von Mathias Brodkorb
   

Michael Böhm: Alain de Benoist und die Nouvelle Droite

Unter dem schlichten Titel „Alain de Benoist und die Nouvelle Droite“ promovierte Michael Böhm im Jahre 2006 an der Technischen Universität Chemnitz bei den Professoren Jesse und Kroll. Entstanden ist dabei eine substanziell anregende und über weite Strecken überzeugende intellektuelle Biografie des wohl wichtigsten rechten Intellektuellen Europas der letzten Jahrzehnte.


In einem Begleitwort bezeichnet Doktorvater Kroll Böhms Schrift als „unaufgeregte Erstlingsschrift“ (3). Diese en passant eingestreute Bemerkung dürfte indes einen der wesentlichen Erfolgsfaktoren der Arbeit zur Sprache bringen: Böhm ist, das merkt man Seite um Seite, an seinem Forschungsgegenstand in der Sache tatsächlich interessiert. Es geht ihm nicht darum, krampfhaft Beweise für bereits a priori feststehende Vor-Urteile zu sammeln, sondern das Denken Alain de Benoists zu durchdringen. Es geht um unaufgeregtes Verstehen im besten geisteswissenschaftlichen Sinne.

Hierzu gehört gleich zu Beginn der Arbeit, Rechenschaft über die verwendeten Methoden und Begriffe abzulegen. Böhm nimmt sich unter Rückgriff auf die Schriften Karl Mannheims vor, eine, wie Kroll es ausdrückt, „intellektuelle Biographie“ (1) zu schreiben. Wissenssoziologisch soll der intellektuelle Entwicklungsweg Alain de Benoists nachgezeichnet werden. Es geht also um mehr als „nur“ eine systematische Auswertung der Schriften des Maître-penseur der „Nouvelle Droite“. Böhm müht sich auf knapp 140 Seiten die gesellschaftlichen und individual-biografischen Einflussfaktoren des Chefdenkers der französischen Neuen Rechten zu rekonstruieren. Im Kern wird de Benoists Denken dabei als prä-moderne Reaktion auf den ökonomischen Modernisierungsprozess des agrarisch geprägten Frankreich des 20. Jahrhunderts herausgearbeitet (296f). Dabei mag man nicht nur hin und wieder die allzu individual-psychologisch wirkende Detektivarbeit Böhms als störend, sondern auch die vollständige Abwesenheit einer methodologischen Auseinandersetzung mit den Prämissen Mannheims als Leerstelle empfinden.

Für Böhm ist Alain de Benoist ein „äußerst widersprüchlicher Denker“ (11). Seine Forschungsaufgabe skizziert er dabei wie folgt: „Die Frage nach dem synonymen Charakter von Kontinuität und Wandel zu stellen, bedeutet (...), die unsichtbaren Fundamente dieses Denkens offen zu legen. Das soll mithin das eigentliche Ziel vorliegender Arbeit sein.“ (21f) Böhm geht es also um das Substanzielle, um die „Denksubstanz“ (22) im Schaffen Alain de Benoists. Er nimmt damit jedoch eine methodische Vorentscheidung vorweg, deren Beweis am Ende einer Arbeit zumindest eingelöst werden muss: Dass es nämlich überhaupt eine sich im Denken Alain de Benoists durchhaltende denkerische „Substanz“ gebe.

Im Folgenden zeichnet Böhm minutiös die intellektuelle Entwicklung Alain de Benoists nach und sucht in den Themenbereichen tragisches Weltverständnis, Rassismus, Anti-Liberalismus, Anti-Egalitarismus und Kritik des Christentums nach Elementen von Kontinuität und Wandel. Das Ergebnis: Alain de Benoist kennzeichne von Beginn seines intellektuellen Schaffens an ein anti-utilitaristisch-ästhetisches, anti-christliches, anti-liberales und anti-egalitaristisches Denken. Erhebliche Wandlungen ergeben sich nach Böhms Ansicht hingegen im Themenfeld „Rasse“. Während der Franzose in den 1960er Jahre noch biologistisch-rassistisch argumentiere und versuche, die „weiße Rasse“ wertend über andere Rassen zu stellen, wandele sich dessen Sichtweise – auch im Zusammenhang mit Studien des logischen Empirismus – seit den 1970er Jahren durchgreifend. Seit dieser Zeit beginne sich Schritt für Schritt ein kulturrelativistischer Ethnopluralismus in seinem Denken durchzusetzen: „Von der 'Rasse' zur 'Kultur' – mit dieser Formulierung ließe sich Alain de Benoists intellektuelle Entwicklung im 'rassischen Diskurs' zusammenfassen.“ (186)

Als beständigen, substanziellen Kern im Denken Alain de Benoists macht Böhm dabei vor allem dessen „Tragischen Heroismus“ aus, eine „Lebenshaltung, die sich bis in die jüngste Schaffensperiode in seinen Texten ablesen läßt. (…) Der Feind, um im Bilde zu bleiben, ist also der Utilitarismus, mit anderen Worten: eine Auffassung des Daseins als ein ausschließlich vernunft- und nutzenorientiertes.“ (155f) Aus dieser Grundentscheidung ergebe sich zugleich der für das Denken des Franzosen wichtige Kosmos des ethnisch-kulturellen Pluralismus. Der Liberalismus und dessen ökonomische Globalisierung würden die Unterschiedlichkeit der Kulturen durch vereinheitlichende Konsummuster in Frage stellen. Und genau hiergegen richte sich das Konzept des Ethnopluralismus, das seinerseits nur durch den ästhetisch-utilitaristischen Grundimpuls im Denken Alain de Benoists verständlich würde.

