von Marc Brandstetter
   

NPGida: NPD kapert Schweriner Pegida-Demonstration

„Wir sind das Volk“ schallte es gestern Abend durch die Straßen von Schwerin. Das „Volk“ bestand indes vor allem aus jungen Männern, mehrheitlich Sympathisanten der NPD, und Führungskadern der Partei. Nicht nur deshalb verbuchen Beobachter den ersten „Spaziergang“ des Pegida-Ablegers Mvgida in der Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern als Etikettenschwindel.

Routiniert dirigierte der stellvertretende Geschäftsführer der NPD-Fraktion im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern, Michael Grewe, den Demonstrationszug. Mit scharfem Ton wies das wegen Landfriedensbruch und gefährlicher Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe verurteilte Landesvorstandsmitglied der Rechtsextremisten die Teilnehmer des ersten Mvgida-„Spazierganges“ (Mecklenburg-Vorpommern gegen die Islamisierung des Abendlandes) in der Landeshauptstadt Schwerin an, „aufzuschließen“ oder „stehenzubleiben“. Die nach Polizeiangaben rund 350 Personen, die sich hinter dem Fronttransparent „Gegen religiösen Fanatismus. MVGIDA. Wir sind das Volk“ eingereiht hatten, gaben sich alle Mühe, den Kommandos des NPD-Kaders umgehend zu folgen.

Offensichtlich brachten sie reichlich Demonstrations-Erfahrung mit. Kaum überraschend, liefen doch vor allem junge Männer aus dem Kameradschafts-Spektrum, NPD-Anhänger, ein paar jüngere Frauen sowie wenige „Wutbürger“ im Seniorenalter durch die dunklen Straßen der Landeshauptstadt. Die Lichter der öffentlichen Gebäude im Regierungsviertel waren erloschen, ein Zeichen dem Vorbild Kölns folgend, dass diejenigen Kräfte, die einen Keil in die Gesellschaft treiben wollen, in Schwerin nicht willkommen sind. Nur in der sechsten Etage des Schlosses, in den Räumen der NPD, brannten alle Lampen auf höchster Stufe.

Feindbild „Lügenpresse“

Unterdessen redete Stefan Köster, Landeschef der NPD, aufgeregt auf einen Journalisten ein und beschuldigte ihn, nicht die Wahrheit zu schreiben. Ohnehin schienen die meisten Mvgida-Anhänger die Medien zu ihrem größten Feindbild erklärt zu haben. Immer wieder riefen sie Parolen wie „Lügenpresse“ oder „Lügenpresse halt die Fresse“ in die Nacht. Journalisten, die sich am Rande der Demonstration aufhielten, wurden beleidigt oder ihnen wurde in die Kamera gegriffen. Am Rande des Geschehens fertigte NPD-Anhänger Martin Götze mit einer Videokamera derweil Aufnahmen von den Pressevertretern an.

Gegen 18.30 Uhr versammelten sich die Teilnehmer des Mvgida-Marsches unter dem Schlachtruf „Frei, sozial und national“ an der Siegessäule im Alten Garten. Unweit, nur durch eine Straße getrennt, war zu diesem Zeitpunkt die Gegenkundgebung bereits in vollem Gange. Unter die gut 800 Menschen hatten sich auch die Spitzen der Landespolitik wie Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD), Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD), der Vorsitzende der Fraktion Die Linke, Helmut Holter, oder Silke Gajek (Grüne) gemischt.

Neonazis unter sich

Die selbsternannten Islamisten-Gegner hatten ebenfalls Szene-„Prominenz“ zu bieten. Kösters Landtagskollege Tino Müller ließ es sich nicht nehmen, selbst als Träger eines Plakates in Erscheinung zu treten. Sein Chef, der Vorsitzende der Landtagsfraktion, Udo Pastörs, wurde gemeinsam mit seiner Frau Marianne gesehen. Thomas Wulff, NPD-Chef in Hamburg, suchte sich seinen Platz in den vorderen Reihen. Vor wenigen Wochen hatte die damalige NPD-Führung um Pastörs noch den Parteirauswurf des bekannten Neonazis vorangetrieben, nun gehört er als Beisitzer selbst zum Bundesvorstand. Wie einige andere Gesinnungsgenossen marschierte Wulff mit entzündeter Fackel los.

