NSU-Prozess gegen Susann Eminger
Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen
Im Dresdner Prozess gegen die NSU-Unterstützerin Susann Eminger sind Zeug*innen aus dem Umfeld der Angeklagten befragt worden. Doch ganz gleich, ob sie selbst aus der rechten Szene kommen oder nicht: Alle wollen sie so wenig sagen wie möglich, die rechtsterroristische Mordserie scheint sie kalt zu lassen. Das erinnert stark an den ersten NSU-Prozess in München.
Es dauert erstaunlich lange, bis Simone Herberger der Kragen platzt. Erst beim fünften Zeugen, den sie in dieser Woche im Dresdner NSU-Prozess vor sich sitzen hat, ringt sich die Richterin eine Ermahnung ab. „Es wäre wirklich schade“, sagt die Vorsitzende des Staatsschutzsenats am sächsischen Oberlandesgericht, „wenn wir gegen Sie ein Verfahren wegen Falschaussage einleiten müssten.“ Mehrere Stunden voller demonstrativem Unwillen, Erinnerungsfaulheit und wohl auch mancher Lüge hat das Gericht da schon über sich ergehen lassen.
14 Jahre nach der Selbstenttarnung des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) und sieben Jahre nach dem Urteil im Münchner NSU-Prozess wird seit Anfang November noch einmal über die rassistische Mordserie, die Bombenattentate und die Banküberfälle der extrem rechten Terrorzelle verhandelt. Angeklagt ist Susann Eminger, einst beste Freundin der zu lebenslanger Haft verurteilten Rechtsterroristin Beate Zschäpe, weil sie dem Kerntrio des NSU beim Leben unter falschen Identitäten in Zwickau geholfen haben soll. Ihr Mann André Eminger ist deshalb bereits im Münchner Prozess verurteilt worden, kam mit zweieinhalb Jahren Haft jedoch sehr glimpflich davon.
Politisch neutrale Angeklagte?
Große Erwartungen sind mit diesem neuerlichen Verfahren verbunden. Angehörige der Opfer hoffen darauf, doch noch Antworten zu bekommen auf die vielen offenen Fragen: Warum wurden ausgerechnet ihre Väter, Söhne und Brüder ermordet? Wer half den Mördern? War der NSU wirklich nur zu dritt? Eine kritische Öffentlichkeit hofft, dass die auf halber Strecke stecken gebliebene Aufklärung doch noch weitergeht. Doch Zschäpe, die vor zwei Wochen zwei Tage lang als Zeugin im Prozess auftrat, blieb die ersehnten Antworten schuldig.
Jetzt versucht es das Gericht beim damaligen Freundeskreis der Emingers. Und um es diplomatisch auszudrücken: Es wird nicht besser. Als die Richterin dem Zeugen Manuel W. in die Parade fährt, hat der gerade behauptet, die Angeklagte und ihr Gatte seien politisch – so wie er selbst auch – „neutral“. Dabei hatte der 45-jährige Zwickauer bei der Polizei noch etwas ganz anderes erklärt: André Eminger sei „stramm rechts“ und „kein Dummer“, finde das NS-Regime „ganz okay“ und lehne „Ausländer“ ab. „Eigentlich“, gab der Mann damals zu Protokoll, „habe ich nicht verstanden, was er gemeint hat, aber ich war im Grunde derselben Meinung.“ Nun will er sich daran nicht mehr erinnern können.
Immer wieder Erinnerungslücken
Auch seine Freundin erklärt zunächst, von einer rechten Gesinnung bei den Emingers nichts bemerkt zu haben. Die antisemitischen und den Nationalsozialismus verherrlichenden Tattoos von André Eminger habe sie sich „nicht angeguckt“. Doch dann muss Stefanie S. einräumen, dass die Freundschaft nicht nur auf der geteilten Liebe zu Metal-Musik, Hunden und Kindern beruhte. Sondern auch auf der gemeinsamen politischen Haltung. Die heute 43-Jährige und die Angeklagte kannten sich schon lange, als Susann Eminger in den Nullerjahren Treffen der religiös-völkischen und seit 2023 verbotenen „Artgemeinschaft“ besuchte.
In Dresden wiederholt sich, was bereits den ersten NSU-Prozess in München geprägt hat: Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. Das Neonazi-Symbol der schwarzen Sonne, das groß im Schlafzimmer der Emingers an der Wand prangte? Will niemand wahrgenommen haben. Die Porträtzeichnung von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt mit dem Sütterlin-Schriftzug „Unvergessen“, die die Eheleute nach dem Suizid der beiden NSU-Terroristen über ihrem Fernseher aufhängten, neben den Fotos der eigenen Kinder? Schulterzucken, keine Ahnung. Von einer „geständnisgleichen Wohnzimmergestaltung“ hatte die Bundesanwaltschaft in München gesprochen.
Zeug*innen fehlen
Und manche Zeug*innen kommen erst gar nicht. David L., Ex-Freund von Susann Eminger, ehemals Chef der Zwickauer „Werwolf Security“ und den Behörden unter anderem wegen Körperverletzung und der Verwendung verbotener NS-Symbole bekannt, hat seine Ladung angeblich nicht bekommen. Der 43-Jährige ist einer von etlichen Neonazis aus dem Umfeld des NSU, die zeitweilig in der Baufirma des rechtsextremen Aktivisten und damaligen V-Manns des Verfassungsschutzes, Ralf M., in Zwickau gearbeitet haben.
Ein mutmaßlicher Liebhaber von Susann Eminger, der mit den „Nationalen Sozialisten Chemnitz“ in Verbindung gestanden haben soll, sagt krankheitsbedingt ab – allerdings ohne ein ausreichendes Attest vorzulegen. Der 41-Jährige hätte wohl einiges zu erzählen: Er war bei der Angeklagten, als deren Wohnung nach der Selbstenttarnung des NSU im November 2011 von der Polizei durchsucht wurde. „Eine Durchsuchung der Personen war aufgrund der Antreffsituation nicht erforderlich“, notierten die Beamten damals süffisant in ihrem Bericht. „Frau Eminger und Herrn G. wurde ermöglicht, sich anzuziehen.“ André Eminger hatte sich da mit den Kindern schon zu seinem Zwillingsbruder nach Brandenburg abgesetzt.
„Mich hat das nicht interessiert“
Für noch mehr Kopfschütteln im Saal aber sorgt die Kühle, die völlige Empathielosigkeit, mit der sämtliche der anwesenden Zeug*innen nach eigenem Bekunden auf das Bekanntwerden des NSU reagierten. Und darauf, dass auch ihre Freundin von Beginn an mit im Fokus der Ermittlungen stand, inklusive Hausdurchsuchung und Festnahme des Ehemanns. Selbst Menschen, die nicht aus der rechten Szene stammen, sagen: Nö, da hätten sie nicht weiter nachgefragt. „Mich hat das nicht interessiert“, sagt eine 41-Jährige, die die Angeklagte über die gleichaltrigen Kinder kennengelernt hat und noch immer mit ihr befreundet ist. „Man kann gewisse Themen beiseiteschieben.“
Stefanie S., die Freundin seit Jugendtagen, mault: „Ich hab damit ja nichts zu tun, warum soll ich mich damit auseinandersetzen?“ Als gehe es um Ladendiebstahl. Und nicht um zehn Morde und rechten Terror. Am 7. Januar wird der Prozess fortgesetzt.