Böhm verschweigt dabei keinesfalls, dass Alain de Benoist noch in den 1960er Jahren dem Lager der biologistischen Rassisten zugerechnet werden musste. Im Unterschied zu zahlreichen anderen Autoren interpretiert er indes den Wandel in den Anschauungen Alain de Benoists nicht als „Verdeckungsstrategie“ (188), sondern als Vorgänge des ernsthaften intellektuellen Wandels auf der Grundlage einer einheitlichen anti-utilitaristischen „Denksubstanz“. Und diese „Denksubstanz“ scheint es in der Tat zu geben. Ob diese jedoch adäquat als „Anti-Utilitarismus“ gekennzeichnet werden kann oder es sich nicht vielmehr um einen anthropologischen Anti-Materialismus handelt, wäre eine der sinnvoll an Michael Böhm zu richtenden Fragen. Als ebenfalls unbefriedigend kann die Tatsache begriffen werden, dass Böhm auf eine ideologietheoretische Beschreibung und Ordnung bzw. Ableitung der Begriffe von Utilitarismus, Materialismus, Liberalismus, Christentum, Kulturrelativismus (unter Einschluss einer radikalen Menschenrechtskritik), Nominalismus etc. vollends verzichtet. So bleibt am Ende unklar, welche theoretische Grundentscheidung im Denken Alain de Benoists den Prozess der theoretischen Selbstentfaltung hin zum kulturrelativistischen Ethnopluralismus wirklich ausgelöst hat. Der ästhetisch-anti-utilitaristische Grundimpuls, den Böhm am Ende für den Entscheidenden hält, dürfte es jedenfalls nicht gewesen sein. Erkenntnistheoretisch höher anzusiedeln ist wohl vielmehr seine diffuse anti-materialistische Anthropologie sowie die Auseinandersetzung mit dem Nominalismus. Aber immerhin ließe sich mit Böhm darüber streiten.

Schließlich widmet sich Böhm zum Abschluss seiner Studie den Fragen, ob und inwieweit Alain de Benoist als ein konservativer Revolutionär und ein Extremist zu interpretieren sei. Während er auf überraschende Weise de Benoist gemeinsam mit Armin Mohler als einen der ersten Konservativen Revolutionäre par excellence begreift (270ff), weil er aus einer anti-universalistischen und anti-individualistischen Kritik heraus zugleich Antichrist sei, lehnt er die Kennzeichnung de Benoists als „Extremist“ unter Rückgriff auf die Theorien Backes' ab. Man komme also nicht umhin, den „'extremistischen Kelch' an Alain de Benoist vorbeigehen zu sehen“ (281). Der Franzose könne weder ein Extremist im Sinne eines pluralistischen Anti-Demokratismus sein, da sein Konzept des Ethnopluralismus gerade auf Pluralität abziele, noch im Sinne fundamentalistischer Strukturmerkmale (289ff). Zwar hätten diese Kriterien auf den frühen Alain de Benoist der 1960er Jahren zugetroffen, jedoch seit Mitte der 1970er Jahre erweise er sich lediglich als ein „rechter Intellektueller“ (292). Insbesondere wehrt sich Böhm gegen den Vorwurf, dass eine Kritik der Menschenrechte, die zur Fundamentalnorm der freiheitlichen demokratischen Grundordnung zählen, sogleich den Extremismusvorwurf auslöst: „Kritik und Ablehnung der Menschenrechte – wollte man hieraus jemandem einen Strick des Extremismus drehen, bräuchte man (…) sogleich einen ganzen Ballen voller Hanf.“ (287) Böhm will daher strikt zwischen einer intellektuellen, nicht unmittelbar politisch motivierten Hinterfragung des Selbstverständnisses westlicher Demokratien auf „der doktrinären Ebene“ (ebd.) und dem Agieren extremistischer politischer Bewegungen unterschieden wissen. Und in der Tat: Erstere haben rationale Argumente und nicht die „Antworten“ des Strafgesetzbuches verdient, wenn demokratisch legitimierte Herrschaft die Prinzipien der Aufklärung noch ernst nehmen soll.

Wer künftig mit wissenschaftlichem Anspruch über Alain de Benoist arbeiten will, wird zumindest in Deutschland an Böhms Text nicht vorbeikommen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Böhm in seinen abschließenden Bemerkungen deutliche Sympathien für de Benoists sozial gebundenes Freiheitsverständnis erkennen lässt (301). Man muss seine Thesen keinesfalls alle teilen, aber sie immerhin mit substanziellen Argumenten aus dem Weg räumen. Böhm hat, gemessen am Durchschnitt der Auseinandersetzung mit dem Phänomen „Nouvelle Droite“, die intellektuelle Latte hoch gelegt. Man wünschte sich, Texte dieses Gehaltes des Öfteren zu lesen – nicht zuletzt von links.

Eine popularisierte Kurzfassung seiner Dissertation veröffentliche Michael Böhm im Jahr 2009 im neurechten Verlag Edition Antaios.



boehm-benoistMichael Böhm
Alain de Benoist und die Nouvelle Droite
320 Seiten, Paperback
LIT-Verlag, 2008
ISBN: 978-3-8258-1711-4
Preis: 29,90 Euro



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