von Thomas Witzgall
   

Mini-Neonazi-Demo zieht durch Gotha

Mit mäßiger Beteiligung von etwa 95 Teilnehmern zog am Samstagnachmittag eine „überparteiliche Demonstration“ aus Anhängern diverser extrem rechter Gruppierungen durch Gotha. In der Jüdenstraße verhinderte eine Blockade, dass die Neonazis durch die vormals von Juden bewohnte Straße ziehen konnten. Auf dem Weg zum Hauptmarkt setzte der Versammlungsleiter den gemieteten Lautsprecherwagen noch gegen einen Poller.

Gerade einmal knapp 100 Neonazis schlossen sich der "überparteilichen Demonstration" an, Foto: Thomas Witzgall

An zu spät begonnener Werbung lag es nicht, dass sich gestern keine hundert Teilnehmer bei der Demonstration „Zeit zu handeln – Überfremdung stoppen, unseren Kindern die Zukunft sichern“ einfanden. Schon im Dezember bewarb Veranstalter Marco Zint die Kundgebung auf seinem Facebook-Profil und erinnert in regelmäßigen Abständen immer wieder daran. Unter dem Aufruf im Dezember mutmaßte ein User, eine Woche später - am 20.April, dem Geburtstag Adolf Hitlers – kämen mehr Leute.

Neonazi-Redner versetzen Demo

Zint ist ein umtriebiger Neonazi in der Region, dessen Name immer wieder im Zuge von Konzerten und Immobilienkäufen fällt. Er wird der Szene um die Konzertveranstalter aus den Reihen der Turonen zugerechnet, mit Verbindungen zum „Gelben Haus“ in Ballstädt.

Anmelder Marco Zint spricht zu den wenigen anwesenden Neonazis, Foto: Thomas Witzgall

Auch die NPD Thüringen bewarb die Veranstaltung und kündigte mit Alexander Kurth (jetzt Republikaner, früher Die Rechte und NPD) und Tobias Schulz (NPD Bundesvorstand, Künstlername: Baldur Landogart) gleich zwei Redner an, die am Samstag überhaupt nicht erscheinen sollten. Und auch sonst ließ der Landesvorstand um Patrick Weber und Thorsten Heise die eigene Spitzenkandidatin zur Landtagswahl, Antje Vogt, eher alleine an dem Tag.

2019-04-13 Gotha

Mehr Bilder gibt es in der Flickr-Galerie von Thomas Witzgall

Am Ende des Tages kamen die Reden - neben Vogt - von NPD-Organisationsleiter Sebastian Schmidtke aus Berlin, dem offiziell parteifreien Neonazi Dieter Riefling und Matthias Langer. Auf der rechten Hand trägt der Neonazi aus Sachsen mit der Tätowierung „14 words“ eine Anspielung auf das bekannte neonazistische Glaubensbekenntnis. Die Kleinstpartei Der Dritte Weg beteiligte sich, trotz des beschworenen, überparteilichen Charakters der Veranstaltung nicht. Neben den Fahnen des Bündnis Zukunft Landkreis Gotha in den Farben des Deutschen Reiches und schwarzen Fahnen mit Aufdruck Bautzen und Mittel-Ostsachsen wurden auch Fahnen des Königsreichs Preußen gezeigt. Die Reichskriegsflagge war per Auflage verboten.

AfD oder NPD - die gleichen Narrative 

Inhaltlich traten die Wortbeiträge allesamt auf der Stelle. Auffällig war, wie wenig sich die Reden von den Inhalten der AfD unterscheiden. Auch am Samstag wurden öffentlich Internetmythen beschworen wie die Umbenennung von Martinsfest und Weihnachten. Schweinefleisch auf Speiseplänen wird schon fast zur Schicksalsfrage erhoben und die Sicherheitslage dramatisiert. Mögliche lokale Probleme interessierten dagegen nicht. Statt dessen wird die Kriegsschuldfrage wieder und wieder aufgeworfen und Anklage gegen die Alliierten wegen der Bombardierung von Dresden im Jahr 1945 geführt. Auch das ist bisweilen schon von der AfD zu vernehmen.

