Obskures Referentenquartett

Beim „Alternativen Wissenskongress“ am Sonntag in Witten geben sich Verschwörungstheoretiker ein Stelldichein. Organisiert wird er von führenden AfD-Funktionären auf Bezirksebene aus Nordrhein-Westfalen.

Mittwoch, 18. März 2015
Rainer Roeser

Die Veranstalter können sich die Hände reiben: Der „1. Alternative Wissenskongress“ (AWK) am Sonntag im westfälischen Witten ist komplett ausgebucht. Um die 800 Teilnehmer werden erwartet. Wer sich zuletzt noch einen Platz sichern wollte, musste mit einer Eintragung auf der Warteliste vorlieb nehmen – in der Hoffnung, dass andere Besucher kurzfristig wieder abspringen würden. Doch inzwischen ist auch diese Liste „völlig überlastet“, wie die Organisatoren mitteilten.

Schlagzeilen hatte der Kongress bereits im vorigen Herbst gemacht. Wegen der Referenten, vor allem aber wegen der Organisatoren: Die fünf Bezirksverbände der nordrhein-westfälischen AfD luden zu der Veranstaltung ein. Sie boten vier Referenten auf, die sich zwar teils mit Professorentiteln schmücken können, tatsächlich aber nicht so recht zum (früheren) Image einer seriösen „Professorenpartei“ passen wollen: den von weit links nach weit rechts gewanderte Jürgen Elsässer etwa, Herausgeber des Monatsmagazins „Compact“, den ebenfalls zur Riege der Verschwörungstheoretiker zählenden Andreas Popp oder Prof. Karl Albrecht Schachtschneider, der des Öfteren durch seine Kontakte nach rechtsaußen auffiel, zum Beispiel schon bei der FPÖ und bei „pro Köln“ referierte und 2005 von der sächsischen NPD-Fraktion zu einem Experten-Hearing im Landtag eingeladen wurde. Und last but not least Prof. Karl Hamer, dem die FAZ ein „krudes Weltbild“ bescheinigte. (bnr.de berichtete)

Landesvorsitzendem fehlt die „Ausgewogenheit“

Sogar AfD-Bundessprecher Bernd Lucke schaltete sich in die Diskussion über den Kongress ein, offenbar in Sorge um das Image seiner Partei: „Unter den Referenten scheinen sich Verschwörungstheoretiker und Wirrköpfe zu befinden“, befand er, vorsichtig formulierend, im Gespräch mit der „Welt“. Wen genau er meinte, verriet er allerdings nicht. Womöglich wäre es ihm auch schwer gefallen, hätte er zum Beispiel doch erklären müssen, warum etwa Elsässer beim Erfurter Parteitag der AfD im vergangenen Jahr mit einem eigenen Stand für sein verschwörungstheoretisches „Compact“ hatte werben dürfen. Bei der Auswahl der Referenten seien die Veranstalter nicht gut beraten gewesen, meinte Lucke jedenfalls und riet ihnen, ihr Konzept zu überdenken.

Den Fingerzeig seines Parteichefs nahm sogar der nordrhein-westfälische AfD-Landesvorsitzende Marcus Pretzell auf, der eigentlich der Riege der Lucke-Gegner zugerechnet wird. Pretzell fehlte offenbar die „Ausgewogenheit“ der Veranstaltung: „Man kann über alles diskutieren, aber dann müssen auch Vertreter unterschiedlicher Auffassungen an einen Tisch“, zitierte ihn die „Welt“. Über den Kongress in dieser Form sei er alles andere als glücklich, ließ Pretzell wissen und betonte, sein Landesvorstand habe mit der Veranstaltung nicht das Geringste zu tun.

Den Rat Luckes, das Konzept ihrer Veranstaltung zu überdenken, schlugen die Organisatoren in den Wind. Das obskure Referentenquartett blieb. Allerdings wurde der Veranstalter – formal – ausgetauscht. Dies sind nun nicht mehr die fünf AfD-Bezirke zwischen Köln und Detmold. Stattdessen lädt nun ein „Verein zur Förderung des politischen Dialogs“ nach Witten ein, der kurzerhand mit der für Vereine vorgeschriebenen Mindestzahl von sieben Mitgliedern gegründet worden war.

„Klar- und Freidenker zu Wort kommen lassen“

Die Crew der Organisatoren blieb offenbar zusammen. Im Impressum der Internetseite zum AWK zeichnet Udo Hemmelgarn verantwortlich. Er ist Sprecher des ostwestfälischen AfD-Bezirks Detmold und des Kreisverbands Gütersloh. Im Gütersloher Kreistag gehört er mit einem weiteren AfDler und zwei Vertretern der FDP einer gemeinsamen „Liberalen Fraktion“ an – was seit Monaten bei der FDP bis hin zur Landesebene für Verdrückung sorgt. Als Vorsitzenden des „Vereins zur Förderung des politischen Dialogs“ nannte Hemmelgarn seinen Parteifreund Sebastian Schulze, den stellvertretenden Sprecher im von Dortmund bis Siegen reichenden AfD-Bezirksverband Arnsberg sowie im heimischen Kreisverband Märkischer Kreis.

Für die Betreuung der Medien beim Wittener Kongress zeichnet Ingo Schumacher verantwortlich. Er ist Sprecher des AfD-Bezirksverbands Köln und des Stadtverbands in Aachen. Nach Recherchen des WDR organisierte Nic Vogel den Vorverkauf der Veranstaltung. Vogel ist stellvertretender Sprecher des AfD-Bezirksverbands Düsseldorf sowie Vorstands- und Ratsmitglied in der Landeshauptstadt. Auch wenn also die AfD nicht mehr als Veranstalter auftritt – führende Funktionäre der Partei auf Bezirksebene führen immer noch Regie.

Man wolle „sowohl Klar- und Freidenker, als auch Andersdenkende zu Wort kommen“ lassen, heißt es auf der Internetseite zum Kongress. Nach dem Wochenende wird man ahnen können, wie „klar“ und „frei“ in großen Teilen der AfD-Basis gedacht wird.

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