„Mythos deutscher Kollektivunschuld“

In seinem aktuellen Buch „Kollektive Unschuld“ setzt sich der Antisemitismus- und Rechtsextremismusforscher Samuel Salzborn mit der „Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern“ auseinander.

Freitag, 08. Mai 2020
Anton Maegerle

Der Politikwissenschaftler Salzborn untersucht in seinem Buch das Wechselverhältnis von Geschichtsvergessenheit und Geschichtsversesssenheit im Hinblick auf den Nationalsozialismus und die Shoah. So sei die Geschichtsvergessenheit besonders dann in der deutschen Geschichte festzustellen, wenn es um den Nationalsozialismus und die Shoah in der Erinnerungskultur der Bundesrepublik sowie den damit verbundenen Antisemitismus gehe, betont er. Geschichtsversessenheit zeige sich dann besonders, wenn es darum handelt, an deutsche Geschichte vor und nach dem Nationalsozialismus zu erinnern. Vor allem, wenn es um die Inszenierung als deutsche Opfer geht, etwa durch Flucht, Vertreibung oder die Bombenkriegsdebatte.

In seinem Essay setzt der renommierte Antisemitismusforscher die beiden historiografisch relativ gut erforschten thematischen Pole, auf der einen Seite der Umgang mit der Shoah in der Erinnerungskultur der Bundesrepublik und damit verbunden den deutschen Antisemitismus, auf der anderen Seite die Thematisierung von deutschen Opfernarrativen kontextualisiert durch eine Versessenheit auf deutsche Geschichte, in Beziehung, um das antisemitische und völkische Denken im Zusammenhang zu ergründen.

„Öffentliche und private Erinnerung stehen immer wieder in Konflikt“

Salzborn stellt fest, dass es immer wieder zu Spannungen zwischen den Formen öffentlicher Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der privaten Haltung der Bevölkerung gekommen sei. Der offiziellen Form der Erinnerung („allgemeiner Erinnerung“), von Gedenkorten und Gedenkveranstaltungen bis hin zu politisch-programmatischen Reden, setzt er die Tradierungen innerhalb von Familienerzählungen, also das private Geschichtsbild („partikulare Erinnerung“), entgegen. „Öffentliche und private Erinnerung an den Nationalsozialismus stehen dabei immer wieder in Konflikt“, so Salzborn.

„Bemerkenswerte Kongruenzen“ sieht er dagegen bei öffentlichem und privatem Erinnern in Bezug auf die deutschen Opfermythologisierungen. Der Rechtsextremismusforscher beobachtet, dass der Opfer- und Täterdiskurs nicht voneinander getrennt betrachtet wird, „sondern in einem postmodernen Nebel der historischen Entkontextualisierung verschwimmt“. Als Beispiel führt Salzborn unter anderem die Vertriebenendebatten an. So kulminierte der Mythos kollektiver Unschuld um die Jahrtausendwende in dem Willen der deutschen Vertriebenenverbände, ein deutsches Opferzentrum in Berlin zu errichten. Die Täter-Opfer-Relativierung in der deutschen Gedenkkultur zeigt sich laut Salzborn auch bei Spielfilmen und TV-Serien wie „Der Untergang“ oder „Die große Flucht“, die auf Schuldumkehr zielen.

Zur Erinnerungsabwehrgemeinschaft geworden

Entgegen aller Proklamationen bezüglich einer angeblichen Erfolgsgeschichte der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der bundesdeutschen Geschichte habe es diese „nur rudimentär“ gegeben. Für Salzborn entpuppt sich das Paradigma der „Erfolgsgeschichte“ als „geschichtspolitische Illusion“, an die man nur glauben könne, wenn man die gesamtgesellschaftliche Perspektive ausblende. Der Glaube an die tatsächliche Aufarbeitung der Vergangenheit ist die „größte Lebenslüge der Bundesrepublik“, betont Salzborn. Vielmehr sei die deutsche Gesellschaft über die Jahrzehnte hinweg aus der Tätergemeinschaft des Nationalsozialismus zur Erinnerungsabwehrgemeinschaft geworden. Salzborn spricht in diesem Kontext von der Schaffung eines „Mythos deutscher Kollektivunschuld“, der auf einer umfangreichen Verweigerung der Erinnerung an die Shoah basiere.

Hinzu kommt, dass der „Angriff der Antidemokraten“ auf die Erinnerungs- und Geschichtspolitik „auf Hochtouren“ läuft: So verfolge die AfD zum Teil das antisemitische Motiv der Schuldabwehr und der Täter-Opfer-Umkehr paradigmatisch in ihrem Weltbild. Mit der AfD haben die Antisemiten in Deutschland ein „politisch etabliertes Sprachrohr für ihre Anliegen der Erinnerungsabwehr und Schuldprojektion gefunden“, konstatiert der Wissenschaftler in seiner aufschlussreichen und detailreichen Analyse um den Nationalsozialismus und die Shoah in der Erinnerungskultur der Bundesrepublik.

Samuel Salzborn, Kollektive Unschuld. Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern, Berlin Leipzig 2020, Hentrich & Hentrich Verlag 135 Seiten, 15,-- Euro; ISBN 978-3-95565-359-0

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