von Oliver Cruzcampo
   

Nationalistische „Identitäten“

Der rechtsextreme französische „Bloc identitaire“ begeht sein zehnjähriges Bestehen – die Aktivisten sind sich uneinig, ob sie lieber außerparlamentarische Bewegung bleiben oder Partei werden möchten. Übernommen mit freundlicher Genehmigung des „blick nach rechts“.

„Stell Dir vor, Faschisten feiern Geburtstag, und niemand geht hin!“ Ganz so lief es zwar nicht, doch nicht alle geladenen Gäste kamen auch. Am vergangenen Wochenende hielt die außerparlamentarische französische Rechte in Gestalt des „Bloc identitaire“ eine Tagung im südfranzösischen Orange ab. Den Anlass zu dem Treffen, das unter der Bezeichnung „Convention identitaire“ im „Prinzenpalast“ von Orange stattfand, wie das Treffen offiziell hieß, lieferte ihr zehnjähriges Bestehen.

Rund 800 Personen meldeten sich an oder wurden eingeladen, knapp 500 erschienen vor Ort. Nicht alle internationalen Gäste, die geladen worden waren, zeigten Präsenz. So blieb die österreichische FPÖ dem Treffen fern, und für den belgisch-flämischen Vlaams Belang sandte die Vertreterin Hilde de Lobel ein Grußwort. Aber sie tauchte – anders als beim letzten Treffen vor drei Jahren am selben Ort – nicht persönlich auf. Ursächlich dafür ist wohl der Druck des Front National (FN), der sich derzeit im Aufstieg befindet und seinen „Bruderparteien“ im europäischen Ausland signalisierte, dass sie nur zu ihm in Frankreich Kontakt halten dürften. In ihrer Botschaft führte Hilde de Lobel aus: „Die Bedrohung durch die Islamisierung unseres Kontinents ist unsere drängendste Sorge.“ Und auch: „Unsere Identität ist kulturell durch das Erbe der westlichen Zivilisation geformt worden.“

„Es lebe unsere Rasse!“

Eine Ausnahme unter den Gästen bildeten in diesem Jahr die italienischen Abgesandten, die auch persönlich erschienen waren. Zu ihnen zählten Vertreter der Zeitung „Secolo d’Italia“, aber auch der Europaparlaments-Abgeordnete der italienischen Lega Nord, Mario Borghezio. Am Wochenende tönte er in Orange durch den Saal: „Man muss das Buch, die Ideen einsetzen, aber auch den Stock. Man muss knüppeln, wenn es notwendig ist!“ Ferner rief er aus: „Ein Volk, das ist das Blut, die Ethnie, die Traditionen und unsere Vorfahren! Es leben die Weißen in Europa! Es lebe unsere Rasse!“

Dadurch brachte Borghezio auf den Punkt, was der „Bloc identitaire“ meint, wenn er von „solidarités charnelles“ spricht, also wörtlich von „fleischlichen Solidaritäten“. Gar so genau wollten die Veranstalter es allerdings anscheinend vor versammelter Presse nicht benannt wissen. Dem Vertreter der französischen Nachrichtenagentur AFP vor Ort verboten sie am Sonntag früh den Zutritt, wegen „unausgewogener Berichterstattung“, weil er in seiner Depesche vom Vortag wohl zu ausführlich die Originaltöne von Mario Borghezio zitiert hatte. Aus Solidarität mit dem AFP-Reporter boykottierten auch andere Journalisten (von „Le Monde“, „L’Humanité“ und dem linkskatholischen Magazin „Golias) am Sonntag die Tagung.

Happenings mit Schweinemasken

Derzeit sind sich die „Identitaires“ über ihre eigene Strategie uneinig. Eine Richtung möchte besonders als außerparlamentarische Bewegung und pressure group auftreten, mit PR-Aktionen die Aufmerksamkeit der Medien erwecken und dabei für eine Hegemonie ihrer „Ideen“ ringen. Im Vordergrund steht dabei der „Abwehrkampf“ gegen die Präsenz von Muslimen in Europa. Ganz in diesem Sinne fiel auch die spektakuläre Aktion am 20. Oktober dieses Jahres, bei welcher junge Aktivisten der Jugendorganisation des Bloc – unter dem Namen „Génération identitaire“ – die Baustelle einer Moschee in Poitiers besetzen. Ort und Datum sollten dabei bewusst auf die von zahlreichen Geschichtslegenden umwobene Schlacht von Karl Martel gegen arabische Reiter anspielen, welche am 25. Oktober des Jahres 732 auf einer Wiese bei Poitiers stattfand.

Der Jahrestag fiel in die Woche nach der aufsehenerregenden Aktion. So wie Karl Martel damals die „Sarazenen“ aus dem Land gefegt habe, so müsse man es wieder tun, lautet die Botschaft. Aktionen wie diese sind typisch für die „Identitaires“, die auch gerne subkulturelle Codes ansprechen, um mit Hilfe von Agitprop und vermeintlich modern aufbereiteten Mythen sowie unter Zuhilfenahme von Musik und Videos besonders junge Leute anzusprechen. Ein Video unter dem Titel „Kriegserklärung“, auf dem die beschworene „Generation“ sich selbst in Sprecheinlagen vorstellt – eine Generation, die Opfer von Multikulturalismus, Ideallosigkeit ihrer Umwelt und der Verantwortungslosigkeit der ihr vorausgehenden 68er sei – sorgte im In- und Ausland für viel Aufsehen. Es existiert auch in deutscher Übersetzung und wurde ausgiebig bei der rechten Webseite „Politically Incorrect“ vorgestellt. Beliebt bei den „Identitären“, die seit kurzem jetzt auch Ableger etwa in Wien und Frankfurt/Main gründeten, sind aber auch Happenings mit Schweinemasken, besonders gegen muslimische Restaurants, die kein Schweinefleisch anbieten.

