von Mathias Brodkorb
   

Mit der „deutschen Revolution" gegen Hitler? Zu Richard Schapkes Buch „Die Schwarze Front"

Obwohl sich gerade in jüngerer Vergangenheit z.B. Uwe Puschner und Stefan Breuer mit umfangreichen Studien für einen differenzierten Blick auf das rechte politische Lager schon vor dem Zweiten Weltkrieg eingesetzt haben, wird von der Öffentlichkeit nicht nur "die Rechte", sondern auch "der Nationalsozialismus" ideologisch noch immer als monolithischer Block wahrgenommen. Offenbar auch um dieser vereinfachenden Sicht entgegen zu wirken, widmet sich der rechte Verleger Uwe Berg seit Jahren der Wiederveröffentlichung schwer zugänglicher klassischer Texte von Rechts, insbesondere jener der "Konservativen Revolution".

schwarze-fahneHierzu zählt auch der Text "Die Schwarze Front" von Richard Schapke aus dem Jahr 1932. Der Begriff "Schwarze Front" leitet sich dabei vom Hauptwerk "Das Dritte Reich" (1923) des "konservative(n) Revolutionär" (17) und Publizisten Arthur Moeller van den Bruck her, der die rechten politischen Kräfte weder unter schwarz-rot-weiß noch schwarz-rot-gold vereinigt sehen wollte, sondern "nur die schwarze Fahne der Not" als adäquaten Ausdruck des Strebens nach Rettung der Nation in einem deutschen Reich auffasste. So wie der Begriff "Drittes Reich" nach Moeller van den Brucks Freitod im Jahre 1925 zunehmend in die politische Ideologie des Nationalsozialismus Eingang fand, so ist die "Schwarze Front" bis heute ein regelrecht mythischer Bezugspunkt in der Neonaziszene, der sich bis in Lebens- und Kleidungsstil ihrer Anhänger hinein nachweisen lässt.

Dabei verstand sich die "schwarze Front" geradezu als ideologisches Gegenstück zum Hitlerflügel innerhalb der NSDAP. Im Wesentlichen sind es vier Vorwürfe, die Schapke den Anhängern Hitlers in seinem Buch macht:

1. dass sie sich zunehmend einer "Verbürgerlichung" (57) hingeben, den Kontakt zum Arbeiter verlieren würden und letztlich den Kapitalismus bewahren wollten (54f),

2. dass sich Hitler nach seinem gescheiterten Putsch auf den Weg in die "Legalität" (31) begeben habe, während die schwarze Front weiterhin an einer "Revolution" (59) festhalte,

3. dass Hitler ein imperialistisches Programm verfolge, das die Unterdrückung und Ausbeutung anderer Völker beinhalte, während die schwarze Front den Schutz der "Eigenart" des deutschen Volkes sowie dessen territoriale Integrität im Sinn habe: "Die Deutsche Revolution lehnt es ab, über fremde Völker und Nationen zu herrschen und sie auszubeuten." (95)

4. dass sich der Hitler-Flügel geistig zu wenig bilde und daher aufgrund mangelnder eigener Vorbereitung nicht das Recht habe, die "Ablösung" (33) des Alten zu betreiben: "Hitler selbst liegt dies (die geistige Arbeit, M.B.) nicht. Er will keine letzte geistige Ausgestaltung des Nationalsozialismus." (38)

Für Schapke war dabei klar, dass die schwarze Front der "Kern der nationalsozialistischen Bewegung heute" (22) sei, deren aktuelle geistige Führung er wiederum in der Hand Dr. Otto Straßers sah. Dieser lieferte denn auch ein emphatisches Vorwort zum Text, in dem er wie Schapke zum Kampf gegen "Kapitalismus, Individualismus, Rationalismus" (7) aufrief und die schwarze Front als Möglichkeit der Vereinigung von rechtem und linkem politischem Lager ansah. (6) Auch diese Verbindung von revolutionärem Antikapitalismus und Nationalismus führte schließlich dazu, dass die Anhänger der schwarzen Front zu den so genannten "Nationalrevolutionären" gezählt werden.

Und so entsteht im Gesamtbild die paradoxe Situation, dass dieser schwarze Flügel der NSDAP janusköpfig sowohl radikaler als auch gemäßigter als derjenige Hitlers erscheint. Im Unterschied zu Hitler plädierten die Anhänger der schwarzen Front nicht für die Unterdrückung anderer Völker, sondern für deren gleichberechtigte Achtung - allerdings nachdem "genügend Lebensraum für die junge Nation der Deutschen" (95) gewonnen wurde, wie es in den "14 Thesen der deutschen Revolution" der "Kampfgemeinschaft revolutionärer Nationalsozialisten" (KRNS) heißt.

Andererseits ließen sie keinen Zweifel daran, dass sie letztlich dennoch keinen Stein auf dem anderen lassen wollten, da die "deutsche Revolution" darauf gerichtet war, "etwas grundsätzlich Neues auf allen Gebieten" (59) zu schaffen. Nicht ohne Grund betont Schapke daher, dass der "Straßerkreis" nicht nur mit demokratischen Wahlen nichts anfangen könne, sondern letztlich als "leninistischer Kampfkreis der deutschen Revolution zu betrachten ist." (59) Und so kündigte die schwarze Front denn auch an, dass sie "mit allen Mitteln" gegen die "rassische Entartung, kulturelle Überfremdung, für völkische Erneuerung und Reinhaltung, für deutsche Kultur" (97) kämpfen werde. Und es fehlt ebenfalls nicht der Hinweis, dass dieser Kampf freilich auch dem "Judentum" gelte. Was Schapke und die schwarze Front im Gegensatz zu Hitler also in Sachen eines wertenden Rassismus vermissen ließen, lieferten sie in Form einer nicht weniger rücksichtslosen nationalen Selbstbehauptungsideologie nach: "Und um dieser Nation willen scheut die Deutsche Revolution vor keinem Kampf zurück, ist ihr kein Opfer zu groß, kein Krieg zu blutig, denn Deutschland muß leben!" (98) Eine Wahl zwischen Pest und Cholera also.

Hitler jedoch ließ diese innerparteilich Opposition gegen sich nicht lange Zeit zu. Schon früh gelang es ihm, Dr. Josef Goebbels auf seine Seite zu ziehen und die innerparteilichen Organisationsstrukturen der "Schwarzen Front" zu verbieten. Bereits im Jahr 1930 traten Otto Straßer und Anhänger daraufhin mit dem Aufruf "Die Sozialisten verlassen die NSDAP" aus der Hitler-Partei aus - Vorgänge, die von Schapke ebenfalls eindringlich und frustriert beschrieben werden. Nur zwei Jahre nach Erscheinen von Schapkes Buch wird Hitler mit dem "Röhm-Putsch" seine Widersacher im eigenen Lager endgültig liquidieren, darunter Otto Straßers Bruder Gregor.

mt_ignore:schapke-schwarze-frontRichard Schapke
Die Schwarze Front
102 Seiten, Hardcover, 15,00 €

Faksimile der Ausgabe von 1932

Lindner, Leipzig

ISBN: 3-922119-27-1


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