„Blood and Honour“
Noch ein Ermittlungsverfahren gegen das militante Neonazi-Netzwerk
Vor 25 Jahren wurde das extrem rechte Netzwerk „Blood and Honour“ in Deutschland verboten. Doch bis heute ist es den Behörden nicht gelungen, die Strukturen zu zerschlagen. Nach den Generalstaatsanwaltschaften in Stuttgart und Düsseldorf hat nun auch die Staatsanwaltschaft Halle an der Saale Ermittlungen gegen Rechtsextreme aufgenommen, die die verbotene Vereinigung weiter betrieben haben sollen. Das wenig stringente Vorgehen hat Tradition.
Allzu auskunftsfreudig gibt man sich bei der Staatsanwaltschaft in Halle nicht. Dass die Anklagebehörde in der sachsen-anhaltinischen Stadt gegen mutmaßliche Aktivisten des verbotenen „Blood and Honour“-Netzwerks ermittelt, erfuhr die Öffentlichkeit nur durch Zufall. Der in Ingolstadt erscheinende „Donaukurier“ hatte von einer Razzia bei einem 46-Jährigen aus dem mittelfränkischen Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen erfahren. Auf Nachfrage bei den Behörden stellte sich heraus: Der Mann aus Haundorf soll die im September 2000 verbotene deutsche Division des internationalen Neonazi-Netzwerks „Blood and Honour“ weiterbetrieben haben – zusammen mit zehn weiteren Männern aus sechs Bundesländern.
So jedenfalls vermutet es die Hallenser Staatsanwaltschaft. Und viel mehr will Sprecher Benedikt Bernzen eigentlich auch nicht verraten. Bloß so viel lässt sich der Staatsanwalt entlocken: Zwischen 38 und 51 Jahren seien die Beschuldigten alt. Mitte November sei zeitgleich an rund 15 Orten in Bayern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen durchsucht worden. „Dabei wurden insbesondere elektronische Speichermedien sichergestellt, die nun auszuwerten sind“, teilt Bernzen mit. In Haundorf habe man zudem eine „Chemikalie“ gefunden. „Um was es sich dabei genau handelt, ist Gegenstand der weiteren Untersuchungen.“
Verbindungen zum NSU
„Blood and Honour“ – der Name nimmt Bezug auf die Losung „Blut und Ehre“ der Hitler-Jugend – wurde vor fast 40 Jahren in Großbritannien von Ian Stuart Donaldson gegründet, dem 1993 gestorbenen Sänger der Neonazi-Band „Skrewdriver“. Zu dem militant-rechtsextremen Netzwerk rechnen sich Gruppierungen und Rechtsrock-Bands aus zahlreichen Ländern weltweit. In Deutschland war „Blood and Honour“ bis zum Verbot besonders aktiv, produzierte neonazistische Musik, veranstaltete Hunderte von Konzerten, propagierte „Rassenkrieg“ und Terror. Auch der rechtsterroristische Nationalsozialistische Untergrund (NSU) hatte Verbindungen zu dem Netzwerk. Nach der Selbstenttarnung des NSU wurde bekannt, dass „Blood and Honour“ von zahlreichen V-Leuten des Verfassungsschutzes durchsetzt war.
Etliche Ermittlungsverfahren wegen Verstoßes gegen das Vereinigungsverbot (Paragraf 85 des Strafgesetzbuchs) sind in den vergangenen 25 Jahren angestrengt worden. Die meisten verliefen im Sande oder endeten, wenn sie denn in Anklagen mündeten, äußerst glimpflich für die Neonazis. Zuletzt ließ im August 2022 das Landgericht München I neun „Blood and Honour“-Aktivisten vor allem aus Süddeutschland mit Geld- oder Bewährungsstrafen davonkommen. Eine Gruppierung, die ihre Nähe zu „Blood and Honour“ schon im Namen kaum zu verbergen sucht, rückte dagegen erst dieses Jahr in den Fokus der Ermittlungsbehörden: die „Brothers of Honour“.
Weitere Ermittlungen
Die Neonazi-Vereinigung, die nach dem Vorbild von Rockerclubs organisiert ist und entsprechend mit Kutten und Patches auftritt, fiel erstmals 2019 auf. Zu den führenden Köpfen soll Marko Gottschalk gehören, Sänger der Dortmunder „Blood and Honour“-Band „Oidoxie“. Sechs Jahre gingen ins Land, bis die Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf Ermittlungen gegen ihn und vier weitere mutmaßliche „Brothers of Honour“-Mitglieder aufnahm. Ende Juni 2025 wurden drei Wohnungen in Nordrhein-Westfalen (in Dortmund, Düsseldorf und im Kreis Kleve) sowie zwei in Rheinland-Pfalz durchsucht. Das aktuelle Alter der Tatverdächtigen gibt die Behörde mit 36 bis 57 Jahren an. „Unter anderem sollen sie rechtsextremistische (Musik-)Veranstaltungen besucht und veranstaltet haben“, erklärt die Generalstaatsanwaltschaft. Ansonsten hält auch sie sich bedeckt. Aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der grünen Bundestagsfraktion geht indes hervor, dass die „Brothers of Honour“ am 3. Juni 2023 ein konspirativ vorbereitetes Neonazi-Konzert in Daaden (Rheinland-Pfalz) veranstaltet haben sollen. Aufgetreten sei die sächsische Band „Odessa“. Von 81 Besucher*innen habe die Polizei die Personalien festgestellt.
