„Nach den rechten Häusern sehen“ - Fretterode

Immobilien der extremen Rechten bilden die wichtigsten Stützpfeiler neonazistischer Aktivitäten. Innerhalb der letzten vier Jahre stieg die Zahl extrem rechter Häuser in Thüringen von 9 auf 15 Objekte an. Der folgende Text ist Teil der Broschüre „Nach den rechten Häusern sehen – Immobilien der extrem rechten Szene in Thüringen“ und befasst sich mit dem Gutshaus Hanstein des NPD-Bundesvize Thorsten Heise.

Gutshaus Hanstein des NPD-Bundesvize Thorsten Heise

Thorsten Heise ist einer der bundesweit bekanntesten Neonazis. Er wurde 1969 in Göttingen geboren und begann seine Karriere in der Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei, in der er bis zu ihrem Verbot 1995 zum niedersächsischen Landesvorsitzenden bzw. „Gauleiter“ aufgestiegen war. Heise gilt als Gründer der militanten Kameradschaft Northeim, deren Treffen in seinem Haus in Northeim stattfanden.

Das dazu gehörige Grundstück war auch Ort für Rechtsrock-Konzerte, beispielsweise im Oktober 1995, als rund 1.000 Neonazis den Aufritt der britischen Band No Remorse aus dem Umfeld des bewaffneten Arms Combat 18 (C18) des Neonazinetzwerks Blood & Honour besuchten. Als die Polizei das Konzert auflösen wollte, legten die Neonazis Feuer und attackierten Polizei und Feuerwehr. Im Abschlussbericht des NSU-Untersuchungsausschusses im Deutschen Bundestag wird Heise als „einer der herausragenden Repräsentanten des internationalen Terrornetzwerk Combat 18 in Deutschland“ bezeichnet.

Die alten Kontakte pflegt er auch heute noch, z.B. bei einem Neonazi-Aufmarsch in Dortmund im Juni 2016. Dort kam es zu einem Treffen von wichtigen Aktivist*innen des internationalen C18-Netzwerkes. Neben Heise war auch William Browning anwesend, einer der Gründer der britischen C18-Gruppe.

Im Dezember 1999 erwarb Heise für umgerechnet knapp 179.000 Euro das frühere Gutshaus der Herren von Hanstein in Fretterode im thüringischen Eichsfeld, das zum Zeitpunkt des Erwerbs als Pflege- und Altenheim genutzt wurde. Er zog nach einem Haftaufenthalt im Oktober 2002 ein. Zwölf Jahre später sollte er in der NPD-Zeitung „Deutsche Stimme“ die wichtige Rolle von Immobilien in der Hand von Neonazis unterstreichen: „Jedes Haus, jede Wohnung, in dem sich die nationale Opposition treffen kann, ist eine Burg im Feindesland“.

Dabei hatte Heise anfänglich erklärt, das Haus mit knapp 600 Quadratmetern Wohnfläche diene ausschließlich ihm und seiner Familie. In einer Antwort der Landesregierung vom Dezember 2015 heißt es jedoch: „Auf dem Anwesen finden ebenfalls seit Oktober 2002 wöchentlich ‚Kameradschaftsabende‘ der ‚Kameradschaft Northeim‘ statt“. Auch NPD-Schulungen, Liederabende und Sitzungen extrem rechter Vereine finden seit Heises Umzug nach Fretterode in dem ehemaligen Gutshaus statt.

Dazu gehört zum Beispiel die Europäische Aktion (EA), die von dem Holocaust-Leugner Bernhard Schaub gegründet wurde, um die Zusammenarbeit von extrem rechten Gruppierungen in Europa voranzutreiben. Auch die Deutsch-Russische Friedensbewegung im europäischen Geist führte seit ihrer Gründung im Jahr 2006 mehrfach Jahrestagungen in Fretterode durch. Dem Journalisten Thomas Kuban erklärte Heise 2006 unverblümt: „Selbstverständlich unterstützen wir laufend alle möglichen (und unmöglichen) nationalen Projekte, die vielen Verweise und Danksagungen auf vielen nationalen Seiten sprechen ihre eigene Sprache. Wir haben ja auch 2000 einen alten Bauernhof in Fretterode gekauft, den wir wöchentlich mehrmals für Kameradschaften und Bands zur Verfügung stellen (zum Beispiel Bandübungsräume und Kameradschaftsabende).“

Doch das Haus in der Dorfstraße dient nicht nur der Vernetzung. Es beherbergt auch das Firmengeflecht des inzwischen zum Bewegungsunternehmer aufgestiegenen Thorsten Heise. Nachdem er bereits 1998 den Großhandel für Bild und Tonträger, Geschenkartikel, Militärbekleidung und -schuhe, Campingartikel gegründet hat, fungierte wenig später seine Ehefrau Nadine Heise als Geschäftsführerin des in w+b Medien bzw. WB-Versand umbenannten Unternehmens, das seit Heises Umzug seinen Sitz in Fretterode hat.

Schon früh hatte der passionierte Neonazi die Propagandafunktion der Musik in der extrem rechten Erlebniswelt zu schätzen gelernt und erklärt: „Eine gut gemachte cd ist definitiv weitaus besser als ein sehr gutes Flugblatt. Wo vor drei Jahren, vier Jahren, fünf Jahren vielleicht noch 3 000 abgesetzt worden sind, werden heute bis zu 20 000 Exemplare abgesetzt. […] Das ist natürlich eine Sache, auf die wir auch setzen: Das ist Propaganda.“ Auf die Adresse in Fretterode ist auch der Nordland Verlag mit einem breiten Angebot an neonazistischer Literatur und Musik registriert, in dem Thorsten Heise die neonazistische Zeitschrift „Volk in Bewegung/Der Reichsbote“ herausgibt. Im März 2015 teilte Heise mit, dass er den DS Versand übernommen habe. Der ehemalige Versand der NPD-Zeitung „Deutsche Stimme“ firmiert nun als Deutsches Warenhaus unter W+B Medien in Fretterode.

Autor: Kai Budler // Die Broschüre wird durch die Mobile Beratung in Thüringen, MOBIT, veröffentlicht. Kommende Woche wird diese in Eisenach und Schleusingen vorgestellt.

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