"Generation Deutschland"

Niedersachsen: Scharfmacher & Revisionisten bei GD-Gründung

Die völlig zerstrittene, rechtsextreme AfD in Niedersachsen bekommt einen ebenso radikalen Jugendverband. Einige Personalien sind besonders heikel. 

Sonntag, 22. Februar 2026
Andrea Röpke / Johann Frerichs
Die neuen Vorstandsmitglieder Felix Wolf, Reinhild Goes und Otto Cornelius auf der Anreise zum Gründungsparteitag, Foto: Johann Frerichs
Die neuen Vorstandsmitglieder Felix Wolf, Reinhild Goes und Otto Cornelius auf der Anreise zum Gründungsparteitag, Foto: Johann Frerichs

Die Gründungs-Veranstaltung des niedersächsischen Landesverbandes der „Generation Deutschland“ in Brettorf startete bereits undemokratisch bevor es richtig losging, denn Medien wurden nicht zugelassen. So säumten zahlreiche Journalist*innen und Kamerateams die ruhige Straße gegenüber dem ehemaligen „Schützenhof Schürmann“ an deren Ende zahlreiche Einsatzfahrzeuge der Polizei aufgereiht waren.

In der neuen Landesgeschäftsstelle im ehemaligen NS-„Reichsmusterdorf“ Dötlingen trafen sich rund 150 Rechte zwischen 16 und 36 Jahren, um den Landesverband der AfD-Jugendorganisation „Generation Deutschland“ (GD) zu gründen. Unter ihnen auch Gäste, die sich letzte Woche am Neonazi-Trauermarsch in Dresden beteiligten oder Unterstützer der rechtsextremen „Identitären Bewegung“. Mit der Teilnahme von Minderjährigen am Gründungstag wurde der Jugendschutz als Begründung für den Medienausschluss vorgeschoben. Laut NDR bewertet der „Deutsche Journalisten-Verband“ (DJV) Niedersachsen dieses Vorgehen als bewusste Einschränkung der Pressefreiheit. Gegen die AfD-Veranstaltung demonstrierten rund 400 Menschen, aufgerufen zum Protest hatte u.a. „Brettorf bleibt bunt“. 

„Schwarze Kassen“ beim Landesverband?

Zu den ersten Eintreffenden zählten der Bundestagsabgeordnete Micha Fehre und Patrick Schwarzer aus Delmenhorst. Beide sollen die Führung der neuen Gruppierung ausmachen. Nach und nach fuhren etwa 70 Fahrzeuge mit Parteiangehörigen vor. Sie eilten entschlossen ins unscheinbare Gebäude aus roten Backsteinen. Mit dabei waren auch Maja und Letizia L. sowie Julia Gehrckens von der rassistischen Frauengruppe „Lukreta“. Gehrckens sitzt im Bundesvorstand der „Generation Deutschland“. Mitglieder der AfD-Landtagsfraktion wie Alfred Dannenberg oder Harm Rykena ergänzten den Rahmen. 

Der niedersächsische AfD-Landesverband mit über 8.000 Mitgliedern gilt als tief zerstritten. Die Staatsanwaltschaft Hannover geht seit Längerem dem Vorwurf ehemaliger Parteikameraden nach, es würden „schwarze Kassen“ geführt. Nun erhebt die ostfriesische Europaabgeordnete Anja Arndt aus Nortmoor mit zwei „Brandbriefen“ an die Parteivorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla schwere Anschuldigungen an den Landesvorstand. Demnach soll eine geheime, elitäre „Allianz-Hauptquartier-Gruppe“ nach eigenem Belieben regionale Vorstände rechtswidrig umbesetzt oder abgesetzt haben, interne Kritiker*Innen eingeschüchtert und angeblich öffentliche Gelder in Millionenhöhe veruntreut haben. 

Aggressive Machtkämpfe in der Mutterpartei

Der Landesvorsitzende baue seine Macht autoritär mit Gefolgsleuten aus, schanze ihnen Posten und lukrative Jobs zu. Von „mafiösen Strukturen“ ist die Rede. Listenplätze gebe es nur gegen Geld, lautet einer der Vorwürfe. Die abtrünnige Arndt-Fraktion teilt sich über eigene Telegram-Kanäle mit. Die Angefeindeten um Parteichef Ansgar Schledde konterten in einem Schreiben mit einer Erfolgsgeschichte von 13 „sturmfesten“ Niedersachsen im Bundestag, einer 17-köpfigen „bärenstarken“ Landtagsfraktion sowie dem rasanten Mitgliederanstieg. Der niedersächsische AfD-Landesverband sei der drittgrößte im Bund. Zwei der größten Kreisverbände würden aus Niedersachsen stammen. 

