von Marc Brandstetter
   

Nach 17 Jahren: Neonazi-Attentäter kommt vor Gericht

Die Anklage lautet auf zwölffachen versuchten Mord: Gestern gab die Staatsanwaltschaft Düsseldorf bekannt, dass dem mutmaßlichen Bombenattentäter Ralf S. der Prozess gemacht werden soll. Dem 50-Jährigen wird vorgeworfen, vor 17 Jahren in Düsseldorf zehn Personen teilweise schwer verletzt zu haben. Eine schwangere Frau verlor ihr ungeborenes Kind.

Der Angeklagte zeigt sich auf Facebook gerne in Militaria-Kleidung, Foto: Screenshot

Es war eine der Taten, die den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) veranlassten, den „Aufstand der Anständigen“ auszurufen: Der Sprengstoffanschlag auf die Düsseldorfer S-Bahn-Station Wehrhahn, bei dem zehn Menschen verletzt wurden. Die selbstgebaute Bombe war in einer Tüte versteckt. Für einige Opfer bestand Lebensgefahr, eine im fünften Monat schwangere Frau verlor durch Metallsplitter, die in ihren Unterleib eingedrungen waren, ihr Baby. Alle Angegriffenen stammten aus Ländern Osteuropas, sechs von ihnen gehörten darüber hinaus einer jüdischen Gemeinde an. Sie nahmen an einem Sprachkurs in der Nähe des Tatortes teil.

„Fremdenfeindliche Absicht“

16 Jahre lang galt der Mordanschlag als ungelöst, bis sich Ralf S. in Haft einem Mitgefangenen anvertraute. Er hätte „mit Sprengstoff die Kanaken weggesprengt“, gab der Rechtsextremist offenbar zu. Daraufhin rollte die Polizei den Fall neu auf. Die Ermittler waren bereits damals von einem rechtsextremistischen Motiv ausgegangen: Der am 31. Januar dieses Jahres in Ratingen bei Düsseldorf verhaftete S. war bereits kurz nach der Tat im Visier der Sonderkommission. Allerdings habe sich der Verdacht nicht erhärtet, obwohl der bekannte „Waffennarr“, wie das „Lotta Magazin“ berichtet, aus seinem Hass auf Migranten keinen Hehl gemacht und außerdem Kontakte in die Neonazi-Szene unterhalten habe. S. betrieb zum Zeitpunkt des Anschlages einen „Militaria-Laden“ neben dem Bahnhof und wohnt ganz in der Nähe. Immer wieder sei er aufgefallen, da er in dem Viertel Patrouillengänge mit seinem Hund unternommen habe.

Mittlerweile sind sich die Ermittler sicher, mit dem 50-jährigen Verdächtigen den Richtigen geschnappt zu haben. Die Aussage des Belastungszeugen sei „ausgesprochen plausibel“, zitiert die taz Justizkreise. Weitere Zeugen erinnern sich nun, S. habe den Angriff sogar angekündigt, nach neuesten Erkenntnisse sei der Anschlag monatelang vorbereitet worden. Die Anklage wirft S. zwölffachen versuchten Mord, begangen aus „fremdenfeindlicher Absicht“, vor. Die früheren Ermittlungen gegen den Beschuldigten waren 2002 eingestellt worden, nach einer kurzen Festnahme wurde er aus Mangel an Beweisen wieder auf freien Fuß gesetzt. Seit seiner erneuten Verhaftung sitzt S., der die Tat bestreitet, in Untersuchungshaft.

Keine Verbindung zu Kölner NSU-Anschlag

Nach der Selbstenttarnung der Neonazi-Terrorgruppe NSU 2011 prüfte das Bundeskriminalamt (BKA) anfangs eine mögliche Täterschaft der Terroristen, denen zehn Morde an Menschen mit Migrationshintergrund und einer Polizistin, zahlreiche Banküberfälle und ein Nagelbombenanschlag in Köln zur Last gelegt werden. 

Kommentare(2)

Irmela Mensah-Schramm Samstag, 09.Dezember 2017, 06:28 Uhr:
Warum mußte es 17 Jahre dauern, bis juristisch - nun endlich - erkannt wurde, dass dieser Fasscho aus fremdenfeuindlichen Motiven fgehandelt hatte und das Leben von 10 Personen damit beinahe ausgelöscht hatte, d.h. eine schwangeree Frau ihr Kind verlor ?
 
kritiker Montag, 11.Dezember 2017, 23:13 Uhr:
@ Irmela Mensah-Schramm
Vielleicht oder ganz sicher hat es auch deshalb so lange gedauert, weil sowohl
die famose Bundesregierung als auch die verschiedenen Landesregierungen
(also bisher regierenden Parteien) es hervorragend verstanden haben, in den
Bereichen Polizei , Justiz und Geheimdienste in unverantwortlicher Weise ein-
zusparen. Also Personal abzubauen, ausscheidendes Personal nicht ausrei-
chend zu ersetzen und die materielle Basis dieser wichtigen Institutionen zu
vernachlässigen. Beispiele dafür sind u.a. Ralf S. und der Zugewanderte Asyl-
bewerber Amry.
 

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