Fretterode-Prozess
Neonazis schieben angegriffenen Journalisten die Schuld zu
Sie wollen sich nur verteidigt haben: Bei der Neuauflage des Fretterode-Verfahrens um den brutalen Angriff auf zwei Journalisten in Thüringen haben sich die Angeklagten nun doch noch geäußert. Am neunten Verhandlungstag vor dem Landgericht Mühlhausen versuchten die beiden Männer aus dem nächsten Umfeld des Neonazi-Führers und „Die Heimat“-Vizevorsitzenden Thorsten Heise, sich als die eigentlichen Opfer darzustellen. Frei von Widersprüchen gelang ihnen das allerdings nicht.
Nein, muss der Angeklagte zugeben, er persönlich habe noch nie körperliche Gewalt vonseiten der Antifa erlebt. Aber, sagt der 26-Jährige: „Mein Papa hat viel erzählt.“ Dieser Papa heißt Thorsten Heise und ist seit Jahrzehnten einer der einflussreichsten Strippenzieher im deutschen und europäischen Neonazismus, als Kameradschaftsführer, Rechtsrockproduzent, Versandhändler und Vizevorsitzender der Partei „Die Heimat“, wie sich die vormalige NPD heute nennt. Erst vor wenigen Tagen veranstaltete Heise in seinem Wohnort Fretterode ein Konzert der Rechtsrockband Oidoxie, die zum internationalen und in Deutschland verbotenen Neonazi-Netzwerk „Blood & Honour“ gerechnet wird.
Und sein Sohn Nordulf scheint ihm die Geschichten von den gefährlichen Linken abgenommen zu haben. Seit Dezember steht der breitschultrige junge Mann erneut vor dem Landgericht im thüringischen Mühlhausen, weil er im April 2018 zusammen mit einem anderen Neonazi aus dem nächsten Umfeld des Papas Journalisten angegriffen und schwer verletzt haben soll. Zu Prozessbeginn hatten die beiden Angeklagten geschwiegen. Als sich Nordulf H. am Montag nun doch zu den Vorwürfen äußert, erklärt er: Er habe die beiden Männer für „die Göttinger Antifa“ gehalten – und sich nur deshalb mit einem riesigen Traktorschraubenschlüssel bewaffnet, weil die ja so gefährlich sei. Es tue ihm leid, dass er damit die Scheiben und Rücklichter am Auto der Journalisten eingeschlagen habe. Mehr aber will er nicht zu verantworten haben.
Kein Messer im Einsatz?
„Die absolute Oberstory ist, dass er sich gegen mich verteidigt haben will“, lässt der Angeklagte seinen Verteidiger, den neonazistischen Anwalt und Aktivisten Wolfram Nahrath, in seinem Namen über eines der beiden Opfer vortragen. „Ich habe weder ins Auto gesprüht noch ein Messer in der Hand gehabt. Ich habe auch nichts weggenommen.“
Laut Anklage sollen Nordulf H. und der damals noch in der NPD aktive Gianluca K. einen Fotografen und seinen Begleiter erst im Auto über die Straßen rund um Heises Heimatdorf Fretterode im Eichsfeld gejagt und sie dann mit dem Schraubenschlüssel, einem Baseballschläger, mit Reizgas und einem Messer attackiert haben. Einer der Journalisten erlitt einen Schädelbruch, der andere einen Stich ins Bein. Außerdem verschwand ihre Kamera, weshalb die Neonazis auch wegen schweren Raubes angeklagt sind.
„Da könnte ich nur mutmaßen“
Das äußerst milde Urteil, das eine andere Strafkammer des Mühlhäuser Gerichts 2022 verkündet hatte, war vom Bundesgerichtshof aufgehoben worden. Deshalb wird das Verfahren seit einem halben Jahr noch einmal von vorne aufgerollt. Am neunten Verhandlungstag erzählt Nordulf H. nun, was er bereits im ersten Prozess behauptet hat: Dass er die Männer habe zur Rede stellen wollen, weil sie am Heise’schen Anwesen fotografiert hatten. Dass er nur eine Löschung der Bilder habe erreichen wollen. Und dass er „durchgedreht“ sei, nachdem ihn die Journalisten gleich zweimal zu überfahren versucht hätten – „ich meine, absichtlich“.
