„Nach den rechten Häusern sehen“ - Die Gedächtnisstätte in Guthmannshausen

Immobilien der extremen Rechten bilden die wichtigsten Stützpfeiler neonazistischer Aktivitäten. Innerhalb der letzten vier Jahre stieg die Zahl extrem rechter Häuser in Thüringen von 9 auf 15 Objekte an. Der folgende Text ist Teil der Broschüre „Nach den rechten Häusern sehen – Immobilien der extrem rechten Szene in Thüringen“ und befasst sich mit der sogenannten Gedächtnissätte Guthmannshausen.

Das Alte Rittergut in Guthmannshausen, Foto: MOBIT

Am frühen Morgen des 23. Juni 2017 stand die Polizei vor den Türen von 14 Wohnungen und Häusern in Thüringen und Niedersachsen. Bei der Razzia wurden nach Angaben des MDR rechtes Propagandamaterial, Drogen, Handys, Computer und Waffen gefunden. Der Hintergrund: Die Staatsanwaltschaft Gera ermittelte unter anderem gegen Personen der Europäischen Aktion (EA), einem Zusammenschluss von Neonazis und Holocaust-Leugner*innen, wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung.

Die Polizei stand auch vor den Türen des Alten Ritterguts in Guthmannshausen (Landkreis Sömmerda), wo der neonazistische und geschichtsrevisionistische Verein Gedächtnisstätte e.V. eine Tagungsstätte betreibt. Der Vorsitzende Wolfram Schiedewitz beklagte sich, das Haus sei von der Polizei „überfallen“ worden. Dabei habe die Razzia nicht dem Verein, sondern dem Hausmeister gegolten – der sei laut Schiedewitz Mitglied der EA. Seine Beschwerde erschien an passendem Ort, in der NPD-Parteizeitung „Deutsche Stimme“ (Nr. 9/2017).

Das Haus

Auf 1.003m² Wohn- und Nutzfläche bietet das Herrenhaus Guthmannshausen Schulungs- und Arbeitsräume sowie Gästezimmer. Im Jahr 2000 wurde das Haus – noch im Besitz des Freistaates Thüringen – saniert. Der bauliche Zustand sei gut und die Installationen modern, warb ein Makler, bevor das Haus in die Hände der extremen Rechten geriet. Umgeben von einem großen Garten ist die herrschaftliche Immobilie ein idealer Ort für Veranstaltungen. Im Mai 2011 wurde der Kaufvertrag unterzeichnet. Das Thüringer Liegenschaftsmanagement unter Verantwortung des damaligen Finanzministeriums verkaufte die frühere Landwirtschaftsschule für 320.000 Euro an Bettina Maria Wild-Binsteiner (Hessen). Öffentlich bekannt wurde der Verkauf erst Ende September 2011 durch einen Zeitungsartikel, nachdem eine Veranstaltung mit der Holocaust-Leugnerin und Neonazi-Funktionärin Ursula Haverbeck-Wetzel stattgefunden hatte.

Die damalige Thüringer Landesregierung behauptete, keine Erkenntnisse über den Hintergrund der Käuferin gehabt zu haben. Erst nach der Übertragung des Eigentums sei bekannt geworden, dass sie Mitglied des rechtsextremen Vereins Gedächtnisstätte e.V. sei und Kontakte zur extrem rechten Gesellschaft für freie Publizistik e.V. (GfP) habe. Doch die vorgebliche Unkenntnis ist wenig glaubwürdig. Denn der Verein war bundesweit Beobachtungsobjekt der Verfassungsschutzbehörden, ebenso die GfP. Zudem war dem Thüringer Landesamt bekannt, dass der Verein eine neue Immobilie kaufen wollte, nachdem er den ab 2005 genutzten Ort in Borna (Sachen) 2009 räumen musste. Schon im Februar 2011 hatte Schiedewitz öffentlich erklärt, neue Räume in „Mitteldeutschland“ gefunden zu haben.