Eine „kleine Gruppe der Frustrierten“ würde „destruktive Pöbeleien“ verbreiten, heißt es in dem Schreiben. Einer der Köpfe der Angriffe sei neben Arndt der abgewählte Kreisvorsitzende des Landkreises Goslar. Das fragwürdige Niveau der niedersächsischen AfD wurde mehr als deutlich als im September 2025 in Seesen ein Bürgerdialog des Kreisverbandes Goslar völlig eskalierte. Der Streit wurde live aufgezeichnet. Er drehte sich um den Goslarer Kreisvorstand Main Müller, der sich durch andere Vorstandsmitglieder massiv gemobbt fühlte. Ihm wurde nach neun Minuten das Mikrophon abgedreht. Involviert in die Eskalation waren auch Micha Fehre, Bundestagsabgeordneter der Partei und Mitglied des Landesvorstands Hannover. 

Von der „Jungen Alternative“ zur „Generation Deutschland“

Der einflussreiche Hannoveraner Strippenzieher Fehre, 1997 in Ingolstadt geboren, wurde wie erwartet in Brettorf zum Landeschef der „Generation Deutschland“ gewählt. Fehre war zuvor für die „Junge Alternative Niedersachsen“ aktiv. Über diese Tatsache geht der stellvertretende Landesvorsitzende der Mutterpartei, Stephan Bothe, im AfD-Style locker hinweg, wenn er betont, zwischen der ehemaligen Jungen Alternative und der GD gebe es keine personellen Überschneidungen. 

Die „Junge Alternative“ hatte sich als eigenständiger Verein 2025 in Niedersachsen aufgelöst. 2018 war der völkische Rechtsextremist Lars Steinke als Vorsitzender des Amtes enthoben worden. Dessen Nähe zu nationalsozialistischem Gedankengut sorgte für allzu viel Aufmerksamkeit. Die „Deutsche Welle“ berichtete über eine Sprachaufnahme Steinkes an einen Kollegen in der er den Überfall der Nazis auf Polen im September 1939 rechtfertigte. Es sei "Geschichtsfälschung", so Steinke, dass der Überfall als Angriffskrieg in die Geschichte eingegangen sei. Hitler sei „gezwungen“ gewesen, so zu handeln. Geschichtsrevisionismus, den scheinbar auch neue Vorstandsmitglieder der niedersächsischen Parteijugend teilen. 

Zu Gast beim „Young Republikans Club“

Auf der Webseite des Bundestags fehlen Angaben zur Biografie von Micha Fehre und seiner beruflichen Laufbahn. Er ist nebenher Geschäftsführer dreier Firmen, die sich unter anderem mit dem Großhandel von hochwertigen Spirituosen beschäftigen. Micha Fehre gehörte zur etwa 20-köpfigen AfD-Reisegruppe um Markus Frohnmaier, die am 13. Dezember 2025 an einer noblen Gala des „Young Republicans Club“ in den USA teilnahmen. Tickets kosteten dort zwischen 799 und 30.000 Dollar. 

Die Trump-Jugend verbündete sich mit der rechtsextremen deutschen Partei um die schwarz-rote Bundesregierung massiv zu diskreditieren. So hieß es auf der Veranstaltung in New York, in Deutschland herrsche ein „neuer Totalitarismus“ und keine Meinungsfreiheit. In online veröffentlichten Texten rief der „Young Republikans Club“ zu einer dubiosen „neuen Gesellschaftsordnung in Deutschland“ auf und schloss mit „AfD über alles“. 

„Willkommen im Faschismus“

Gleichzeitig erschüttern Chats aus deren Reihen, in denen US-Mitglieder Hitler verherrlichten oder über Gaskammern scherzten. In der heillosen internen Auseinandersetzung des niedersächsischen AfD-Landesverbands zählt Fehre zum Flügel des umstrittenen Landesvorsitzenden Ansgar Schledde aus dem Emsland. Sein Vize bei der „Generation Deutschland“ wird der Jungunternehmer Patrick Schwarzer aus dem Kreisverband Oldenburger Land. Schwarzer gehört zu Fehres elfköpfigem GD-Team. Er hat sich als Online-Initiator der eher albernen Plattform „Der rechte Schuh“ hervorgetan. Die Initiative mit einem blauen Turnschuh im AfD-Design („Jung, rechts, extrem gutaussehend – Echte Schuhe sind rechts“) will „Identität fördern“, ebenso ein Bekenntnis zum Patriotismus. 

Auf Social Media-Kanälen fällt Schwarzer mit flotten Hetzkommentaren auf. So antwortet er auf einen Post von „Monitor“-Moderator Georg Restle, der forderte, dass Rechtsextreme nicht „gleichberechtigt“ in Talkshows geladen werden, mit einer wenig sachlichen Aussage: „Willkommen im Faschismus“. Auf die Vorwürfe der AfD-Klüngelwirtschaft mit Verwandten bei „Faktencheck – jetzt“ lautet Schwarzers Kommentar: „AfD-Familien arbeiten eben sehr tüchtig und zahlen viele Steuern. Die braucht es für die Umverteilung, damit Leute wie Sie auch ohne Arbeit gut leben können.“

Vorstandsmitglied leugnet deutsche Kriegsschuld

Eine äußerst heikle Personalie im neugewählten Bundesvorstand scheint der 26-jährige Otto Cornelius. Der bisherige Sprecher des AfD-Kreisverbandes Ammerland zeigt sich in einem Online-Gespräch zum Thema „Aufarbeitung deutscher Geschichte“ mit dem Verschwörungsideologen Bodo Schiffmann vom 10. Dezember 2025 als Geschichtsrevisionist. Auf Schiffmanns Behauptung, es gäbe keine Alleinschuld der Deutschen, weder am Ersten noch am Zweiten Weltkrieg, die Geschichte würde falsch erzählt, sagt AfD-Mann Cornelius: „Absolute Zustimmung!“ 