Der Angeklagte als das eigentliche Opfer, das ist die Botschaft: „Ich habe mich falsch und unbesonnen verhalten“, sagt Nordulf H. „Weil ich das Ausschnüffeln und Anprangern unserer Familie nicht mehr ertragen habe.“ Woher die Messerstiche gekommen seien? Was mit der Kamera passiert sei? Keine Ahnung. Ziel der Verfolgungsfahrt war nach seiner Darstellung einzig und allein, ein Löschen der Fotos zu fordern oder für spätere rechtliche Schritte wenigstens das Autokennzeichen der Journalisten festzustellen. Warum dann bis zuletzt weder das eine noch das andere geschehen sei, will das Gericht wissen. „Da könnte ich nur mutmaßen“, antwortet der Angeklagte.
Doch alles anders?
Auch Gianluca K. kann das nicht erklären. Der 32-Jährige äußert sich am Montag ebenfalls zur Anklage – und zeichnet von sich das Bild eines hilfsbereiten Freundes, der eher zufällig in die ganze Sache hineingeraten sei. Und der auf keinen Fall einem gemeinsamen Tatplan mit Nordulf H. gefolgt sein will. Er habe sich ans Steuer gesetzt, weil der Freund „zu aufgeregt“ gewesen sei, sagt er. Bei der Verfolgung sei er keineswegs halsbrecherisch und „Stoßstange an Stoßstange“ gefahren, wie es Augenzeug*innen berichtet hatten, sondern immer mit Abstand und der nötigen Umsicht.
Als die Journalisten sich auf dem Gelände eines Schweinemastbetriebs in eine Sackgasse manövriert hatten, sei Nordulf H. ohne ein Wort aus dem Wagen gesprungen, mit dem Traktorschraubenschlüssel. „Das war nicht abgesprochen“, sagt Gianluca K. Der Freund wäre fast angefahren worden, wie zuvor in Fretterode angeblich schon einmal, und habe daraufhin das Auto der Journalisten demoliert.
„Schwertkampf von Rittern“
„Ich wollte ihn schützen, falls er deshalb angegriffen wird“, sagt Gianluca K. Darum sei auch er ausgestiegen, einen eigens mitgebrachten Baseballschläger in der Hand. Im ersten Prozess hatte er noch steif und fest behauptet, dass der Schläger den Journalisten gehört habe. Jetzt sagt er: Der Begleiter des Fotografen habe ihm die Keule weggenommen, worauf er sich mit dem Schraubenschlüssel verteidigt habe. Der zufällig gerade griffbereit herumlag und ihm ganz bestimmt nicht von Nordulf H. gegeben worden sei, wie er betont. Wohl weil das sonst allzu sehr nach einem abgestimmten Vorgehen röche.
„Es war wie ein Schwertkampf von Rittern“, sagt der Angeklagte. „Geschockt“ sei er gewesen, als sein Widersacher plötzlich blutüberströmt gewesen sei. „Ich kann nicht ausschließen, dass ich ihn im Zuge von Abwehrhandlungen verletzt habe.“ Auf die Idee, einen Arzt zu rufen, kam Gianluca K. indes nicht. „Ich wollte nur noch aus der Situation raus und wegkommen.“ Nur Notwehr also? Bei der Polizei hatte er nichts von alledem gesagt. Da hatten beide Tatverdächtigen sicherheitshalber lieber jegliche Aussage verweigert.
Für den Prozess sind unterdessen weitere Termine bis Anfang Oktober angesetzt. Die Staatsanwaltschaft Mühlhausen ermittelt zudem, weil Papa Thorsten Heise und sein jüngerer Sohn Thoralf im März ein Team von Spiegel TV in Fretterode angegriffen haben sollen.