von Armin Pfahl-Traughber
   

„Opa war in Ordnung!“ – Funktionen rechtsextremistischer Geschichtsmanipulationen

Der von den Politikwissenschaftlern Hans-Peter Kilguss und Martin Langebach herausgegebene Sammelband „’Opa war in Ordnung!’ Erinnerungspolitik der extremen Rechten“ enthält Beiträge zu den unterschiedlichsten Aspekten rechtsextremistischer Geschichtsmanipulation. Dabei werden anschaulich die konkreten Funktionen aufgezeigt und Anregungen zum pädagogischen Umgang gegeben, womit man es mit einer „runden Sache“ zu tun hat.

Buchcover, Foto: Screenshot

Anfang der 1970er Jahre kam die Formulierung „Unsere Väter waren keine Verbrecher“ auf, heute geht die Rede von „Opa war in Ordnung!“ um. Es handelt sich jeweils um Parolen von Rechtsextremisten, die damit die Ära des Nationalsozialismus verharmlosen oder verteidigen wollten und wollen. Hierbei nahmen und nehmen sie jeweils Bezug auf persönliche Einbindungen, geht es doch um den Großvater wie den Vater. Beide Bespiele stehen demnach für eine besondere Geschichtsdeutung, die aus politischen Absichten und nicht aus wissenschaftlichen Motiven heraus entstanden ist. Wie es darum steht, wurde auf einer Konferenz in Kooperation der Bundeszentrale für politische Bildung mit der Info- und Bildungsstelle gegen Rechtsextremismus im NS-DOK der Stadt Köln am 7. Mai 2015 erörtert. Deren Beiträge liegen zu Aufsätzen weiterverarbeitet in dem Band „’Opa war in Ordnung!’ Erinnerungspolitik der extremen Rechten“ vor. Herausgegeben haben ihn Hans-Peter Killguss und Martin Langebach, zwei Mitarbeiter der Veranstalter.

Bereits in ihrer Einleitung machen sie auf die Funktionen „rechter Erinnerungspolitik“ (S. 15) aufmerksam: „Indienstnahme von Geschichte als identitätsstiftendes (überzeitliches) Narrativ“, „Präsentation eines Wahrheit behauptenden Narratives über die ‚deutsche Geschichte’“, „Täter-Opfer-Umkehr und Stilisierung als Aufklärer“ (S. 16-18). Danach geht es in den Beiträgen der Historiker Richard Overy und Jost Dülffer um den Blick auf das Kriegsende am 8. Mai 1945 und die folgenden Jahre in Europa. Erst im nächsten Block steht das eigentliche Thema im Zentrum: Der Historiker Gideon Botsch spricht von einer „historisch-fiktionalen Gegenerzählung“ (S. 54) der extremen Rechten, die Soziologin Lena Inowlocki erörtert die rechtsextremistische Rhetorik der Rechtfertigung im Generationenverhältnis mit „Behaupten, Verleugnen, Heroisieren“ (S. 71) und der Politikwissenschaftler Michael Kohlstruck geht der Deutung des deutschen Volkes als Opfer im Diskurs der Rechtsextremisten hinsichtlich ihres besonderen Nutzens (vgl. S. 86) nach.

Angesprochen werden bei den Vertiefungen von dem Politikwissenschaftler Christoph Kopke und dem Historiker Karsten Wilke die „Heldengeschichten“ als Gegenerzählungen, von der Historikerin Brigitte Bailer die Verharmlosung des NS-Regimes, von dem Historiker Christian Mentel die Leugnung des Holocaust, von dem Archäologen Karl Banghard und dem Sozialpädagogen Jan Raabe der Germanenkult und von der Historikerin Kirsten John-Stucke u.a. der Umgang mit Rechtextremisten an früheren Täterorten. Danach folgen Fallstudien zum Hürtgenwald von der Historikerin Karola Fings, zu Nordhausen von der Historikerin Regina Heubaum und zu „Mein Kampf“ von den Historikern Magnus Brechtken und Ulrich Baumgärnter. Und schließlich gibt es noch Beiträge zur pädagogischen Auseinandersetzung von den Historikern Michael Sturm und Dirk Wilking zu zivilgesellschaftlicher Praxis, von der Kulturwissenschaftlerin Sarah Kleinmann zum Umgang mit Mythen und von dem Pädagogen Jens Tanzmann zum Geschichts- und Politikunterricht.

Die erwähnten Inhalte machen deutlich, dass mit dem auch formal attraktiv und aufwendig gemachten Sammelband eine informative Überblicksdarstellung vorliegt. Den Herausgebern ist es gelungen, wichtige Forscher als Autoren zum Thema zusammenzubringen. Dabei gehen eher theoretisch gehaltene Beiträge mit konkreten Fallstudien einher. Außerdem findet die pädagogische Dimension gesondertes Interesse. So hat man es mit einer „runden Sache“ zu tun. Allenfalls kann das Fehlen von bestimmten Themen kritisch angesprochen werden. So bedeutsam es ist, die Funktionen von Geschichtsverdrehungen durch Rechtsextremisten herauszuarbeiten, so wichtig ist es aber auch, dies inhaltlich aufzuzeigen. So wären etwa Aufsätze zum „Rudolf-Gutachen“ oder der „Präventivkriegsthese“ wünschenswert gewesen. Nur am Rande gehen die Autoren darauf ein, inwieweit rechtsextremistische Geschichtsbilder auch in der Gesellschaft oder Publizistik inhaltliche Anschlusspotentiale oder politische Zustimmungen finden. Gleichwohl handelt es sich um einen gelungen Sammelband.

Hans-Peter Killguss/Martin Langebach (Hrsg.)
„Opa war in Ordnung!“ Erinnerungspolitik der extremen Rechten
Eigenverlag der Info- und Bildungsstädte gegen Rechtsextremismus im NS-DOK der Stadt Köln, Köln, 2016 244 Seiten, 9,90 Euro

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