Mitte-Studie: Rechtsextremismus zwischen Besorgnis und Normalisierung

Die Mehrheit der Menschen in Deutschland ist wegen eines Anwachsens des Rechtsextremismus besorgt. Zugleich scheint dieser selbst zu stagnieren. Andererseits wachsen Egoismus, Sozialdarwinismus und Chauvinismus. Das bereitet dem Rechtsextremismus neuen Nährboden und trägt zu dessen Normalisierung bei. Zudem wächst das Misstrauen in die Demokratie.

Donnerstag, 06. November 2025
Michael Klarmann
Rechtsextreme Einstellungen hätten ihren Weg in die breite öffentliche Debatte gefunden
Rechtsextreme Einstellungen hätten ihren Weg in die breite öffentliche Debatte gefunden

Dies sind Erkenntnisse aus der neuen Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) für die Jahre 2024/25 mit dem Titel „Die angespannte Mitte“. Die seit 2006 von Andreas Zick geleiteten Mitte-Studien der FES analysieren rechtsextreme, menschenfeindliche und antidemokratische Einstellungen in Deutschland. An der repräsentativen Umfrage nahmen diesmal 2.001 Menschen teil. Die Studie wurde heute in Berlin vorgestellt.

Das rund 430 Seiten starke Buch enthält nicht nur Beiträge über die Befragung und Auswertung der Daten. Auch vertiefende Texte zur Thematik von renommierten Mitwirkenden und Interviewpartnern sind enthalten. Die Herausgeberin Franziska Schröter, die bei der FES für die Studie verantwortlich ist, stellt im Vorwort fest, „dass [gegenüber früheren Studien] mehr Befragte […] sich im Graubereich bewegen und nicht mehr so eindeutig den demokratiegefährdenden Einstellungen widersprechen.“

Graubereich festigt sich

Andreas Zick sagte am Morgen in Berlin, dieser „Graubereich festigt sich“. Damit sei gemeint, dass Befragte – anders als gesichert rechtsextrem eingestellte Menschen – nur einigen rechtsextremen und menschenfeindlichen Aussagen teilweise zustimmen, anderen aber nicht oder sie sogar ablehnen. Zugleich seien Befragte teilweise offen für illiberale Ideen, was bedeutet, dass sie bestimmten Menschen oder Minderheiten weniger Rechte zubilligen würden als anderen.

<p>Zick betonte, dass Rechtsextreme und Rechtspopulisten in diesem „Graubereich“ andockten. Es sei zudem festzustellen, dass es generell einen „Rechtsdrall“ gebe. Das bedeute, sagte Zick, dass sich immer mehr Menschen politisch selbst im rechten Spektrum einordnen, sich die Mitte verschiebt und sich immer weniger Menschen selbst politisch als links einordnen. Zick zufolge hat sich zudem der Rechtsextremismus „verjüngt“. Meint: Immer mehr junge Menschen vertreten rechtsextreme Einstellungen oder stimmen dies
"Die angespannte Mitte" lautet der Titel der neuen FES-Studie zu rechtsexremen Einstellungen

Zick betonte, dass Rechtsextreme und Rechtspopulisten in diesem „Graubereich“ andockten. Es sei zudem festzustellen, dass es generell einen „Rechtsdrall“ gebe. Das bedeute, sagte Zick, dass sich immer mehr Menschen politisch selbst im rechten Spektrum einordnen, sich die Mitte verschiebt und sich immer weniger Menschen selbst politisch als links einordnen. Zick zufolge hat sich zudem der Rechtsextremismus „verjüngt“. Meint: Immer mehr junge Menschen vertreten rechtsextreme Einstellungen oder stimmen diesen teilweise zu.

Rechtsextremismus wird abgelehnt

Gut drei Viertel der Menschen in Deutschland (76,1 Prozent) lehnen rechtsextreme Einstellungen laut der Studie ab, und 70 Prozent der Befragten sehen den wachsenden Rechtsextremismus angesichts der aktuellen Lage als Bedrohung an. Der Anteil der Menschen mit einem klar rechtsextremen Weltbild beträgt demnach 3,3 Prozent. Dieser Wert ist zwar niedriger als in der Mitte-Studie 2022/23 (8 Prozent), bewegt sich laut den Machern jedoch knapp über dem Niveau früherer Studien seit dem Jahr 2014.