Bereits nach wenigen Metern leitete die Polizei den Mvgida-Protestzug durch die Geschwister-Scholl-Straße um, da die ursprünglich geplante Route über die Schlossstraße, vorbei an der Staatskanzlei, durch mehrere Hundert Gegendemonstranten blockiert wurde. Einzelne Böller zeugten vom Unmut der „Spaziergänger“. Am Paffenteich, dem Ort der ersten Kundgebung, holte der Redner dann zu einem Rundumschlag aus. Er wetterte gegen „Wirtschaftsasylanten“ – gegen „echte“ Flüchtlinge, ausländische Studenten und Gäste habe man natürlich nichts – die Medien und „Sytempolitiker“, die zuvor Front gegen die Pegida gemacht hatten. Besonders Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) wurde hart angegangen und als „kleiner Wicht“ beschimpft. Von der Wortwahl hätte der Beitrag auch auf einen NPD-Aufmarsch gepasst. Kaum unterschiedlich fiel die zweite Rede vor dem Rathaus aus. Der Rückweg zur Siegessäule wurde durch eine kleinere Blockade, die von der Polizei teilweise geräumt wurde, teilweise wurden die Mvgida-Demonstranten an ihr vorbeigeführt, kurz unterbrochen.

Angriffe nach Kundgebungsende

Danach zerstreuten sich die „Spaziergänger“ in alle Winde. Friedlich blieb es aber nicht. Die Polizei nahm zwei Anzeigen wegen gefährlicher Körperverletzung auf. Zunächst attackierte ein Mvgida-Sympathisant einen Gegendemonstranten, die anwesenden Polizeikräfte beobachteten die Szene, und nahmen den Mann in Gewahrsam. Später meldete sich ein Ordner der Mvgida auf dem Schweriner Polizeirevier und gab an, an seinem Auto angegriffen worden zu sein. Die Ermittlungen dauern hierzu an, sagte ein Polizeisprecher zu ENDSTATION RECHTS..

Auf der Abschlusskundgebung kündigte MVGida an, wiederzukommen. Eine Anmeldung liegt bislang nicht vor.  

Kommentare(12)

Grambauer Dienstag, 13.Januar 2015, 14:39 Uhr:
Sehr geehrtes ER-Team,

zu welchem Zeitpunkt soll am Alten Garten der Schlachtruf "frei, sozial, national" erklungen sein? Ich war ab 18:30 da und habe diese Slogan NICHT gehört! Und ich habe ganz genau hingehört, was an diesem Abend alles gerufen wurde. Dazu zählten in erster Linie unzählige Beleidigungen - teilweise auf unterstem Niveau - von den Gegendemonstranten. Aus deren Reihen wurden später auch Böller in den MVGIDA-Zug geworfen!

Warum echauffieren sie sich überhaupt über einige prominente NPD-Kader, die bei der MVGIDA mitgelaufen sind? Diese sind zwar nicht gerade erwünscht, dennoch steht es jedem frei, sich anzuschließen. Immerhin haben sie nicht agitiert, sondern sich friedlich benommen. Und bevor es ans große Distanzieren geht, sollten sich lieber MP Erwin Sellering oder OB Angelika Gramkow von dem gewalttätigen Klientel auf ihrer Kundgebung distanzieren.

Die Angaben von 350 Personen beim MVGIDA-Zug bezweifle ich aus der Perspektive des Augenzeugen als stark untertrieben. Das muss wohl eine sehr frühe Zählung gewesen sein.
 
Afa Rostock Dienstag, 13.Januar 2015, 18:06 Uhr:
Bitte einmal genaue Zahlen schreiben.

NDR schreibt was von 200
Endstation Rechts schreibt 350
MVGIDA 1000
Polizei Schwerin 800
Schweriner Volkszeitung 700

Was den nu? Interassant wäre für unseren Artikel eine genaue Zahl zu bekommen.
 
Björn Dienstag, 13.Januar 2015, 18:32 Uhr:
Wenn man sich die Meldungen der Polizei anschaut, dann steht da nichts von einer Gewalttat von Pegida ausgehend. Lediglich die Gewalttat eines Pegida-Hassers wurde vermerkt.

Nach Schwerin fuhren Freunde von mir und ich bin froh, dass erstmals auch Menschen aus meinem Freundeskreis teilnahmen, die sonst nichts mit meiner politischen Einstellung anfangen können.

