Nationalsozialistische Untergrundbewegung in der Nachkriegsära: „Aktion Deutschland“
Freigegebene Dokumente des US-amerikanischen Geheimdienstes belegen, daß nach dem Ende der Nazi-Herrschaft im Nachkriegsdeutschland eine nationalsozialistische Untergrundbewegung existiert hat.
Der braune Widerstand, der allerdings wenig Rückhalt in der Bevölkerung hatte, wurde 1947 von den amerikanischen und britischen Besatzungsbehörden zerschlagen.
Der heute in Berlin lebende Artur Axmann (geb. am 18. Februar 1913 in Hagen), Hitlers letzter Reichsjugendführer, wollte dementieren, als er in seinen 1995 erschienenen Lebenserinnerungen über die nationalsozialistische Untergrundbewegung nach Kriegsende sprach. Das Dementi geriet ihm unter der Hand zu einem der wenigen veröffentlichten Belege dafür, daß es diese Untergrundbewegung tatsächlich gab. Axmann gehörte zur zweiten Garnitur von Hitlers Führung. Bekannt wurde er, weil er einer der wenigen „Getreuen“ war, die im April 1945 mit Hitler bis zu dessen Selbstmord im Bunker der Reichskanzlei aushielten und - jedenfalls nach seinen eigenen Angaben - auf der Flucht durch Berlin Zeuge von Martin Bormanns (Reichsleiter der NSDAP und Sekretär von Hitler) Tod wurde.
Axmanns Buch „Das kann doch nicht das Ende sein“ (Verlag Siegfried Bublies, Koblenz), hoch-gelobt mittels Rezensionen in rechtsextremen Postillen wie „Nation+Europa“ und der „Deutschen Stimme“ (NPD), widerlegt, so Wigbert Graberts revisionistischer „Eurokurier“ (3/95), „die Mär von der Untergrundbewegung der Hitler-Jugend nach dem Zusammenbruch“. Axmann widmet dem kaum erforschten nationalsozialistischen Untergrund nach Kriegsende nur einige Zeilen seines redseligen Buches. „In Wirklichkeit gab es überhaupt keine Untergrundbewegung“, schreibt er (S. 509). Dann aber schildert Axmann eine Episode, die sich bis ins Detail mit Dokumenten des US-amerikanischen Geheimdienstes „Counter Intelligence Corps“ (CIC; hier: Dokumente zur „Operation Gopher“, die ab 1945 den NS-Untergrund ausforschte, parallel verliefen die Operationen „Nursery“ und „Brandy“) über die SS-Untergrundbewegung ab 1945 deckt, die Axmann aber an keiner Stelle auf diese bezieht.
Seilschaft der Hitler-Jugend
Axmann beschreibt, wie er sich im Dezember 1945 in der Nähe von Bad Tölz (Ansbacher Hütte) mit einigen ehemaligen Führern der „Hitler-Jugend“ (HJ; u.a.: Eduard Bertsch, Gustav Memminger, Ernst Ferdinand Overbeck, Willi Heide-mann und Heinrich Hartmann) traf. Dokumente des CIC, die über die Freedom of Information Act freigegeben wurden, beweisen, daß Axmann ein konspiratives Treffen schildert. Die Nähe zu Bad Tölz ist kein Zufall, - dort hatte es eine Junker-schule der Waffen-SS gegeben, aus deren Absolventen sich ein Widerstandsnest gegen die Besatzungsmächte rekrutierte. Die Herren diskutierten, ob die Reste der HJ den Alliierten aktiven oder passiven Widerstand leisten sollten. Man kam nach mehreren Zusammenkünften zum Ergebnis, daß man sich erst einmal politisch „nicht öffentlich betätigen“ wolle. HJ-Führer sollten in Betrieben, die Gleichgesinnten gehörten, untergebracht werden. Die HJ-Führer hatten sich wahrscheinlich auf eine Art passiven, politisch unklar ausgerichteten Widerstand ihrer verbliebenen Seilschaft geeinigt.
Den Kern dieser Untergrundbewegung, die sich „Aktion Deutschland“ nannte, bildeten die Überreste der allgemeinen SS. Die „Aktion Deutschland“ teilte das elitäre Selbstverständnis der SS und billigte der HJ lediglich eine Hilfsfunktion zu. Sie bediente sich einiger eigens gegründeter Firmen in Baden-Baden (Reinbold), Frankfurt (Buck) und München (Heidemann), also eben der Infrastruktur, in der Axmann und seine früheren Untergebenen die HJ-Leute unterbrachten. In den Unterlagen des CIC, die mehrere hundert Blatt umfassen, taucht Axmann allerdings nur am Rande auf, - viel-leicht, weil er schon 1945 aufflog, während die „Aktion Deutschland“ erst 1947 von den US-Behörden zerschlagen wurde.
