Martialisches „Skinhead-Festival“

Rund 1300 Neonazis sind am 28. Juni nach Nienhagen zu dem von Oliver Malina organisierten Rechtsrock-Konzert angereist. Engagierte Gegendemonstranten kritisieren, dass das Gericht einem Verbot des jährlich stattfindenden braunen Events unter Berufung auf das Versammlungsgesetz nicht stattgegeben hat.

Mittwoch, 02. Juli 2014
Redaktion
Martialisches „Skinhead-Festival“
Mit freundlicher Genehmigung des „blick nach rechts“ übernommen. Wir hassen das System.. wir hassen diesen Staat...“, grölte der Sänger der Hamburger Band „Abtrimo“ ins Mikrophon und leitete damit das Rechtsrock-Konzert am Samstag in Nienhagen ein. Zum vierten Mal bot das Gelände um die „Alte Hopfendarre“ in dem Dorf nahe Halberstadt in Sachsen-Anhalt rund 1300 Neonazis Raum für ein überregionales Treffen mit Musik. „I love NS“, „1933“, Terrorankündigungen und der Aufruf zum „Rassenkrieg“ zierte zahlreich die Kleidung der ankommenden Gäste, prägten damit das martialische Erscheinungsbild des Tages. Überall waren offen Parolen mit „Blood&Honour“-Bezug oder Huldigungen für dessen Gründer Ian Stuart Donaldson zu lesen. Gegen Samstagabend waren viele der Besucher stark alkoholisiert, einige wie der Hildesheimer Dieter Riefling kamen bereits torkelnd an. Becher mit Bier wurden über den Zaun in Richtung der außen stehenden Journalisten und Polizisten geworfen. Veranstalter Oliver Malina stieg daraufhin zur Band auf die Bühne und wetterte gegen die Gegendemonstranten als „Linksfaschisten“. Übelste sexistische Sprüche konnte er sich auch nicht verkneifen. Die fielen an diesem Tag unablässig und wurden von den rund 600 Polizeibeamten nicht angemahnt. „Wir werden auch nächstes Jahr hier sein!“ Malina wollte ein Einschreiten der Polizei vor dem Palisadenzaun  verhindern und forderte sein zahlendes Publikum auf: „Trinkt das aus! Nicht schmeißen!“  Stolz berichtete der aus Salzgitter stammende Aktivist der Kameradschaft „Honour&Pride“: „Der Staat wollte mit allen Mitteln das Ganze untersagen. Haben Sie aber nicht geschafft“. Gejohle erntete er für seine Ankündigung: „Wir sind dieses Jahr hier und werden auch nächstes Jahr hier sein!“ Dann erfolgte eine letzte Ermahnung, „sämtliche Grüße“ zu unterlassen.
Das Gelände, auf dem das Konzert jedes Jahr stattfindet Die Konzerte von Malina in Nienhagen gehören mittlerweile zu den größten Events der braunen Szene. Über ein Dutzend weiterer Neonazi-Konzerte fanden 2013 in dem logistisch günstig gelegenen Bundesland statt. Vor der Veranstaltung in Nienhagen hatte es ein gerichtliches Tauziehen gegeben, welches erneut zu Lasten der kleinen Kommune ging. Das Oberwaltungsgericht in Magdeburg kippte das Verbot der Verbandsgemeinde Vorharz. Es gelang nicht einmal, die Veranstaltung zeitlich bis 22.00 Uhr zu begrenzen. Neonazistischer und gewalttätiger Charakter Die Polizei war mit einem Großaufgebot im Einsatz. „Wir werden sofort polizeiliche Maßnahmen treffen, wenn von dem rechtsextremen Konzert Straftaten ausgehen“, erklärte der erstmalig vor Ort anwesende Innenminister Holger Stahlknecht (CDU). Davon allerdings waren viele Beobachter der braunen Veranstaltung nicht überzeugt. Beleidigungen, Liedtexte, Tattoos und Parolen auf der Kleidung der Neonazis hätten durchaus genauer geprüft werden können, wurde beanstandet. Der Verein Miteinander e.V. betonte den neonazistischen und gewalttätigen Charakter des „Skinhead-Festivals“ und kritisierte die Einsatzstrategie der Polizei in Nienhagen: „Aus unserer Sicht kann nicht von einem störungsfreien Ablauf des Konzerts gesprochen werden.“ Wieder einmal sahen sich Polizei und Ordnungsbehörden nicht in der Lage, der rechtsextremen Veranstaltung konsequent zu begegnen. Auflagen, Kontrollen und Sanktionen müssen dem neonazistischen Charakter des Konzert gerecht werden“, so Vereinsmitarbeiter David Begrich. Viele der rund 250 Gegendemonstranten, die die regionale Initiative „Nienhagen Rechtsrockfrei“ unterstützten, reagierten empört auf die Begründung, mit welcher die Gerichte die Veranstaltung zuließen. Die falle unter das Versammlungsrecht, hieß es, beim Verbot sei der politische Charakter nicht ausreichend berücksichtigt worden. „Das war für uns ein Schlag ins Gesicht. Das