Aber die Gewalt und der Hass, der ihnen dort entgegenschlug von Seiten der Pegida-Feinde hat sie erschreckt und zum Nachdenken gebracht.

Wie lächerlich ist es Bitte, wenn ihr Pegida vorwerft, dass dort auch Menschen mit NPD Parteibuch toleriert werden, aber gleichzeitig auf der Gegendemo Fahnen der MLPD geschwenkt werden. Auch die Angehörigen der vom Verfassungsschutz als linksextrem und gewaltbereit eingestuften Antifaband Feine Sahne... haben es sich nicht nehmen lassen bei den Pegida-Feinden mitzumarschieren. Sie geben mit entsprechenden Fotos auf ihrer FB Seite an.

Immerhin eine Band die offiziell als antidemokratisch eingeschätzt wird und deren Mitglieder laut Innenminister Caffier alle samt wegen Gewalttaten vorbestraft sind.

Von diesen Extremisten und Gewalttätern distanzieren sich die Organisatoren der Anti-Pegida Demo nicht. Während Pegida und auch MVgida mit ihrem Fronttransparent und dem darauf zusehenden HK, welches in den Abfall fliegt, deutliche Distanz zu Links- wie Rechtsextremen zeigt, gibt es bei den Pegida-Feinden keine Distanzierung von Extremismus und Gewalttat.
 
Schweriner Dienstag, 13.Januar 2015, 20:49 Uhr:
Sehr geehrter Grambauer,

hören sie nächstes Mal ein wenig genauer hin, "Frei, sozial und national" wurde mehrfach aus MVgida Reihen angestimmt - erhielt zwar nicht so viel Zuspruch wie "lügenpresse" oder "Wir sind das Volk", war vom Alten Garten aus aber doch sehr deutlich zu hören. Das dürfte so um 18:30 gewesen sein, auf die Uhr geschaut habe ich jedoch nicht. Und auch sonst scheinen sie an diesem Abend ein wenig neben der Spur gewesen zu sein, denn ansonsten hätten sie doch sicherlich bemerkt, dass aus der Gegendemonstration keine Böller flogen. Die wenigen gezündeten, die mir auffielen, kamen aus Richtung MVgida - und landeten, in dem einen Fall, den ich aus nächster Nähe beobachten konnte, zwischen den, die beiden Gruppierungen trennenden, Polizisten.

Warum sich über NPD-Kader echauffiert wird? Weil diese eindeutig rassistische, allgemein menschenverachtende und in vielen Fällen verfassungsfeindliche Inhalte vertreten. Dass es denen freisteht demonstrieren zu gehen wurde in diesem Artikel doch auch nirgends bestritten. Und von welchem gewalttätigen Klientel sprechen sie denn hier? Von dem Angriff, der auf einen Ordner stattgefunden haben soll? Der ist im Gegensatz zu dem Angriff eines MVgida-Demonstranten auf einen Gegendemonstranten nicht auf Video gebannt worden - kann natürlich trotzdem stattgefunden haben, aber selbst wenn spricht die Statistik wohl klar gegen MVgida, 1/350 ist immer noch größer als 1/800.
 
Irmela Mensah-Schramm Dienstag, 13.Januar 2015, 21:57 Uhr:
@Grambauer

Schlimm genug, mit den Ekelnazis mitzulatschen!
Und wer bei derartigen Demos mitlatscht, hört nur, was man hören will.
Das ist altbekannt.
MVGIDA NIE WIEDA!
Es gehört schon viel dazu, dass man sich an derartigen Aufzügen beteiligt!

M üll
V oll (davon)
G iftig
I slamhass
D eutsch-national
A risch-blöd!
Das ist MVGIDA!
 
wirt Dienstag, 13.Januar 2015, 23:30 Uhr:
Sehr geehrter Herr Grambauer

Ich bin da genau ihrer Meinung .Jedoch heißt doch das Unwort des Jahres " Lügen Presse" da brauch man sich nicht zu wundern. Und was unserem West Import und der OB angeht das sind Marionetten die werden gelenkt und geleitet.
 
Max Mittwoch, 14.Januar 2015, 00:38 Uhr:
Grambauer, ich würde mal dringend zum Ohrenarzt gehen.
Auf youtube gibt es ein Video, wo dieser Ruf genau zu hören ist.
https://www.youtube.com/watch?v=9DtH-lUmj3g und zwa genau bei 08.43.
 
