Militanter VS-Spitzel
In den 90er Jahren war Michael S. einer der bundesweit aktivsten Neonazis. Nun wurde bekannt, dass S. bis mindestens 2001 als V-Mann „Tarif“ im Einsatz war.
Der 1974 im thüringischen Leinefelde geborene Michael S. hatte Kontakt zu zahlreichen Neonazis wie Tino Brandt oder Ralf Wohlleben, die eng mit den späteren NSU-Rechtsterroristen verbunden waren. In der Jenaer Bombenwerkstatt des Trios waren Szene-Publikationen von S. gefunden worden. Vom Bundesamt für Verfassungsschutz wurde S. von 1994 an bis mindestens 2001 als V-Mann „Tarif“ geführt. Aus dem Abschlussbericht des NSU-Untersuchungsausschusses des Bundestages gehrt hervor, dass Zahlungen an S. „letztmalig in den Jahren 2002 und 2003 geleistet“ worden sind.
Bundesweit trat S. erstmals 1993 in Erscheinung. In einer Anzeige in der „Deutschen Rundschau“, dem Organ der „Deutschen Liga für Volk und Heimat“ (DLVH), suchte der damals in der thüringischen JVA Untermaßfeld wegen schwerster Gewalttätigkeit einsitzende Neonazi „Kontakt zu Kameradinnen und Kameraden.“ Neben der „Hilfsgemeinschaft für nationale politische Gefangene“ (HNG), mit der sich im Knast zeitweilig überwarf, wurde S. während seiner Inhaftierung auch von der Konkurrenztruppe „Internationales Hilfskomitee für nationale politische Verfolgte und deren Angehörige“ (IHV) des rheinland-pfälzischen Neonazis Ernst Tag betreut, der er im November 1992 beigetreten war. In Kontakt stand S. während der Inhaftierung auch mit den Machern des Sebnitzer Szene-Blattes „Der Pranger“. Ausländische Knastinsassen bezeichnete er in einem Schreiben an die sächsischen „Kameraden“ als „fremdvölkische Subjekte“.
„Fortschreitende Durchrassung des Volkes“
Nach seiner Haftentlassung rief S. 1994 das „Sonnenbanner“, ein „politisches Kampfblatt für nationale Sozialisten“, ins Leben. Auf der Rückseite einer der Ausgaben des Erstlingsjahrgangs stand zu lesen: „Wo Ehre und Tod den Maßstab bilden, da gibt es keine geschwollenen Reden mehr.“ Auf Abonnenentensuche für sein Blatt ging S. unter anderem per Anzeige in dem antisemitischen Hetzblatt „Die Bauernschaft“ des einstigen SS-Recken Thies Christophersen. 1994 gab er seiner Heimatstadt kund, dass er für das Amt des Bürgermeisters kandidieren wolle. „Ich setze mich politisch für die Abschiebung aller Scheinasylanten und aller kriminellen Ausländer ein“, ließ er die Stadtverwaltung wissen. Politische Erfahrungen habe er bei der „Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei“ (FAP) und der „Aktion Sauberes Deutschland“ (ASD) gesammelt, teilte er mit. Aktuell sei er IHV-Bezirksleiter Thüringen und ASD-Ortsgruppenleiter. Das Amt des IHV-Bezirksführers Brandenburg füllte zu diesem Zeitpunkt der V-Mann Carsten S. (alias Piato) aus.
Im Januar 1995 rief S. gemeinsam mit seinem ehemaligen Knastbruder Michael N. den „Freundeskreis Nationaler Sozialisten/Aktion Volkswille“ (FNS-AV) ins Leben. In einem Interview mit dem Zine „United Skins“ von Carsten S. warnte S. 1995 von der „fortschreitenden Durchrassung des Volkes“ und der „Degenerierung der rassischen Substanz“. S.: „Es wird, sofern nicht baldmöglichst Gegenschritte stattfinden, der Punkt kommen, an dem sich der Volkskörper nicht mehr reinigen kann, weil der rassische saubere Nachwuchs fehlt.“
1997 war S. einer der Kontaktmänner des „Rudolf Heß-Gedenkmarsches“. 1998 wurde in den „Nachrichten“ der HNG unter der Rubrik „Vernetzung“ auf die „Germanenbriefe für Naturwissenschaft und Naturreligion“ hingewiesen. In einer Ausgabe der „Germanenbriefe“ aus dem Jahr 1998 hieß es: „In einer Zeit, in der das Schicksal von vielen in den Händen von wenigen liegt, seid Ihr auserwählt, den Kampf um die Macht zu entscheiden.“ An anderer Stelle war in der Ausgabe zu lesen: „Diejenigen nennt man Männer Gottes, in denen das Erkennen des Göttlichen unmittelbar zur Handlung wird, die im großen und ganzen gehandelt haben ohne Bekümmerung um das einzelne.“
„Autonome Zellenstrukturen“ jetzt angesagt
Am 30. Januar 1999 verheiratete S. sich mit Cordula von C. Der Vorstand und die Schriftleitung der HNG gratulierten. Politisch betätigte sich S. in dieser Zeit unter anderem als Mitarbeiter der „Presse-Informationen“ der „Katakomben-Akademie München“ des einstigen Rechtsterroristen und Bankräubers Friedhelm Busse. Nach längerer Pause brachte S. 2000 wieder eine Ausgabe des „Sonnenbanners“ heraus. In einem mehrseitigen Grundsatzartikel zur „NS Bewegung heute“ hielt der Hitler-Verehrer fest, dass die Bundesrepublik „Produkt des für uns leider verlorenen gegangenen Krieges als Folge seiner Errichtung durch die Okkupanten“ sei und keine legale Regierung amtiere. S. rief Gleichgesinnte dazu auf, Parteien wie die NPD zu verlassen und in den „Untergrund“ zu gehen: „Wir wollen die BRD nicht reformieren – wir wollen sie abschaffen.“ Angesagt seien jetzt „autonome Zellenstrukturen“.
Im „Sonnenbanner unter anderem auch von „jüdischen Mordbanden in Deutschland“ und der „Rassenfrage“ schwadroniert. 2001 handelte sich der arbeitslose Dachdecker S. deswegen eine Verurteilung wegen Volksverhetzung ein. Verteidigt wurde er von dem verstorbenen Szene-Anwalt Jürgen Rieger. Im September des Jahres kandidierte S. als „parteiloser Kandidat“ auf einer NPD-Liste zur niedersächsischen Kommunalwahl. Im Januar 2002 erklärte S. im NPD-Parteiorgan „Deutsche Stimme“ drohend: „Der Nationalismus hat eine Eigendynamik entwickelt, die vom System nicht mehr zu stoppen ist, ob mit Verboten oder ohne.“
Das Neonazi-Paar Michael S. und Cordula von D. siedelte im Sommer 2002 nach Schweden um. Kontakt mit Gleichgesinnten wurde bis heute über das Internetportal naturglaube.de gehalten. Domaininhaberin ist Cordula von D. Angegeben ist die alte Adresse in Hannoversch Münden. Zu den Beweggründen seines Umzugs äußerte sich das Paar 2005 gegenüber dem „Umweltportal freier Kräfte“, dass sein politischer Weg in der Bundesrepublik „zum Schluss nur noch von Spitzeln, Verrätern und Feiglingen“ gesäumt gewesen sei.