Militante braune Nachbarn

Einschlägig bekannte Neonazis aus Thüringen sollen im Landkreis Gotha wieder ein Gebäude erworben haben – gegen Bewohner einer Neonazi-Immobilie in Crawinkel ermittelt die Justiz.

Donnerstag, 12. September 2013
Kai Budler

Bei den Bürgern in Crawinkel ist ein deutliches Aufatmen zu spüren: während am Gemeindezentrum in der Bahnhofstraße der fünfte „Aktionstag für Vielfalt, Toleranz und Demokratie“ stattfindet, bereiten in der Nachbarschaft die Bewohner der „Hausgemeinschaft Jonastal“ ihren Umzug vor. Die Neonazis aus dem Umfeld der Rechtsrock-Band „Sonderkommando Dirlewanger“ hatten die Immobilie im Dezember 2011 gekauft und seitdem zu einem Veranstaltungsort mit Rechtsrock-Konzerten mit überregionaler Bedeutung etabliert. Der Eigentumswechsel befindet sich jedoch nach wie vor im „Schwebezustand“, weil die Gemeinde keine Vorkaufsverzichterklärung erteilt hat.

Doch was die Einwohner von Crawinkel freut, schreckt die Bürger des nur 30 Kilometer entfernten Ortes Ballstädt auf, denn jüngst wurde bekannt, dass Neonazis auch in ihrem Ort ein Gebäude erstanden haben. Weil einer der Käufer vor knapp zwei Jahren auch die Immobilie in Crawinkel erworben hatte, befürchten die Ballstädter, dass sich die rechtsextremen Aktivitäten nun in ihre Gemeinde verlagern. Seit Ende August liegt der Gemeinde der unterzeichnete Kaufvertrag mit einem Kaufpreis von 165 000 Euro vor. Der Gemeinde bleibt nun bis Ende Oktober Zeit, um mit plausiblen Gründen ihr Vorkaufsrecht wahrzunehmen. Für Donnerstagabend hat eine neu gegründete „Allianz gegen Rechts“, in der sich Medienangaben zufolge bereits an die 400 Bürgerinnen und Bürger zusammengefunden haben, zu einer Protestveranstaltung aufgerufen.

Thüringer Verbindungen zu „Objekt 21“ in Österreich

Einen ersten Eindruck der potenziellen Neubürger lieferte das Landeskriminalamt (LKA) Thüringen nach einer Durchsuchung unter anderem der Häuser in Crawinkel und Ballstädt Ende August an dem Tag, nachdem der Gemeinde der Vertrag zugegangen war. Die Liste der dabei sichergestellten Gegenstände zeugt von der Gewaltbereitschaft und Militanz der Neonazis: neben Sturmgewehren mit gefüllten Magazinen stießen die Ermittler bei den Hausdurchsuchungen unter anderem auf zwei Maschinenpistolen und einen Colt, einen Schlagring, ein Springmesser und einen Totschläger.

Den Funden waren knapp achtwöchige Ermittlungen des LKA und der Staatsanwaltschaft Erfurt wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz vorangegangen. Die Verfahren richten sich gegen vier Neonazis im Alter zwischen 27 und 37 Jahren, darunter auch drei Bewohner der „Jonastal-Hausgemeinschaft“ in Crawinkel. Im Anschluss an die Razzien nahmen die Ermittler den 27-jährigen Steffen M. fest, gegen den ein europäischer Haftbefehl vorlag.

Die österreichischen Sicherheitsbehörden ermitteln gegen ihn im Zusammenhang mit der kriminellen Neonazi-Organisation „Objekt 21“, die im Januar dieses Jahres in Oberösterreich hochgenommen worden war. (bnr.de berichtete) Unter dem Deckmantel eines Vereins sollen die Mitglieder teils mit Waffengewalt unter anderem Eigentums-, Vermögens- und Gewaltdelikte sowie Straftaten in den Bereichen der Rotlicht- und Rauschgiftkriminalität verübt haben. Das Umfeld des mafiösen Neonazi-Netzwerks soll rund 300 Personen umfassen, sieben Neonazis sitzen in Österreich derzeit in Haft.

Verbotene Nazi-Symbole gezeigt

Auch den jetzt beschuldigten Neonazis im Freistaat attestiert das LKA Thüringen Kontakte zum Personenumfeld um „Objekt 21“. Steffen M. soll unter anderem an einem Brandanschlag auf ein Wiener Rotlichtlokal beteiligt gewesen sein, die Ermittler schreiben ihm außerdem Einbrüche, Überfälle, Erpressung und eine Bombendrohung zu. Einen 36-jährigen Beschuldigten trafen die Beamten bei der Durchsuchung in Crawinkel nicht an, er war im Juni wegen Körperverletzung zu einer Haftstrafe verurteilt worden, das LKA spricht in seinem Fall von einem „ umfangreichen strafrechtlichen Vorleben“.

Zu einer Geldstrafe von 700 Euro wurde jetzt ein weiterer Bewohner der „Hausgemeinschaft Jonastal“ vor dem Landgericht Erfurt wegen des Zeigens verbotener Nazi-Symbole verurteilt. Er hatte Berufung gegen eine erstinstanzliche Entscheidung eingelegt, nachdem er bei so genannten „Nordmann Spielen“ in Crawinkel im August 2012 ein Hakenkreuz gezeigt hatte. Nachdem der Erfurter Richter deutlich machte, dass das Strafmaß in einer weiteren Instanz deutlich höher ausfallen würde, zog Thomas W. seine Berufung zurück.

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