Die Reden am Samstag waren zudem durchzogen von einem ethnisch-biologischen Deutschen-Begriff. Städte in Westdeutschland werden als „verloren“ klassifiziert, einzig wegen des Anteils an Einwohnern mit Migrationshintergrund. Gegendemonstranten wurden auch am Samstag pauschal als unproduktive Empfänger staatlicher Leistungen diffamiert. Nicht mal die Klage über den Umgang mit verurteilten Holocaustleugnern hat die neonazistische Szene mehr exklusiv für sich. In Bayern geriet bekanntlich der heutige AfD-Landtagsabgeordnete Ralf Stadler wegen entsprechender Postings ins Visier des Verfassungsschutzes, ohne dass etwaige Ordnungsmaßnahmen seiner Partei gegen ihn bekannt wurden.

Erfolgreiche Blockade in der Jüdenstraße

Die Demonstration startete am Coburger Platz. Bereits dort wurden die Teilnehmer von einer größeren Anzahl an Gegendemonstranten empfangen. Immer wieder gab es entlang der Route kleinere Stationen, von denen aus die Neonazis beschallt wurden. Über die Humboldtstraße ging es zur Zwischenkundgebung etwas versteckt an der Kreuzung Ifflandstraße / Große Fahnenstraße. Dort überraschte Riefling mit der Theorie, Deutschland habe die beiden Weltkriege „planmäßig verloren“.

Über 400 Menschen demonstrierten gegen den rechten Aufmarsch, Foto: Thomas Witzgall

Über die Bürgeraue sollte es zum Hauptmarkt musste die Demonstration stoppen. In der Jüdenstraße hatte sich eine Blockade gebildet. Der Weg durch die Gasse war im Vorfeld als besonderer Affront empfunden worden, handelt es sich dabei doch um einen Teil des jüdischen Viertels. Zwischen den Häusern gespannte Banner erinnerten an frühere jüdische Einwohner Gothas. Die Polizei leitete die Demonstration eine Parallelstraße weiter über die Augustinerstraße zum Hauptmarkt.

Beim Einbiegen in den Hauptmarkt kamen sich nicht nur Neonazis und Gegendemonstranten sehr nahe: Zint setzte den als Lautsprecherfahrzeug eingesetzten Transporter gegen einen verbliebenen Poller. Ob das Fahrzeug dabei einen größeren Blechschaden davongetragen hat, blieb unklar. Die Versammlung endete mit einer mit Blick auf die Teilnehmerzahlen ernüchternden Statement von Zint und dem Deutschlandlied mit allen drei Strophen, interpretiert von Schlagersänger Heino. Die Polizei registrierte einige wenige Verstöße und war insgesamt mit ihrem Einsatz zufrieden. Sie sprach von etwa 400 Gegendemonstranten und 100 Teilnehmern auf der rechten Seite.

Am 2.Mai will die AfD für ein „Europa der Vaterländer“ in Gotha demonstrieren. Startpunkt ist die Jüdenstraße.  

 

 

Kommentare(1)

Irmela Mensah-Schramm Sonntag, 14.April 2019, 21:27 Uhr:
Das es von der Versammlungsbehörde zugelassen wurde, dass die Nazis ausgerechnet durch die Jüdenstraße gehen, ist ein handfester Skandal!
Dabei sind gerade diese Versammlungsbehörden so akribisch, wenn es um Protest gegen Nazi - Aufmärsche geht.
Übrigens, 14 Words steht doch unter Verbot, warum wurde gegen diesen Redner nichts unternommen?
Und 'nur 95' Nazi - Demonstrierer? Jeder einzelne dieser Hetzer, ist einer zu viel!
 

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