Parallel wird in Sachen „Brothers of Honour“ allerdings auch noch in Baden-Württemberg ermittelt: Die Generalstaatsanwaltschaft Stuttgart führt ein Verfahren gegen neun Beschuldigte im Alter zwischen 35 und 53 Jahren, die dem „Chapter Süddeutschland“ der Gruppierung angehört haben sollen. Immerhin: Trotz der voneinander isolierten Verfahren gelang es, Razzien am selben Tag wie in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz stattfinden zu lassen. Und durch Antworten der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage der grünen Landtagsfraktion sind hier auch Einzelheiten bekannt.
Nur kleiner Teil betroffen
Demnach wurden zehn Wohnungen und acht Arbeitsstätten durchsucht, in insgesamt zwölf Orten: in Mengen und Krauchenwies (Kreis Sigmaringen), in Ottenhöfen, Oberharmersbach, Oberkirch und Zell (Ortenaukreis), in Eberhardszell (Kreis Biberach), in St. Blasien (Kreis Waldshut), in St. Georgen, Villingen-Schwenningen und Bad Dürrheim (Schwarzwald-Baar-Kreis) sowie in Karlsruhe. Neben NS-Devotionalien und einem NS-Dolch seien mehrere Messer, Schreckschusswaffen, Schlagringe, Totschläger, eine Armbrust mit Zielfernrohr und ein nicht geladenes Luftdruckgewehr sichergestellt worden.
Die Gesamtmitgliederzahl der „Brothers of Honour“ wird von der Landesregierung mit 80 angegeben, davon ein Viertel im „Chapter Süddeutschland“. Legt man diese Zahlen zugrunde, bedeutet das: Im Visier der Justiz ist nur ein kleiner Teil der „Ehrenbrüder“. Für den Umgang der Behörden mit den Strukturen des einstigen „Blood and Honour“-Netzwerks ist das jedoch keineswegs untypisch. Gegen wen vorgegangen wird und gegen wen nicht, lässt sich oftmals kaum nachvollziehen.
„Combat 18“
Am deutlichsten wird das an der künstlichen Trennung zwischen „Blood and Honour“ und „Combat 18“. Die „Kampfgruppe Adolf Hitler“ – so lässt sich „Combat 18“ übersetzen – verstand sich als der bewaffnete Arm von „Blood and Honour“, als „Terrormaschine“, wie es in einem Lied von „Oidoxie“ heißt. Trotzdem kam das Verbot hier erst 20 Jahre später. Dabei mangelt es wenig überraschend auch beim Personal nicht an Überschneidungen. Vor dem Landgericht Dortmund wird seit fünf Monaten gegen vier teils bundesweit bekannte Neonazis verhandelt, die als Rädelsführer „Combat 18“ nach dem Verbot im Jahr 2020 weitergeführt haben sollen. Einer von ihnen ist Stanley Röske aus Eisenach, der auch schon im Münchner „Blood and Honour“-Prozess 2022 auf der Anklagebank saß.
Anzunehmen, es könnte sich um zwei voneinander unabhängige Organisationen handeln, ist absurd. Doch die Behörden tun es unverdrossen. Und die Verteidigung freut’s, kann sie doch immer wieder die süffisante Frage aufwerfen, um welche Vereinigung es gerade eigentlich geht. Der Prozess in Dortmund läuft so zäh, dass mittlerweile Termine bis März 2026 angesetzt wurden. Außerdem sind in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Rheinland-Pfalz, Thüringen, Hessen und dem Saarland noch Verfahren gegen 15 andere mutmaßliche „Combat 18“-Mitglieder anhängig.
Größtenteils unbehelligt: „Brigade 8“
Eine weitere Gruppierung aus diesem Kosmos blieb hingegen bis heute gänzlich unbehelligt: Das Recherchenetzwerk Exif hatte bereits 2019 auf die ebenfalls rockerähnlich aufgebaute „Brigade 8“ und ihre engen Verbindungen zu „Blood and Honour/Combat 18“ hingewiesen. Die ursprünglich in Schleswig-Holstein gegründete Neonazi-Truppe, die wie „Blood & Honour“ den Zahlencode 28 für sich nutzte, war zuletzt vor allem in Niedersachsen und in den ostdeutschen Bundesländern aktiv. Im Oktober 2023 erklärte sich „Brigade 8“ offiziell für aufgelöst, wohl um einem befürchteten Verbot zuvorzukommen.
In Sachsen-Anhalt, wo sich das Chapter „Mittel-Elbe“ nach der Selbstauflösung einfach einem anderen Motorradclub anschloss, lag einer der regionalen Schwerpunkte. Insofern wäre es naheliegend, wenn sich die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Halle an der Saale wegen Verstoßes gegen das „Blood and Honour“-Verbot gegen ehemalige „Brigade 8“-Mitglieder richten würden. Doch bei der Anklagebehörde hat man von der neonazistischen Gruppierung und ihrer Rolle im „Blood and Honour“-Netzwerk offenbar noch nichts gehört: „Dahingehende Hinweise“, lässt Sprecher Bernzen wissen, „lagen hier bislang nicht vor.“
Aktualisierung 02.12.2025
Die Generalstaatsanwaltschaft Stuttgart hat mitgeteilt, dass es mittlerweile zehn – statt neun – Beschuldigte sind. Die meisten von ihnen sind nach Angaben der Anklagebehörde vorbestraft, vor allem wegen Verwendens verbotener NS-Symbole, aber auch wegen Volksverhetzung, Körperverletzung oder Waffendelikten.