Der Oldenburger, der „unfassbar viel Freizeit“ reinsteckt, Bücher zu wälzen, tiefer in das Thema einzusteigen, empfiehlt als „unfassbar gutes Buch“ ausgerechnet „1939 – Der Krieg, der viele Väter hatte“ von Gerd Schultze-Rhonhoff. Der ehemalige Generalmajor der Bundeswehr stellte Frankreich und Großbritannien als die eigentlich Schuldigen am Zweiten Weltkrieg dar. Schultze-Rhonhoff geht soweit, Hitler als Friedensaktivisten darzustellen. Cornelius soll unter Fehre für Veranstaltungen und Programmatik der GD zuständig sein. 

Hetze auf X: „Wolf des Nordens“

Gemeinsam mit Otto Cornelius kam Felix Wolf morgens in Brettorf an. Auch Wolf wurde in den Vorstand gewählt. Der Bodybuilder und Fitnesscoach ist mutmaßlich besser bekannt als hetzender Influencer „Wolf des Nordens“ auf der Plattform X: „Paläoliberär. Deutsch.Konterrevolutionär“, über 26.000 Follower. Die Gesichter der beiden sind identisch. Wolf wirbt für „Defender Protein“ im „Patria Shop“ eines Aktivisten der „Identitären Bewegung“. 

Der Account „Wolf des Nordens“ fällt mit Sprüchen wie: „Linke Journalisten sind bei den Millionen Abschiebungen selbstverständlich inbegriffen.“ Auf eine Meldung über Klimaaktivisten, die den Flugverkehr in Frankfurt lahmlegten, reagierte er im Juli 2024 mit: „In anderen Ländern gäbe es bei so was Schießbefehl. Nur mal so.“ Am 7. Dezember 2025 stand in einem Post: „Die Rechte muss als Kollektiv den Schuldkult brechen. Ohne ist eine positive Zukunft nicht möglich“ um wenig später antisemitisch nachzulegen: „Die Zionisten-Ära wird enden.“ Ebenso wie Cornelius gibt sich auch Wolf mit Statements wie „Bevor Polen jemals auch nur einen Cent Reparationen erhält, bekommen wir erstmal eine ganze Menge Land zurück.“ Aussagen, die mit demokratischem Verständnis nicht konform gehen, vor allem nicht mit dem Grundgesetz. Der AfD-Mann schreibt im Januar 2026: „Kein Papier auf der Welt verändert deine ethnische Volkszugehörigkeit“ und spricht damit Millionen Deutschen den Status ab. 

Verurteilte Weidel-Vertraute als Delegierte

Zwei junge Frauen zieren den neuen Vorstand der „Generation Deutschland“ Niedersachsen: Marlene Förster aus dem Kreisverband Hannover-Land, angeblich auch schon in der JA aktiv gewesen und die Göttingerin Reinhild Goes, die sich um die Finanzen kümmert. Die wegen Volksverhetzung verurteilte Kreisvorsitzende aus Rotenburg Marie-Therese Kaiser, Mitarbeiterin von Alice Weidel, schaffte es auf die Delegiertenliste der GD-Niedersachsen für Bundeskongresse. Adrian Maxhuni aus dem Landkreis Osnabrück ist bereits Vizechef der AfD-Bundesjugend und soll nun das niedersächsische Team um Fehre verstärken. Dazu gehört auch Justin Vogel, Kreisvorsitzender der AfD Göttingen. Vogel beteiligte sich an der extrem rechten Demonstration „Reformation 2.0“ zur „Wiederherstellung der Demokratie“ in Magdeburg 2023. Mit seinem Parteifreunden stand er auch auf Autobahnbrücken um begeistert mit AfD-Fahnen die Aufmerksamkeit der Autofahrer zu erheischen. Im September 2024 unterstützten Vogel und Fehre von der „Jungen Alternative Niedersachsen“ die AfD im Wahlkampf in der Uckermark, wie ein Insta-Post mit Foto verrät. Der Gifhorner Sarsen Schmidt aus dem neugewählten Vorstand ist Anwärter bei der Braunschweiger Burschenschaft Thuringia und nahm am rechten Burschentag 2025 in Eisenach teil. 

Die AfD fokussiert sich in Niedersachsen auf die Landkreise im Nordwesten. In der ostfriesischen Hafenstadt Emden erzielte die Partei bei der letzten Bundestagswahl in einigen Stadtteilen bis zu 40 Prozent. Ähnlich alarmierend waren Ergebnisse aus dem ländlich geprägten Kreis Wittmund. Die Stadt Wildeshausen im Landkreis Oldenburg gilt ebenfalls teilweise als AfD-Hochburg mit mehr als 30 Prozent Zustimmung für die Rechtsextremisten in einigen Stimmbezirken.

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