Moderner Rechtsextremismus in Deutschland

Der Rechtsextremismus hat sich modernisiert – in einem Sammelband werden seine unterschiedlichen Erscheinungsformen untersucht.

Donnerstag, 27. April 2006
Armin Pfahl-Traughber

In den letzten Jahren sei es zu einer Reihe von Modernisierungsprozessen im Rechtsextremismus gekommen: erstens durch die Herausbildung bewegungsförmiger und informeller Zusammenschlüsse, zweitens durch die Erweiterung des Repertoires der Aktionsformen und drittens durch agitatorische und inhaltliche Veränderungen der Ideologie. Von diesen Annahmen gehen Andreas Klärner und Michael Kohlstruck in der Einleitung des von ihnen herausgegebenen Sammelbandes „Moderner Rechtsextremismus in Deutschland“ aus. Er enthält elf Aufsätze, die auf Vorträge anlässlich einer Tagung des Hamburger Instituts für Sozialforschung zurückgehen und insbesondere jüngeren Rechtsextremismusforschern ein Forum geben wollen.
Der Band ist in drei Teile gegliedert: Zunächst geht es unter der Überschrift „Bewegung und Gegenbewegung“ um Tendenzen der rechtsextremen Bewegung am Beispiel einer ostdeutschen Mittelstadt (Andreas Klärner), Dimensionen der rechtsextremen „Demonstrationspolitik“ (Fabian Virchow), den rechtsextremen Musikhandel (Henning Flad) und die Erfahrungen zweier Kleinstädte im lokalen Umgang mit Rechtsextremisten (Jana Klemm/Rainer Strobl/Stefanie Würtz). Der zweite Teil „Strategien, Akteure und Parteien“ widmet sich dem Hamburger Christian Worch als rechtsextremem Bewegungsunternehmer (Rainer Erb), der Karriere des Kampfbegriffs „National befreite Zonen“ (Uta Döring) und Erklärungsansätzen für Wahlerfolge von Rechtsextremisten in Baden Württemberg (Sonja Kock). Und schließlich geht es unter der Überschrift „Szenezugang, Selbst- und Rollenbilder“ um die Biografieanalyse in der Rechtsextremismusforschung (Christine Wiezorek), rechtsextreme Orientierungsmuster von jungen Frauen (Michaela Köttig), das Männlichkeitsverständnis in der Freiheitlichen Partei Österreichs (Oliver Geden) und eine Fallstudie zum Zusammenhang von fremdenfeindlicher Gewalt und Männlichkeitskult (Michael Kohlstruck/Anna Verena Münch).

Wie allein die Auflistung der Themen veranschaulicht, lassen sich die Texte eigentlich nur mühsam in das inhaltliche Konzept eines Sammelbandes integrieren. Und in der Tat fehlt es hier an einer Leitlinie und Struktur, wirkt das Buchprojekt doch wie ein Potpourri unterschiedlichster Dinge. Trotzdem hebt sich der Band wohltuend von anderen Sammelbänden, die aus Kongressen über den Rechtsextremismus hervorgegangen sind, ab. Statt sich in allgemeinen Aussagen über bestimmte Themenkomplexe zu erschöpfen, gehen nahezu alle Autoren direkt an das Quellenmaterial heran. Der Aufforderung der Herausgeber, genau hinzuschauen, sind sie wirklich nachgekommen.

Darüber hinaus widmen sich eine Reihe von Aufsätzen Themen, die überaus interessant sind, aber bislang noch nicht näher behandelt wurden. Hierzu gehört etwa der Beitrag über die „Demonstrationspolitik“ von Rechtsextremisten mit der sorgfältigen Herausarbeitung der unterschiedlichen Funktionen. Andere Texte stellen kritisch allgemein verbreitete Auffassungen in Frage, etwa die Einschätzungen zum wirtschaftlichen Gewinn des rechtsextremen Musikhandels. Kurzum: Trotz des Themenchaos’ handelt es sich um einen beachtenswerten Sammelband. Man muss sich eben die thematisch interessanten Rosinen herauspicken, sollte aber auch die anderen Texte nicht ignorieren.

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