NPDler suchen Schulterschluss

Braune Kameradschaften marschieren am Samstag unter dem Motto „Freiheit erkämpfen“ durch Stralsund – professionelle Unterstützung erhielten sie von der NPD.

Montag, 26. September 2016
Rike Schröder

Der erste rechte Aufmarsch nach dem Auszug der NPD aus dem Landtag von Mecklenburg-Vorpommern fand am vergangenen Samstag in  Stralsund statt. Obwohl öffentlich versucht wurde, den Anschein der Parteiunabhängigkeit zu wahren, war schnell ersichtlich, dass Teile der Strukturen von NPD-Personal gestellt wurden.

Am frühen Nachmittag gegen 14.00 Uhr trafen an dem Samstag die ersten rechten Demonstranten am Auftaktkundgebungsort hinter dem Bahnhof in  Stralsund ein. Das Aufmarschmotto war an diesem Nachmittag „Freiheit erkämpfen“. Bis zum Start erhöhte sich die Teilnehmerzahl schleppend auf 130. Lediglich ein geringer Teil der Demonstranten stammte  augenscheinlich aus Stralsund. Vorwiegend reisten die Neonazis, die größtenteils in Kameradschaftsstrukturen organisiert sind, mit dem Zug an. Auf den gezeigten Transparenten oder Pulloveraufdrucken standen Gruppennamen, wie „NS Waren“, „Nationale Sozialisten Schwerin“, „Nationale  Aktivisten MuP“, „Rostocker Division“ oder „NS Rostock“.

Das „Deutsche Volk im Krieg“

Auch wenn  offenkundig keine NPD-Fahne oder -Transparent zu sehen war und nur vereinzelt ein NPD-T-Shirt sowie ein NPD-Stoffbeutel auftauchte, war schnell klar, wer die Grundstruktur des Aufmarschs stellte. Der NPDler Norman Runge hielt nicht nur eine Rede während der Zwischenkundgebung sondern führte mit gewohnter Professionalität die Konversationen mit den Ordnungsbehörden und Kameraden. Runge organisierte auch den Aufbau  der Technik, wies die Ordner ein und strukturierte die Durchführung  des Aufmarsches. Er kandidierte auf Platz 6 der Landesliste der NPD zu den Landtagswahlen und ist inhaltlich Verantwortlicher der NPD-Internetseite.

Mit an Runges Seite war die Landesvorsitzende der NPD-Frauenorganisation „Ring Nationaler Frauen“ Antje Mentzel. Sie stand bei der Landtagswahl auf Platz 18 der NPD-Landesliste. In ihrer Rede während der Zwischenkundgebung thematisierte Mentzel ausschließlich das Aufmarsch-Motto „Freiheit erkämpfen“. Die Aufmerksamkeitsspanne der Zuhörer wurde allerdings nicht sehr strapaziert. In zweiminütigen Rede brachte sie vorwiegend Thesen und  Parolen hervor, die inhaltlich nicht näher erläutert wurden. So behauptete sie, das „Deutsche Volk“ sei in einem Krieg. Mentzel rief: „Deutsches Volk vereinige dich und kämpfe! Kämpfe gegen diese  perversen Volksmörder, die jetzt schon unzählige Kinderseelen,  Frauenpsychen und Obdachlosenleichen auf dem Gewissen haben!“

Runge versuchte mit seiner Rede mehr Inhalt unter die braunen Kameraden zu  bringen. Er übte sich vorwiegend in Kapitalismuskritik mit fragwürdigen Lösungsvorschlägen, für den er die „Deutsche  Volksgemeinschaft“ mit national, völkischen Gedanken als Lösung für die von ihm ausgeführten, negativen Erscheinungsformen des Kapitalismus  sieht. Nachdem die Zwischenkundgebung beendet war, war nur noch wenig von der inhaltlichen Ausrichtung des Aufmarsches übrig.

Neugründung „Nationale Sozialisten Schwerin“

Da der Kühler des Lautsprecherwagens defekt war, musste dieser an Ort und Stelle stehen bleiben. Die Demonstranten machten sich dann ohne musikalische Untermalung in Form von Rechtsrock oder eingesprochenen  Redeschnipseln auf den Weg zur restlichen Aufmarschroute. Sprechchöre  mit rechten Parolen und Forderungen waren nur selten zu hören. Vorwiegend waren die Neonazis damit beschäftigt, Gegendemonstranten zu bepöbeln oder die anwesenden Pressevertreter zu beleidigen. Besonders hervor taten sich dabei die Gruppierungen „NS  Waren“ und „Nationale Sozialisten Schwerin“.

Die „Nationalen  Sozialisten Schwerin“ sind wohl die jüngste Gruppierung unter den Kameradschaften. Vor einer Woche gründeten sie sich größtenteils aus den übrig gebliebenen Mitgliedern der extrem rechten Splittergruppe „Dachverband Deutschland wehrt sich“, der sich am vergangenen Samstag offiziell  auflöste. Von den neuen Mitgliedern der Gruppe „Nationale Sozialisten  Schwerin“, die mit uniformiertem Erscheinungsbild auftraten, war man  bereits bei DWS-Aufmärschen ähnlich undiszipliniertes Verhalten  gewöhnt. Mehrfach mussten die Aufmarschteilnehmer von den  Polizeikräften und Ordnern in ihre Schranken verwiesen werden.

Stärkung der lokalen Kameradschaftsstrukturen

Die NPD-Frau Antje Mentzel war in der Vergangenheit in  rechten Kameradschaften aktiv. So gründete sie Anfang der 2000er Jahre die Kameradschaft „Bund deutscher Kameraden“, in deren Zusammenhang sie vom Rostocker Landgericht als  Heranwachsende wegen der Bildung einer kriminellen Vereinigung  verurteilt wurde. Da ist es nicht verwunderlich, dass ihr die Unterstützung von Kameradschaftsaktionen besonders am Herzen liegt.

Zeitweise organisierten NPDler, unter denen sich auch Antje Mentzel befand, wöchentlich rassistische Aufmärsche unter dem Namen „MVgida“. Ein  wachsender Protest blieb aus. Die Teilnehmerzahlen schwankten stark, bis sie stagnierten. Bislang befindet sich der  mecklenburg-vorpommersche Pegida-Ableger offiziell immer noch in der „Sommerpause“. Mit diesem Versuch gelang es der NPD nicht, eine neue  Wählerschaft zu erreichen. Mit dem Übernehmen von wichtigen organisatorischen Aufgaben bei dem Aufmarsch in Stralsund durch führende NPD-Kader widmen sich einige Aktivisten der Partei wohl wieder der Stärkung der lokalen Kameradschaftsstrukturen.

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