Der Verein

Den Behörden gilt der am 23. Mai 1992 gegründete Verein mit etwa 50 Mitgliedern als rechtsextrem. Zudem, so schreibt der niedersächsische Verfassungsschutz, versuche er durch „die Relativierung der Opfer des NS-Regimes [...] eine Revision der Geschichte zu betreiben“. Erste Vorsitzende wurde Ursula Haverbeck-Wetzel. Zum Stellvertreter wählten die Mitglieder Theodor Schmidt-Kaler, einen Mitinitiator des rassistischen „Heidelberger Manifestes“ von 1981, in dem vor der „Unterwanderung des deutschen Volkes durch Zuzug von Millionen von Ausländern“ gewarnt wird. Haverbeck-Wetzel war auch Vorsitzende des 2008 durch das Bundesinnenministerium verbotenen Collegium Humanum und stellvertretende Leiterin des ebenfalls 2008 verbotenen Vereins zur Rehabilitierung der wegen Bestreitens des Holocaust Verfolgten. 2003 gab sie den Vorsitz der Gedächtnisstätte ab. Zu exponiert war offenbar ihr Engagement in der Szene von Neonazis und Holocaust-Leugner*innen. Das dürfte ein Verbot verhindert haben.

Neuer Vereinsvorstand wurde der bis dato kaum bekannte Schiedewitz (Landkreis Harburg, Niedersachsen). Er gehört zu einem „Netzwerk von Holocaustleugnern und Geschichtsrevisionisten, die das nationalsozialistische Deutschland von Schuld reinwaschen“ wollen – so 2012 eine Sprecherin des niedersächsischen Verfassungsschutzes. Den Vorstand heute stellen neben ihm der extrem rechte Publizist Albrecht Jebens (Bodenseekreis, Baden-Württemberg) sowie Paul Latussek (Ilmkreis, Thüringen), früherer Spitzenfunktionär der Vertriebenen und verurteilt wegen Verharmlosung der Ermordung der Juden. Kontakte bestehen in unterschiedlichste Spektren der extremen Rechten – unter anderem zur Schlesischen Jugend, EA, zum NPD-nahen Freundschafts- und Hilfswerk Ost, zum Bund für Gotterkenntnis Ludendorff oder zur neonazistischen Zeitschrift „Volk in Bewegung“.

Die Gedächtnisstätte

In Guthmannshausen finden regelmäßig Vorträge, Konferenzen und Feiern statt. Funktionär*innen und Referent*innen der unterschiedlichsten Strömungen der extremen Rechten geben sich die Klinke in die Hand: ein Vortrag einer Holocaust-Leugnerin, das Sommerfest des NPD-Europaabgeordneten Udo Voigt, Treffen der Schlesischen Jugend, Vorträge über die Wehrmacht oder „Sonnenwend-Feiern“. Ziel des Vereins ist laut Gründungssatzung die Errichtung „einer würdigen Gedächtnisstätte für die Opfer des Zweiten Weltkrieges durch Bomben, Verschleppung, Vertreibung und in Gefangenenlagern“ – wohlgemerkt nur für deutsche Opfer. 2014 wurde schließlich die Stätte mit geschichtsrevisionistischen Inschriften auf schweren Steinen eingeweiht. In einem Interview mit der neonazistischen Zeitschrift „Hier & Jetzt“ beschrieb Schiedewitz die Ziele deutlicher: Es gehe um Gedenken „ohne Zugeständnisses gegenüber politischer Korrektheit und Büßertum“.

Bundesweite Bedeutung

Guthmannshausen ist ein bundesweit bedeutender Treff für Geschichtsrevisionist*innen, Holocaust-Leugner*innen, völkische und militante Neonazis. Monatlich finden Veranstaltungen für die Szene statt. Das Haus bietet beste Voraussetzungen für ungestörte Treffen. Die Nähe zu Holocaust-Leugner*innen untermauert den Verdacht, der Verein und sein Treffpunkt könnten möglicherweise der Fortführung des 2008 verbotenen Collegium Humanum dienen. Das wäre illegal.

Die Broschüre wird durch die Mobile Beratung in Thüringen, MOBIT, veröffentlicht. Kommende Woche wird diese in Eisenach und Schleusingen vorgestellt.

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