Redaktion Mittwoch, 14.Januar 2015, 10:29 Uhr:
Zur Klarstellung:

Bereits zu Beginn der Mvgida-Kundgebung wurden an der Siegessäule Böller angezündet und geworfen. Später auch vor der Staatskanzlei, wo eine kleine Blockade war. Beides haben wir mit eignen Augen gesehen. Genauso wie wir deutlich den Schlachtruf "Frei, sozial und national" an der Siegessäule vernommen haben.

Die von uns wiedergegebenen Zahlen stammen von der Polizei. Sie decken sich mit unserer eigenen Zählung, die wir zumindest bei Mvgida während des Marsches durchgeführt haben.

Mvgida: Ca. 350 Personen
Gegendemonstration: Ca. 800 Personen

Der Übergriff eines offensichtlichen Mvgida-Sympathisanten wurde uns auf Nachfrage von der Presseabteilung der Polizei Schwerin bestätigt.
 
Roichi Mittwoch, 14.Januar 2015, 13:28 Uhr:
@ Björn

"Wenn man sich die Meldungen der Polizei anschaut, dann steht da nichts von einer Gewalttat von Pegida ausgehend. Lediglich die Gewalttat eines Pegida-Hassers wurde vermerkt. "

Du darfst dir gerne auch nebenan das Viedeo angucken:
http://www.endstation-rechts.de/news/kategorie/demonstrationen-1/artikel/npgida-npd-kapert-schweriner-pegida-demonstration.html

"Wie lächerlich ist es Bitte, wenn ihr Pegida vorwerft..."

Die Frage darfst du dir selbst stellen. Immerhin sind etliche deiner Kamerraden einschlägig vorbestraft.


@ wirt

Machst du jetzt den Ersatz für die gestellte Henriette?
 
Insider wissen mehr! Mittwoch, 14.Januar 2015, 14:16 Uhr:
So schnell geben „Samen-Kanonier“ Pastörs und „Geheimrat“ Köster nicht auf: Das Ausschlußverfahren gegen Thomas Wulff läuft auch nach seiner Wahl in den NPD-Parteivorstand weiter!
 
Grambauer Mittwoch, 14.Januar 2015, 18:16 Uhr:
@Max:
Stimmt, ich habe es mir auf dem Video angehört. Das wird wohl der Trupp der NPD'ler gewesen sein, die recht schnell gemerkt haben, dass diese Parole hier nicht erwünscht ist. In unserer Gegenwart bzw. von der überwiegenden Mehrheit wurde das nicht gerufen.

@Schweriner:
Ein paar Meter von mir entfernt ist ein Böller explodiert, der von Gegendemonstranten in den Zug geworfen wurde. Wenn sie das umgekehrt auch beobachtet haben, gibt es wohl auf beiden Seiten einige Gestalten, denen sehr an einer Eskalation der Geschehnisse gelegen ist.

Ich würde mir wünschen, dass beim nächsten Mal noch mehr Bürger mitlaufen. Es werden wohl (zu) viele, die nicht mit der NPD in einem Atemzug genannt werden wollen, erstmal abgewartet haben. PEGIDA ist nicht parteilich.
 
Thomas Donnerstag, 15.Januar 2015, 14:13 Uhr:
Mal sehen, ob das von Dauer ist – klingt aber gut, aus West-Mecklenburger Sicht zumindest.

»Liebe Freunde und Unterstützer,
nach reiflicher Überlegung des Mvgida - Orgateams aus Schwerin,Wismar, Rostock und Stralsund ist eine gemeinsame Entscheidung gefallen. Vorerst findet immer nur ein Abendspaziergang jeden Montag für ganz Mecklenburg Vorpommern statt. Wir können so die organisatorischen Kräfte etwas bündeln.
Am Montag den 19.01.2014 ist es deshalb wieder soweit:
[…] Treffpunkt 18.30 Uhr in Stralsund.«
Ich so gerade auf Facebook:
Da war die Masse also doch zu groß in Schwerin :) #schwegdida
Wenn jemand ganz unironisch da was liken will, das geht gerade gut:
»Schade das ist mir und viele meiner Bekannten zu weit.«
»Lück Sen Jetzt können sich diese ganzen Antispinner, die auf der Schweriner Gegendemo waren, schön auf die Schulter klopfen, dass sie was bewirkt und uns aus Schwerin vertrieben haben. Klasse...«
usw.
 

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