In diesem Zusammenhang ist ein Phänomen interessant, das aus Kreisen der AfD, der Identitären Bewegung oder sogar von den früheren Querdenkern bekannt ist. Immerhin 22 Prozent der Befragten verharmlosen laut der Studie den Rechtsextremismus. Dies deckt sich in etwa mit dem Wahlergebnis der AfD bei der Bundestagswahl im Februar sowie mit aktuellen Umfragen.

Selbstlegitimierte Gewaltbereitschaft

Laut der Studie neigen Menschen, die Rechtsextremismus verharmlosen, zugleich eher zu antidemokratischen, menschenfeindlichen und rechtsextremen Einstellungen. Einige billigen auch politische Gewalt gegen ihre Gegner oder demokratische Politiker. Insgesamt 7 Prozent der Befragten äußerten, einige Politiker hätten es verdient, wenn „die Wut gegen sie schon mal in Gewalt umschlägt“. Und 7,5 Prozent würden körperliche Gewalt gegen „Fremde“ billigen und rechtfertigen. 

Die Macher der Mitte-Studie stellen fest, dass die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit weiterhin in der Mitte der Gesellschaft verankert bleibt. Vorurteile gegenüber Geflüchteten, Juden, Frauen, transgeschlechtlichen Menschen, Obdachlosen, Beziehern von Bürgergeld und Langzeitarbeitslosen sind demnach weiterhin präsent. Die dabei vertretenen „Nützlichkeits- und Leistungslogiken” fördern laut Studie antidemokratische Einstellungen und sind letztlich Nährboden für rechtsextreme Ideologien.

Alterspyramide und Extremismus

Dabei zeigen demnach Männer und jüngere Menschen häufiger offen rechtsextreme Tendenzen. Je jünger die Befragten sind, desto häufiger findet sich unter ihnen laut der Studie ein rechtsextremes Weltbild (18- bis 34-Jährige: 7 Prozent). Ältere Menschen hingegen bringen in ihren Antworten auf die Fragen eher Nationalchauvinismus und Sozialdarwinismus zum Ausdruck.

Das Vertrauen in staatliche Institutionen und Wahlen ist in den letzten Jahren gesunken
Das Vertrauen in staatliche Institutionen und Wahlen ist in den letzten Jahren gesunken

Ein weiterer Punkt in „Die angespannte Mitte“ ist jener, der bereits aus ähnlichen Studien bekannt ist. Aktuell sehen sich demnach zwar 79 Prozent der Befragten als überzeugte Demokraten, doch das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit und Gerechtigkeit der Demokratie sinkt. Die Zweifel an der Demokratie sind laut den Machern der Studie dabei auf einem Höchststand seit 2016.

Demokratie ja – aber nicht diese

Kein Vertrauen in die demokratischen Institutionen haben etwa 21,5 Prozent der Befragten geäußert. 18,2 Prozent fehlt demnach das Vertrauen in demokratische Wahlen. Das sind laut der Studienmacher dreimal so viel wie vor vier Jahren. Nur noch rund die Hälfte (52 Prozent) der Befragten stimmten demnach der Aussage zu „Die deutsche Demokratie funktioniert im Großen und Ganzen ganz gut.“

Rechtsextreme Einstellungen haben ihren Weg in die breite öffentliche Debatte gefunden, stellen die Macher der Mitte-Studie fest. Das führe dazu, dass Gewöhnungseffekte und eine Normalisierung stattgefunden hätten. Sowohl die Mehrheit der Befragten als auch die Macher der Studie finden zugleich, dass Bildung generell helfen würde, antidemokratische Tendenzen zu bekämpfen. Um das Vertrauen in die Demokratie zu stärken, seien politische Bildung und zivilgesellschaftliches Engagement notwendig.

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