Doch eine andere Richtung bei den „Identitaires“ möchte lieber parteiähnliche Arbeit betreiben, besonders auf lokaler Ebene, und dabei auch dem teils bewunderten und teils verhassten FN Konkurrenz bereiten. Eine dritte Richtung wiederum sähe sich lieber als reinen „Denkclub“, der Veranstaltungen ausrichtet, um pseudo-wissenschaftliche Debatte mit Gastrednern auszurichten und um „den Kampf um das Besetzen der Begriffe“ zu führen.

Wichtige ideologische Differenzen zum FN

Auf ihrem Treffen am Wochenende versuchten die „Identitätsliebhaber“, sich auf einen strategischen Kompromiss zu einigen. Auf den Versuch, formell als politische Partei aufzutreten, wollen sie verzichten – um stärker ihren Bewegungscharakter oder, aus ihrer eigenen Sicht, ihre Natur als Ausdruck einer „Gegenkultur“ zu betonen. Gleichzeitig wollen sie sich zumindest in der Kommunalpolitik auch bei institutioneller Arbeit engagieren. Philippe Vardon von dem Bloc-Ableger „Rebellisches Nizza“, der am stärksten auf dieser Ebene vorgearbeitet hat, sprach am Sonntag „Wahlbündnissen und, warum nicht, der Teilnahme an Kommunalregierungen“ in enger Zusammenarbeit mit dem FN das Wort. Allerdings schlug die FN-Chefin Marine Le Pen das Angebot postwendend aus. Beim Fernsehsender BFM TV erklärte sie, der Bloc sei nach ihren Kenntnissen „eine Agitprop- und Aktivisten-Partei“, also nicht eine seriöse Erscheinung wie die von ihr geführte Partei. Ferner gebe es zu wichtige ideologische Differenzen: die „Identitaires“ seien „Europäisten und Regionalisten“. Tatsächlich setzt der Bloc auf eine Art Dreiklang der zu verteidigenden „Identitäten“ – regionale, nationale und europäische –, die wie eine Art russischer Puppen ineinander greifen sollen. Aus Sicht des FN dagegen muss allein die Nation im Mittelpunkt stehen.

Sein relativ parteiferner Charakter verschafft dem Bloc jedoch insofern einen Vorteil, als er auch parteiübergreifend nach Bündnispartnern suchen kann. Neben dem FN zählen dazu auch Konservative. Derzeit haben zwischen 15 und 20 Abgeordnete der konservativ-wirtschaftsliberalen Oppositionspartei UMP eine Petition gegen das kommunale Ausländerwahlrecht unterschrieben, die vom Bloc initiiert wurde. Der aufgrund notorischer homophober Sprüche aus der UMP-Fraktion ausgeschlossene frühere Parlamentarier Christian Vanneste nahm an der Tagung in Orange teil. Und ein Vertreter der UMP-nahen rechten Studierendengewerkschaft UNI (Edgar Saint-Jean) sandte ein Grußwort.

Foto: Screenshot Facebook

Kommentare(3)

jbz Donnerstag, 22.November 2012, 12:20 Uhr:
Sehe ich das richtig das der Artikel eigentlich die Bewegung garnicht kritisiert sondern einfach nur Tatsachen auflistet und mit einen leicht negativen Unterton wiedergibt?
Soetwas kennt man ja sonst garnicht von euch..
 
Roichi Donnerstag, 22.November 2012, 21:14 Uhr:
@jbz

Das reicht doch völlig, um klarzumachen, was für Leute, Rassisten, Menschenhasser, Nationalisten etc. sich dahinter verbergen.
 
DerFelek Freitag, 23.November 2012, 19:44 Uhr:
dabei der „Abwehrkampf“ gegen die Präsenz von Muslimen in Europa.

Hatte in Frankreich die Chance mich mit einigen Aktivisten zu unterhalten (die ich beim Plakatekleben in einem Pariser Vorort angetroffen habe). Sie sind NICHT gegen Muslime als Menschen, ihnen geht es nicht darum, diese zu verdammen sondern sich wieder der eigenen Identität bewusst zu werden u. diese zu kultivieren.Auch geht es ihnen um ein Ende der allzu liberalen Immigrationrechte, darum, dass eine kulturelle Anpassung verlangt werden darf (z.B sollen musl. Männer es nicht ablehnen einer Frau die Hand zu reichen) u.ä. Bitte, wenn ihr einmal in Frankreich seid, oder Schweden-schaut auch die Banlieus doch selber an-es findet kaum bis keine Integration statt,obwohl z.B Frankreich viel Geld investiert, dafür kommen laufend weitere Forderungen an die Mehrheitsgesellschaft-so kann das nicht funktionieren. Ich denke, die Gesellschaft wird in Zukunft weiter rechts stehen und die Forderungen der Identitären werden Allgemeingut sein.Dafür dürfen wir und bei links-stehenden Politikern bedanken, die das Ganze (durch eine schlecht durchdachte Einwanderungspolitik) erst ermöglicht haben.
 

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