Rezension
Neue Rechte in globaler Perspektive
Zwei Politikwissenschaftler haben einen Sammelband zu „Das Staatsverständnis der Neuen Rechten“ herausgegeben. Er enthält Fallstudien zu vielen Ländern, auch solchen, die ansonsten hierzu nur wenig Aufmerksamkeit finden wie etwa Brasilien, Indien oder Israel.
Der Begriff „Neue Rechte“ findet unterschiedliche Verwendung. Mit einer engeren Bedeutung (die der Rezensent vertritt) geht es primär um rechtsextremistische Intellektuelle. Eine weitere Auffassung bezeichnet damit ein umfassenderes Phänomen, mitunter sogar in einem globalen Sinne. Die letztgenannte Auffassung prägt einen von Matthias Lemke und Daniel Peters, zwei Politikwissenschaftlern, herausgegebenen Sammelband: „Das Staatsverständnis der Neuen Rechten. Ideologie und strategische Praxis des autoritären Nationalradikalismus in globaler Perspektive“.
Beide definierten das Gemeinte dadurch, dass sie auf von einem autoritären Nationalradikalismus geprägte Netzwerke verweisen, welche die liberale Demokratie in der gesellschaftlichen Praxis über metapolitische Strategien überwinden wollen. Lemke und Peters ist das damit angesprochene Problem durchaus bewusst, reflektieren sie doch über diese Definition als ein überaus komplexes Phänomen für den Sammelband.
Fallstudien zu Italien, Polen und Österreich
Dass darin kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden kann, versteht sich angesichts der globalen Dimension für das Gemeinte von selbst. Man vermisst gar Beiträge zu hier interessanten Ländern, seien dies Frankreich oder Schweden. Dafür äußern sich Autoren zu ansonsten weniger beachteten Entwicklungen in anderen Staaten. Sie wurden als Beiträge grob in die Kategorien innerhalb und außerhalb der EU unterschieden. Den Beginn macht der Blick nach Deutschland, hier auf die erwähnten Intellektuellen der Neuen Rechten. Helmut Kellershohn legt eine quellengesättigte Studie zum Thema vor.
Dem folgt dann ein englischsprachiger Beitrag zur Entwicklung in Polen von Bartosz Rydlinski, während die ebenfalls englischsprachige Abhandlung über Italien von Anna Migliorini stammt. Beide liefern ebenso profunde Einblicke wie der dazwischen stehende deutschsprachige Text, worin die österreichische FPÖ bei Judith Goetz und Barbara Gruber ein Thema ist.
Fallstudien zu Brasilien, Indien, Israel und USA
Eher weiter weg und doch wieder nahe sind die folgenden Aufsätze für den Bereich außerhalb der EU: Manfred Prischning blickt nicht nur auf Trump und die USA, auch die dortigen kleineren Gruppen und deren Hintergründe sind ein Thema. Danach folgt wieder ein englischsprachiger Aufsatz von Marilene de Paula, der hier den Blick auf Brasilien wirft. Lidia Averbukh geht danach auf die „Neue Rechte in Israel“ ein, wobei komprimiert die einschlägigen Gruppen und Personen vorgestellt werden. Der Beitrag steht auch für eine notwendige Lückenfüllung, wird doch Israel in der sonstigen Literatur zum Thema weniger wahrgenommen.
Dies gilt noch mehr für den von Pierre Gottschlich behandelten Hindu-Nationalismus, ein ebenfalls hier relevantes Phänomen aus kulturell ganz anderen Zusammenhängen. Und schließlich fällt der Blick noch auf die Staatsführung in der Türkei, die nach Kemal Bozay mit Islamismus und Nationalismus eine Symbiose vollzogen habe. Dabei handelt es sich aber um den einzigen Beitrag zu einem Machtträger.
Aussagekraft und Forschungsbedarf
Die anderen behandelten Akteure hatten allenfalls eingeschränkt Regierungsgewalt inne, was einschlägige Analysen zu dem Handeln dieser Neuen Rechten dort ermöglicht. Darauf bezogen hat man es mit einer weiteren Dimension von dem zu tun, was hier für vielfältige Phänomene steht. Der zweite Beitrag des Sammelbandes ging etwa auf Ungarn ein, wobei Daniel Peters die dortige Regierungspolitik zu einem Thema machte. Ganz am Ende findet sich noch ein von Lemke verfasster Vergleich, der den begrenzten Aussagegehalt der Untersuchungen einräumt.
Angesichts der diversen Akteure in unterschiedlichen Kontexten war dies erwartbar, gleichwohl bieten sich weiterhin vergleichende Analysen zum Thema an. Denn nur dadurch könnten die diversen Dimensionen des Phänomens erfasst werden, um daraus Einsichten zu Ursachenanalysen zu gewinnen. Es gibt enormen Forschungsbedarf, den indessen nicht isolierte Sammelbandautoren erfüllen könnten. Ein Anstoß zu einem Mehr wird hier gleichwohl in gelungener Weise präsentiert.
Matthias Lemke/Daniel Peters (Hrsg.), Das Staatsverständnis der Neuen Rechten. Ideologie und strategische Praxis des autoritären Nationalradikalismus in globaler Perspektive, Wiesbaden 2026 (Springer VS), 319 Seiten