Neugermanische „Hofsippe“

„Naturreligiöses Siedlungprojekt“ sucht Mitstreiter – mit dabei ist an vorderster Front ein altbekannte Rechtsextremist.

Donnerstag, 01. Februar 2007
Anton Maegerle

Eine in Bayern ansässige „Naturreligiöse Siedlungsgemeinschaft Dorflinde e.V.“ sucht in rechtsextremen Kreisen Gleichgesinnte zum Ausbau ihrer Gruppe. Laut Selbstdarstellung setzt sich die Siedlungsgemeinschaft wie die „Hofsippen alter Zeit aus allen Altersklassen zusammen.“ Geistiges Wissen solle vermittelt werden, aber auch Körper und Seele nicht zu kurz kommen. Geplant sind Volkstanz- und Liederabende. Am Aufbau eines „Runenhofes“, der einen Seminarraum mit Werkstatt beinhalten soll, werde gearbeitet und der Gemeinschaft stehe ein Ferienheim zur Verfügung, heißt es.
Geworben wird für das Projekt in den „Nachrichten“ der braunen Knasthilfeorganisation HNG. Ansprechpartner der „Siedlungsgemeinschaft“ ist der Anzeige zufolge der einstige Militaria-Händler Anton Pfahler (Jg. 1946) im oberbayerischen Sinning in der Gemeinde Oberhausen (Landkreis Neuburg-Schrobenhausen). Pfahler, der mit dieser Anzeige erstmals seit Jahren wieder öffentlich in Erscheinung tritt, ist Erkenntnissen des bayerischen Landesamtes für Verfassungsschutz zufolge ein seit 1962 „bekannter Rechtsextremist“. Der Ex-Zeitsoldat kann auf eine lupenreine rechtsextreme Vergangenheit verweisen. In den 70er Jahren war er bei der berüchtigten „Wehrsportgruppe Hoffmann“ (WSG) für die Beschaffung von „Militärfahrzeugen“ zuständig. 1980 wurde die rechtsterroristische WSG wegen ihrer gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichteten Tätigkeit vom Bundesinnenministerium verboten. Aus dem direkten Umfeld der WSG kam der Attentäter Gundolf Köhler, dessen Bombenanschlag im Jahr 1980 auf dem Münchner Oktoberfest 13 Tote und über 200 zum Teil schwer Verletzte forderte. Pfahler gehörte auch der neonazistischen Wiking-Jugend (WJ) an, die 1994 ebenfalls verboten wurde. Der WJ wurde eine Wesensverwandtschaft mit der NSDAP nachgewiesen. Dass Pfahler in der rechtsextremen Szene eine bekannte Größe war, dokumentiert auch das Adressbuch des 1991 verstorbenen Neonazi-Führers Michael Kühnen. Darin findet sich die Wohnnanschrift von Pfahler. Informationen des Verfassungsschutzes zufolge prahlte Pfahler vor Jahren damit, Schriftstücke zu besitzen, mit denen er „die Judenrepublik zum Fallen bringen“ könne. Den Holocaust bezeichnete Pfahler als „Lüge der Endlösung“.

Mitte der 90er Jahre wurde bekannt, dass auf dem Grundstück von Pfahler Treffen der rassistischen „Artgemeinschaft – Germanische Glaubensgemeinschaft wesengemäßer Lebensgestaltung“ stattfinden. Die vom Hamburger Neonazi und Rechtsanwalt Jürgen Rieger geführte „Artgemeinschaft“ ist eine der neugermanisch-heidnischen Gruppen, die unter Berufung auf den alten nordisch-germanischen Götterglauben auch völkisch-rassistisches und antisemitisches Gedankengut pflegen und zu verbreiten versuchen.

Neugermanisch-heidnisch ausgerichtet war auch der „Naturreligiöse Stammesverband der Bajuwaren“, der in den 90er Jahren unter der Wohnanschrift von Pfahler residierte. Im Namen dieses „Stammesverbandes“ gab Pfahler 1996 die Gründung eines Siedlungsprojektes in Sinning bekannt. Ziel sollte die Führung eines „arteigenen“ Lebens sein. Doch das Projekt, das neben Lebensmittelselbstversorgung, eigenen Handwerksfirmen auch die Schaffung eines Kindergartens und einer Grundschule, „deren Lehrer vom Freistaat Bayern bezahlt werden müssen“, vorsah, kam nicht über die Planungsphase hinaus.

1998 geriet das idyllische Sinning bundesweit in die Schlagzeilen. Die NPD hatte damals zu Jahresbeginn die Redaktion und Anzeigenabteilung ihres Parteiorgans „Deutsche Stimme“ (DS) von Stuttgart auf das Gelände von Pfahler in Sinning verlegt. Im Juni 1998 durchsuchte das bayerische Landeskriminalamt bei einer großangelegten Aktion 17 Objekte in Bayern unter anderem wegen Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung. Im Mittelpunkt der Nachforschungen stand Pfahler. Der NPD-Anhänger hatte mit Maschinenpistolen und Handgranaten gehandelt. Durchsucht wurde auch die Redaktion der „Deutschen Stimme“. Im Oktober 1999 verhängte das Landgericht Ingolstadt gegen Pfahler eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und acht Monaten wegen Verstoßes gegen das Waffen- und das Kriegswaffenkontrollgesetz. Pfahler kündigte daraufhin an, nach der Haft den Rückzug ins Private anzutreten.

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