Musik-Event mit „Honour & Pride“

In Nienhagen in Sachsen-Anhalt fand erneut ein großes Rechtsrock-Konzert mit zahlreichen in- und ausländischen Szene-Bands statt. Mit freundlicher Genehmigung des „blick nach rechts“ übernommen.

Montag, 04. Juni 2012
Redaktion
Musik-Event mit „Honour & Pride“
Es sollte ein Skinhead-Konzert der alten Schule werden. Bereits Wochen vorher waren die 1200 Eintrittskarten restlos verkauft. Veranstalter Oliver Malina aus Salzgitter, inzwischen im Dörfchen Nienhagen in der Nähe von Halberstadt niedergelassen, hatte erneut die „Alte Hopfendarre“ im Woltersweg für ein rechtes Riesenevent angemietet. Die älteste deutsche Rechtsrock-Band „Endstufe“ aus Bremen, seit 30 Jahren im braunen Geschäft, „Faustrecht“ (Bayern) sowie Szene-Bands aus Belgien, den USA und Italien waren angekündigt worden. Vom hohen weißen Gebäude am Rande der Veranstaltungswiese, der „Hopfendarre“, hing ein leuchtend rotes Transparent herunter mit der Aufschrift „Honour & Pride Deutschland“.

Rund 400 Polizeibeamte kontrollierten ab Samstagnachmittag die beiden Eingangsstraßen in den Ort. Sie registrierten kleinere Delikte wie das Verwenden von NS-Symbolen, Pöbeleien gegen Journalisten und ließen das provokante Transparent entfernen. Malina und dessen Helfertruppe, allesamt in einheitliche rote Shirts gekleidet, zählen zu „Honour & Pride“, das als eine der Nachfolgeorganisationen des 2000 verbotenen „Blood& Honour“-Netzwerks angesehen wird. Zudem gilt die expandierende niedersächsische Kameradschaft als Schnittstelle zwischen rechten subkulturellen Gruppen, die sich auch am Rande zu Rotlichtmilieu und organisierter Kriminalität bewegen sollen.

Anreisende Neonazis im Dresscode der 90er Jahre

Anders als 2011 ließen sich in diesem Jahr weniger neugierige oder begeisterte Anwohner in ihren Gärten oder den Terrassen blicken. Im vergangenen Jahr vermittelte die Stimmung im Dorf beängstigenden Volksfestcharakter. Kaum jemand regte sich über die rechtsextremen Anreisenden auf. Immerhin 6,5 Prozent der Nienhagener Bevölkerung hatte bei der letzten Bundestagswahl NPD gewählt. Doch dieses Mal zeigte sich Widerstand, Lokalpolitiker hatten mit einem Offenen Brief Stellung bezogen, es gab eine kritische Filmvorführung und für den Samstag hatte eine kleine Protestgruppe mit Unterstützung aus Halberstadt ihr Kommen angekündigt. Das hielt einige geschäftstüchtige Bewohner des Ortes allerdings nicht davon ab, ein Ferienhaus oder eine Wohnung an die Neonazi-Gäste zu vermieten.

Die anreisenden Gruppen aus dem gesamten Bundesgebiet sowie aus Österreich, Italien und Osteuropa vermittelten einen Anblick, der zurück in die 90er Jahre versetzte. Viele Neonazis scheinen alte Kleiderschränke geplündert zu haben. Springerstiefel, Glatzköpfe, Hosenträger und zutätowierte Haut waren der Dresscode. Malina gab die Linie vor und zeigte auch gleich anwesenden Fotografen den Stinkefinger. Sein damaliger Kompagnon Marcus Winter aus Ostwestfalen erschien wie Bernd Stehmann erst später, scheinbar als einfacher Gast. Zwei Busse aus Nordrhein-Westfalen fuhren vor. Das Gelände war für Beobachter nur von weitem einsehbar. Ungestört konnte gefeiert werden.

Eingangskontrolle durch „Incognito Security“

Es habe keine Möglichkeit für die Verwaltung gegeben, das Konzert zu verbieten, da es auf einem Privatgelände stattfinde, erklärte der Ordnungsamtsleiter der Verbandsgemeinde Vorharz, Knut Buschhüter, gegenüber den Medien. Ein erster Verbotsanlauf sei bereits vor zwei Jahren gescheitert. Bestimmte Songs der Neonazi-Bands durften allerdings nicht gespielt werden, lautete eine der Auflagen. Die Berliner Zeitung „Junge Welt“ warnte bereits vor einem weiteren geplanten Neonazi-Event im August in Nienhagen.

Im einschlägigen „Thiazi-Forum“ feierten die Gäste in den folgenden Tagen das Konzert. Einer schrieb: „Von mir aus hätte Endstufe die halbe Stunde Wiederholungen am Ende noch gern an die Itaker abgeben können“. Für den den anonymen User waren „Legittima Offesa“ immerhin „die beste Band des Abends“.

Niedersächische Neonazis wie das NPD-Landesvorstandsmitglied Marco Borrmann aus Scharzfeld im Westharz halfen kräftig bei der Organisation mit. Zudem waren Timo Schubert aus Bovenden, Betreiber von „Der Versand“, wie auch Liedermacher Kai Müller vertreten, ferner die „Aktionsgruppe Gifhorn“ sowie Anhänger der „Kameradschaft Thormania“ aus Braunschweig. Für die Einlasskontrolle am Eingang waren unter anderem bullige Glatzköpfe von „Incognito Security“ aus Blankenfelde verantwortlich.

Angst vor Eskalationen steigt

Das Unbehagen in Nienhagen scheint zu wachsen. Die „Volksstimme“ berichtete darüber, dass in einer Gesprächsrunde zum Thema angemerkt worden sei, dass die Angst „vor einer Eskalation der Situation beim Konzert“ steige. „An diesem einen Tag haben wir mehr Polizei im Ort als Einwohner“, sagte zum Beispiel Hans-Christian Anders, der an der Gesprächsrunde teilnahm. „An den restlichen 364 Tagen im Jahr lässt sich hier keiner blicken.“ Die „Magdeburger Zeitung“ zitiert einen weiteren Teilnehmer aus der Runde, der zugespitzt formulierte: der Woltersweg in Nienhagen, in dem sich mit der „Alten Hopfendarre“ der eigentliche Veranstaltungsort befindet, werde am Pfingstsonnabend – finanziert mit dem Geld der Steuerzahler – „zur bestbewachten Straße Deutschlands“.

Doch nicht alle Nienhagener Bürgerinnen und Bürger empfinden die Neonazi-Konzerte als empörend. Manche hoffen wohl, dass sich das Problem von selbst erledige. Bürgermeisterin Christina Brehmer warnt: „Wir laufen Gefahr, dass so etwas legalisiert wird“.

Der Inhaber des Veranstaltungsortes im Woltersweg zeigte indes gegenüber Medienvertretern keine Skrupel, an den Neonazi Oliver Malina zu vermieten. Die sind doch gar nicht so schlimm, relativierte der Nienhagener. Dann räumte er jedoch ein, eine Umfrage im Dorf starten zu wollen. Wenn die Mehrheit seiner Mitbewohner das braune Treiben nicht wolle, dann „mache ich das nicht mehr“.
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