündnis von Liberalen und Linken bestehen. Gleichzeitig wird für eine „wehrhafte Demokratie“ eine Neuauflage eingefordert, wobei dieses Modell doch zum bundesdeutschen Selbstverständnis gehört.

Das „moderne Gegenstück zu der kulturellen Massenbewegung“

Letztendlich münden die Aussagen aber in guten Wünschen, was folgende Aussage dann vermittelt: „Der Faschismus kann nicht allein durch Appelle an die Vernunft … besiegt werden. Er muss … dazu bewegt werden, sich auf die ‚gewöhnlichen‘ Vorurteile zu beschränken, die … durch eine vernünftige Argumentation in Schach gehalten werden können“. Das klingt ebenso gut wie hilflos. Gleiches gilt für den Aufruf, „das moderne Gegenstück zu der kulturellen Massenbewegung in Leben“ zu rufen.

Der Autor bleibt auch hier bei allgemeinen Bekundungen stehen. Insofern bringt sein Buch auch in der Gesamtschau notwendige Reflexionen nicht voran. Gleichwohl findet man immer wieder interessante Einzelbetrachtungen, die befruchtende Denkansätze sein könnten. Aufgrund der Bekanntheit von Mason werden sie sicherlich wahrgenommen, doch hat man es hier eher mit dem Produkt eines Vielschreibers zu tun. Darin dominieren doch gut gemeinte Allgemeinplätze, weniger tiefgründige Einsichten.  

Paul Mason, Faschismus. Und wie man ihn stoppt, Berlin 2022 (Suhrkamp-Verlag), 443 S., 20 Euro

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