Befreiung Europas“ angestrebt
Der CIC beobachtete und infiltrierte die „Aktion Deutschland“, deren stärkste Untergliederung „Süddeutschland“ in der amerikanischen und in geringerem Maß in der englischen und französischen Besatzungszone operierte. Die Organisation wolle, so heißt es in einem Bericht des in das Netz-werk eingeschleusten Agenten Hubert D. Ludwell, frühere SS-Führer und Wehrmachtsoffiziere in einer Untergrundbewegung vereinen. Nur die „zuverlässigsten und am besten ausgebildeten Personen sind Mitglieder der allgemeinen SS-Untergrundbewegung“, schreibt Ludwell. Die Untergrundbewegung sei dabei, sich „sehr gut zu organisieren und habe in allen wichtigen deutschen Städten Stützpunkte, die als Firmen getarnt seien“. An einer Stelle seines Berichtes heißt es, die „Aktion Deutschland“ strebe ein vom Ost-West-Konflikt geprägtes Europa mit einem neutralen Deutschland an. In einem neuen Krieg werde die UdSSR ganz Europa überrennen, aber die SS-Führer, die bis dahin die deutsche Polizei unterwandert haben würden, hätten sich die „Befreiung Europas“ vor-genommen.
Zu den Führern der Untergrundbewegung gehörten u.a. Helmuth Friedrichs, ein ehemaliger SS-Ober-führer und Leiter der politischen Abteilung der Kanzlei der NSDAP, Kurt Ellersiek (alias Konrad Ehlers), Amtschef des Reichssicherheitshauptamtes, Kommandeur der SS-“Mannschaftshäuser“ (hießen zuvor Kameradschaftshäuser des „Nationalsozialistischen Studentenbundes“), und SS-Brigadeführer Erich Müller.
Auch Klaus Barbie, der in Lyon für die GESTAPO und den Sicherheitsdienst (SD) gefoltert und gemordet hatte, gehörte zum SS-Untergrund. Innerhalb eines „Stützpunktsystems“ war er unter einem seiner zahlreichen falschen Namen für Marburg und Umgebung zuständig. Da Barbie sich bei GESTAPO und Sicherheitsdienst (SD) im Kampf gegen den Kommunismus „qualifiziert“ hatte, warb ihn der CIC später als Agenten an.
Eingebunden in das Untergrundnetz war Felix Buck (am 13. August 1912 in Hamburg geboren). Dieser führte in Frankfurt und Gießen ein Pelz-und Rauchwarengeschäft, das „mit der Absicht aufgebaut wurde, frühere SS-Führer anzustellen“. Buck war ebenfalls Mitglied der Mannschaftshäuser gewesen. Nach seinem Jurastudium arbeitete er bei der IG-Farben-Hauptverwaltung (!) in Frankfurt, bis er 1939 Soldat (zuletzt im Rang eines Majors und stellvertretenden Regimentsführers) wurde. Nach Kriegsende baute Buck in Frankfurt sein Geschäft auf und war einer der zahlreichen Geschäftsführer in der Industrie- und Handelskammer Frankfurt und des Verbandes des Groß- und Außenhandels. Der geopolitische Stratege Buck, einer der Mitbegründer des „Europäischen Instituts für Sicherheitsfragen“ (EIS) in Luxemburg, wurde später stellvertretender Bundesvorsitzender der NPD. Er publiziert (Autor in „Nation+Europa) und referiert („Staatspolitischer Club Rhein-Main“, „Gesellschaft für freie Publizistik“, „Deut-sches Seminar“) bis heute in der rechtsextremen Szene.
Durch die GESTAPO „qualifiziert“
Im Februar 1947 wurde Buck verhaftet. Kurz nach Bucks Verhaftung erhielt der CIC ein Schreiben, in dem die „Aktion Deutschland“ Bucks sofortige Freilassung forderte. Die „Operation Selected Board“ habe „in bescheidenstem Rahmen Teile einer Gruppe der über das ganze Reichsgebiet ver-breiteten Aktion Deutschland in die Hände der US - u. England gebracht“. Buck solle als Verbindungsmann zwischen der „Aktion Deutschland“ und den Miltärbehörden freigelassen werden; geschehe seine Freilassung nicht binnen 14 Tagen, werde die Aktion „weitere Feindseligkeiten zu gegebener Zeit durch schärfste Gegenschläge“ ver-gelten.
Die amerikanische und britischen Besatzungsbehörden zerschlugen diesen braunen Untergrund in mehreren Verhaftungswellen. Um festzustellen, wie die deutsche Bevölkerung auf die Nachricht von noch zwei Jahre nach Kriegsende bestehende nationalsozialistische Widerstandsnester reagierte, befragten Agenten offen oder versteckt, repräsentativ oder zufällig ausgewählte Deutsche. Der Bericht des CIC faßt zusammen, daß die Durchschnittsbürger sehr vorsichtig würden, wenn der Untergrund erwähnt würde, da niemand in Ver-dacht geraten wolle. Das Spektrum der Reaktionen reichte von demokratisch motivierter Ablehnung über die Angst vor „neuen Abenteuern“ bis zu versteckter Sympathie.
Die Untergrundbewegung „Aktion Deutschland“ blieb eine folgenlose Episode der Niemandszeit zwischen 1945 und 1946. Sie hatte so wenig Rück-halt in der deutschen Bevölkerung - diese war überwiegend mit der Sicherung der materiellen Existenz beschäftigt -, daß die Verhaftung ihrer führenden Mitglieder nicht verkraftet wurde.