„Multikulti-Nationalismus“

Die vom Kampfbund Deutscher Sozialisten favorisierte Idee einer Zusammenarbeit mit „türkischen Kameraden“ ist szeneintern umstritten.

Mittwoch, 10. Mai 2006
Tomas Sager

Es war ein „ganz besonderer Gast“, der „es sich nicht hatte nehmen lassen“, eine Neonaziveranstaltung am 22. April in Hamm „mit seiner Anwesenheit zu beehren“. So hieß es von einem anonymen „Berichterstatter“ des Aktionsbüros Westdeutschland. Nein, es war kein bekannter Kopf der Szene, der den Neonazis im Westfälischen die Ehre gab – statt dessen ein namenloser „türkischer Nationalist“, tätig in einer „antiimperialistischen Organisation“. Was er in seinem Grußwort sagte, gefiel dem Aktionsbüro West sehr: „Wie uns, ging es ihm darum, dass jedes Volk ein Recht auf seine Nation, seine Heimat und damit auch auf den ureigensten Nationalstolz besitzt und nicht durch fremdgesteuerte Überfremdung und imperialistische Okkupation zersetzt werden sollte.“ Mit seiner Anwesenheit habe der „türkische Kamerad“ symbolisch für den „Freiheitskampf und die Freundschaft unserer Völker sowie den wechselseitigen Respekt und die Achtung von Nationalisten untereinander“ gestanden.
Von einem „türkischen Kameraden“ zu sprechen: Für viele Neonazis, deren interkultureller Horizont beim „Ausländer raus“-Ruf endet, übersteigt das bei weitem ihr Vorstellungsvermögen. Thomas Brehl, Neonazi mit jahrzehntelangem Vorlauf und einer der führenden „Köpfe“ des Kampfbundes Deutscher Sozialisten (KDS), versucht dennoch, die braunen deutsch-türkischen Kontakte seinen Kameraden schmackhaft zu machen. Zwar sei „durch die millionenhafte Einwanderung überwiegend ungebildeter und armer Volksmassen aus aller Herren Länder die geradezu sprichwörtliche Gutmütigkeit weiter Teile unseres eigenen Volkes allmählich an ihre Grenzen gelangt“. Doch man müsse „ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass die Türken nicht per se unsere Feinde sind“. Brehl: „Stellen die Türken einerseits das größte Kontingent raumfremder Einwanderer, so verbindet unsere Völker andererseits auch eine gewachsene, traditionelle Völkerfreundschaft, die erst dann Risse bekam, als verantwortungslose deutsche Politiker die einen zu Dauergästen der anderen machten.“ Brehl erinnert an „die Geschichte der deutsch-türkischen Freundschaft, die bereits seit mehr als hundert Jahren besteht und auch im II. Weltkrieg erfolgreich praktiziert wurde, nachdem sie bereits im I. Weltkrieg ihre Feuertaufe erhalten hatte“.

Vorsichtige Unterstützung erhält Brehl bei seinen Bemühungen um Kontakte zu türkischen „Nationalisten“ in der Neonaziszene, aber vor allem auch schroffe Ablehnung. „Wenn sie Nationalisten wären, würden sie in der Türkei leben! Organisationen wie die ‘grauen Wölfe’ in Deutschland könnten ihre Loyalität unter Beweis stellen, indem sie unser Land verlassen!“, meint beispielsweise ein Autor in einem Neonazi-Forum. Auch diese Türken würden ihr „Gastrecht“ missbrauchen. „Was zum Teufel habe ich als Nationalsozialist mit der Türkei am Hut?“, fragt ein anderer. Ebenso gut könne man sich auch mit dem Judentum verbrüdern.

Szeneintern steht wieder einmal der KDS, der sich einst mit den Diktaturen Nordkoreas und Iraks verbrüderte und dem nun „Multikulti-Nationalismus“ vorgeworfen wird, in der Kritik. Er habe wohl die „Blutsfrage“ über Bord geworfen, hält man ihm vor. Und: Die neue Idee des KDS sei „genauso wahnwitzig wie die, dass linke bzw. kommunistische und rechte Kräfte zusammen für den Sozialismus kämpfen sollen. Das ist in meinen Augen VERRAT!!!“ Ein dritter meint, dass der KDS mit nationalistischen Türken zusammen arbeiten wolle, sei „wirklich an Lächerlichkeit nicht zu überbieten. Aber was will man erwarten von Leuten, die mit Braunhemd und Seitenscheitel rumrennen und Kommunismus verherrlichen. Ich jedenfalls möchte auf nationalen Veranstaltungen keine Kana**en sehen!“

Brehl scheint aber von seiner Idee nicht abzubringen zu sein: „Nichts wird das Klischee vom ausländerfeindlichen Rechtsextremisten so sehr ad absurdum führen, wie die Anwesenheit türkischer Nationalisten auf unseren Veranstaltungen und – wenn es möglich ist – sogar als Redner auf unseren Demonstrationen.“ Dass es dazu bei Neonazi-Aufläufen kommen wird, bezweifelt ein Brehl-Gegner: „Welcher Türke würde z.B. gegen den Bau von Moscheen oder ,Deutsche Arbeit für deutsche Menschen’ demonstrieren? Ebenso glaube ich nicht, das Türken auf einer Nationalen Demonstration willkommen wären.“

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