von Tim Schulz
   

OEZ-Attentat offiziell rechtsextremer Anschlag

Am 22. Juli 2016 tötete David Sonboly im Münchener Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen und verletzte weitere. Die Hintergründe des Attentates sind nach wie vor umstritten. Das Bayerische Innenministerium stufte es nun als rechtsextreme Straftat ein.

In und am Olympia-Einkaufszentrum in München starben neun Menschen und mehrere weitere wurden verletzt, Foto: Thomas Witzgall

Im Abschlussbericht zum OEZ-Attentat, das heute öffentlich gemacht wurde, geht das Innenministerium des Freistaates Bayern umfassend auf die Hintergründe der Gewalttat ein. Neben den Umständen der Tat fasst das Papier auch die Motive des Täters zusammen. Neben den psychischen Problemen und seinen Mobbing-Erfahrungen habe auch Rassismus eine nicht zu verachtende Rolle gespielt. Das Ministerium ordnet die Tat damit als rechtsextrem motiviert ein.

Psychisch kranker Amokläufer oder rechtsextremer Attentäter?

Das war nicht immer so: Bereits kurz nach der Tat gaben die Ermittler zwar bekannt, im Umfeld von David Sonboly auf rechtsextreme Propaganda gestoßen zu sein, ausschlaggebend für die Tat seien allerdings psychische Probleme und Mobbing gewesen. Die Kriminologin Prof. Dr. Britta Bannenberg, Gutachterin des bayerischen Landeskriminalamtes, sah in Sonboly den „typischen, jungen Amokläufer“, der aus Rache- und Gewaltfantasien heraus agiert. Eine politische Botschaft habe er mit seiner Tat nicht verbreiten wollen.

Tatsächlich war der OEZ-Schütze David Sonboly bereits seit seiner Kindheit in psychiatrischer Behandlung. Der Sohn iranischer Einwanderer habe unter anderem an Autismus, Depressionen und Posttraumatischer Belastungsstörung gelitten. Am Tag des Attentates fand man in seinem Blut noch Spuren von Psychopharmaka. Von Mitschülern sei er Ermittlern zufolge intensiv gemobbt worden. David Sonboly war sozial isoliert, flüchtete sich in die virtuellen Realitäten von Videospielen. Und noch brisanter: Er soll bekannte Amokläufer regelrecht verehrt haben. Er studierte in Büchern etwa den Amoklauf an der Columbine High School und besuchte mehrfach die Gedenkstätte des Amoklaufes von Winnenden. War Sonboly also nur ein psychisch labiler Außenseiter?

Experten, die die Tat im Auftrag der Stadt München analysierten, bezweifeln dies. Dem Rechtsextremismus-Experten Matthias Quendt nach werde die „Mehrfachtötung“ schon durch die Opferauswahl „zum rassistischen Hassverbrechen“. Allerdings habe sich Sonboly nicht wie ein typischer rechtsextremistischer Gewalttäter radikalisiert, sondern das Mobbing durch migrantische Mitschüler habe zum rassistischen Weltbild des David Sonboly beigetragen. Hinter der Tat stehe ein Bündel an Ursachen und Motiven. Auch der Politikwissenschaftler Christoph Kopke kritisierte die Festlegung der Behörden auf die Amoklauf-These. Politische und persönliche Motivationen schließen sich nicht aus, so Kopke.

Rassistisches Weltbild mit Gewaltfantasien

Tatsächlich hinterließ Sonboly dutzende Hinweise auf sein rassistisches Weltbild: In dem Manifest, das er verfasste, bezeichnete er Migranten aus der Türkei und dem Balkan als „Viren“, „Untermenschen“ oder „Kakerlaken“ mit „unterdurchschnittlichen IQ“, die er „exekutieren“ wolle. Auf der Videospiel-Plattform Steam fand der Gleichgesinnte: In rechtsextremen Community-Gruppen wie dem „Anti-Refugee-Club“ teilte Sonboly seinen Hass auf bestimmte Gruppen von Migranten mit hunderten anderen Usern. Über die Online-Plattform chattete Sonboly auch mit William A., der ein Jahr später ein Schulmassaker im US-Bundesstaat New Mexico verübte.

Und Sonboly schien sich nicht nur von Amokläufern inspiriert lassen zu haben: Er soll den norwegischen Rechtsterroristen Anders Breivik regelrecht verehrt haben. Ein Foto des Attentäters soll er als Profilbild beim Messenger-Dienst Whatsapp zur Schau gestellt haben. Das OEZ-Attentat fiel offensichtlich nicht ohne Grund auf den fünften Jahrestag der Anschläge von Utøya und Oslo. Für den Politikwissenschaftler und Gutachter Florian Hartleb Grund genug, im Münchener Attentat eine Form des Lone-Wolf-Terrorismus zu sehen. Sonboly sei also ein Einzeltäter, der sich allerdings allerdings nicht im Alleingang radikalisierte sondern eingebettet war in ein „größeres ideologisches Rudel“ – ein Rudel, das vor allem im digitalen Raum umherstreift. Hartleb lässt wenig Interpretationsspielraum: Der OEZ-Schütze war kein Amokläufer sondern Rechtsterrorist.

Parallelen zum Attentat in Halle

Vor gut zwei Wochen versuchte der Rechtsextremist Stephan B. eine Synagoge in Halle zu stürmen. B. tötete zwei Menschen. Der Plan, einen Massenmord an der jüdischen Gemeinde der Stadt zu verrichten, scheiterte weitestgehend. Interessant sind die Gemeinsamkeiten mit dem Massaker in München: Beide Täter waren offenbar sozial isolierte Einzelgänger. Stephan B. äußerte während seiner Tat immer wieder Minderwertigkeitsgefühle. Und beide bewegten sich in der diffusen Szene aus Gaming-Plattformen und obskuren Online-Foren – den Räumen, in denen sie sich immer weiter radikalisierten.

 

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