von Oliver Cruzcampo
   

NPD sagt Demminer „Trauermarsch“ ab

Für die NPD ist es einer der wichtigsten Termine des Jahres – der sogenannte Trauermarsch in Demmin. Dieses Jahr wird der Aufzug allerdings komplett ausfallen, Schuld seien strenge Auflagen aufgrund der Corona-Pandemie. Die NPD fühlt sich entrechtet und bekam derweil auch Post von der AfD.

Neonazis auf dem "Trauermarsch" im vergangenen Jahr

Der „Trauermarsch“ würde in diesem Jahr „ausnahmsweise“ nicht stattfinden, schreibt der NPD-Landesvorsitzende Stefan Köster am späten Mittwochabend. Wenige Tage zuvor hatte Köster seine Anhänger bereits darüber informiert, dass erst mit einer kurzfristigen Entscheidung zu rechnen sei. Nun folgte die komplette Absage. Einerseits dürften sich Linke „`coronafrei´ versammeln“, so Köster, „aufrichtige Deutsche“ würden allerdings „in großem Maße entrechtet werden“. Daher werde die NPD in diesem Jahr auf den Aufzug verzichten, gleichzeitig wird zu dezentralen Aktionen und Kranzniederlegungen aufgerufen.

1. Mai und 8. Mai

Seit 2006 marschieren Revisionisten durch Demmin, für die NPD, die maßgeblich an der Organisation beteiligt ist, eine herbe Niederlage. Der Landesverband, der mit der Landtagsfraktion als eine der aktivsten und gleichzeitig radikalsten Gliederungen galt, musste neben dem anhaltenden Niedergang der Bundes-NPD nun auch auf die zwei relevantesten Termine des Jahres verzichten: den 1. und den 8. Mai.

Neonazi-Trauermarsch DemminFotos des NPD-Aufmarsches 2019

Auf eine Versammlung am „Tag der deutschen Arbeit“, wie es in rechtsextremen Kreisen heißt, wurde dieses Jahr verzichtet. Die behördlichen Beschränkungen aufgrund der Pandemie haben zur Entscheidung sicherlich beigetragen, in Mecklenburg-Vorpommern sind Versammlungen mit bis zu 50 Teilnehmern jedoch erlaubt. Dennoch werden sich die Absagen sicherlich nicht förderlich auf den ohnehin anhaltenden Mitgliederschwund auswirken. Ein Sympathisant scheint sichtlich enttäuscht und wirft der rechtsextremen Partei vor: „Es hätte Mittel und Wege gegeben um denn jährlichen Trauermarsch ab zu halten“ (sic!).

In Demmin kam es zwischen dem 30. April und 3. Mai 1945 zu Massensuiziden, die seit 2006 von Neonazis instrumentalisiert werden. Einseitig wird seitdem von der NPD die Rote Armee als einzig verantwortliche Partei dargestellt, auch eine kaum stattgefundene Aufarbeitung der Geschichte, vor allem zu DDR-Zeiten, tat ihr Übriges. Seitdem marschieren alljährlich rund 200 Neonazis durch die Hansestadt, um am Ufer der Peene einen Kranz in den Fluß zu werfen. 2017 thematisierte Martin Farkas die Hintergründe in der sehenswerten Dokumentation „Über Leben in Demmin“.

AfD schickt NPD Offenen Brief

In die diesjährige Debatte zum 75. Jahrestag der Ereignisse in Demmin mischte sich auch die lokale AfD, die eine Fraktion in der Stadtvertretung stellt. Die Fraktionsvorsitzende Norina Mittendorf und Romy Schult, Kreistagsabgeordnete für die AfD, schrieben der NPD und dem an den Gegenprotesten beteiligtem Aktionsbündnis „8. Mai Demmin“ einen Offenen Brief, in dem das Einstellen der Aktionen rund um den 8. Mai gefordert wird. Die Rede ist von „unsäglichen Demos“. Damit verkennt die AfD aber zumindest teilweise das Anliegen des Aktionsbündnisses, denn dort werden Kundgebungen vor allem aus dem Grund organisiert, um Neonazis nicht unwidersprochen durch die Stadt laufen zu lassen.

Die NPD griff den Offenen Brief der AfD – wenig überraschend – genüsslich auf und sicherte sich so etwas Aufmerksamkeit. Landeschef Köster warf den beiden Initiatorinnen vor, ihren „Anstand und ihre Würde“ zu opfern. Eine Reaktion der AfD folgte auf dem Fuß. „NPD sagt 8.Mai Demo in Demmin ab, und gedenkt der Opfer an anderer Stelle!!!!!! Diesen Schritt begrüßen wir ausdrücklich“, schreibt die AfD auf ihrer Facebook-Seite. Eine inhaltliche Abgrenzung sucht man vergeblich.

Das Demminer Aktionsbündnis wird sich am 8. Mai nun erstmals seit vielen Jahren die Straßen nicht mit Neonazis teilen müssen, die verkürzten Veranstaltungen sollen trotz Absage der NPD stattfinden.

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