ist eine kommerzielle Veranstaltung mit Eintrittskasse und keine Versammlung nach Versammlungsgesetz“, sagte  Hans-Christian Anders von der Initiative „Nienhagen Rechtsrockfrei“ der Nachrichtenagentur „dpa“. Anders weist auch auf mögliche Interpretationen des Urteils hin, denn somit sei ein Großkonzert nicht anders zu werten, als eine Kundgebung oder eine Demonstration. „Man muss sich der Folgen dieser „Gleichrangigkeit“ bewusst sein“, erklärt der engagierte Nienhagener. Damit wären hypothetisch in Zukunft auch Blockaden oder kreative Ideen zur Verhinderung weitere Konzerte denkbar. Kommerzielles Konzert plötzlich als Versammlung eingestuft Reporterin Tanja Ries vom MDR notierte auf dem TV-Blog: „Über die Entscheidung der Gerichte wurde viel diskutiert auf dem Straßenfest. Warum zum Beispiel dieses kommerzielle Konzert plötzlich als Versammlung eingestuft wurde? Das Verwaltungsgericht begründete es wie folgt: ‘Das Skinhead-Konzert sei neben kommerziellen Interessen auch von der Meinungskundgabe geprägt. (...) Es handele sich damit ebenfalls um eine öffentliche Versammlung im Sinne des Versammlungsgesetzes.’ Das konnte kaum jemand nachvollziehen.“ Tatsächlich wird vermutet, dass Malina bei einem Eintrittspreis von 25 Euro einen Umsatz von 30 000 Euro erzielen könnte, plus Verkauf von Getränken und Merchandising. Der Neonazi, der sich vom „Bravo“-Boy „Olli“ zum mittelständischen Unternehmer entwickelte, ist gut vernetzt. Der Schwiegervater beschäftigt einige Nienhagener in der eigenen Baufirma. Die „Alte Hopfendarre", der Veranstaltungsort, gehört dem Nienhagener Klaus Slominski. Der hatte sich angeblich aus finanziellen Gründen umentschieden,  nachdem er zunächst behauptet hatte, das Gelände nicht mehr an Malina vermieten zu wollen. Szene-Unternehmer wittern gute Geschäfte Gegen 18.00 Uhr an dem Samstag begannen die ersten Old School-Skinheads, viele mit Tattoos bis zur Halskrause, Pogo zu tanzen. Sie schubsten sich umher, reckten ihre Fäuste nach oben. Der Sänger von „Abtrimo“ trug ein Shirt mit der Aufschrift „Skins Uelzen“ und schrie den Refrain: „Patrioten der Straße geben niemals auf...!“ Steffen Holthusen von der NPD in Hamburg stand in der Nähe und lächelte. Sein Kamerad Torben Klebe, bis zum Verbot 2000 einer der Anführer von „Blood&Honour“, heute für die NPD unterwegs, kam verspätet. Jan Greve aus Lüneburg trug zuvor einen schweren Karton aufs Gelände. Er scheint einer der Szene-Unternehmer zu sein, die in Nienhagen auch gute Geschäfte wittern. So wurde Werbung für das geschlossene Streetwear-Ladengeschäft von Stefan Silar in Tostedt gemacht, die Gulaschkanone stellte der Kameradschaftsanführer Enrico Marx aus Sotterhausen und die Veranstaltungstechnik kam aus Thüringen. Die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes Incognito Security aus Bad Blankenburg sahen aus, als gehörten sie dazu. Auch der DRK Sanitätszug Osterwieck kannte keine Distanz, die Sanitäter ließen sich im Zelt direkt auf dem Gelände mit dem hohen Zaun nieder.  Draußen waren einige Polizeibeamte postiert. Immer wieder ging Malina auf die anwesenden Pressevertreter zu, versuchte ihre Berichterstattung mit Hilfe eines Anwalts einzuschränken. Pöbelte und schubste. „Hammerskin Nations“ und „Bruderschaften“ fühlen sich angezogen Sichtlich genervt erreichte auch einer der erfolgreichsten Geschäftsleute der braunen Szene die Veranstaltung. Yves Rahmel von PC Records aus Chemnitz scheut eigentlich die Öffentlichkeit. Seine Firma veröffentlichte den Song „Döner-Killer“ von „Gigi & die braunen Stadtmusikanten“. Darin wurde bereits 2010 die rassistische Mordserie des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) thematisiert. Manche Szenekenner glauben nicht mehr an einen Zufall, denn zu eng ist das Netz in Chemnitz. Im direkten Umfeld von „Blood&Honour“ Chemnitz haben die Rechtsterroristen aus Jena Unterschlupf gefunden. Der „Döner-Killer“-Song kann auch als geheimes Signal, eine Art Bekennung nach innen verstanden werden, immerhin war der  Gründer von PC Records schon früh mit dem toten NSU-Gründer Uwe Mundlos befreundet und ließ ihn Motive für sein Bekleidungsgeschäft zeichnen. Das Konzert in Nienhagen lockt seit 2011 verstärkt militante, öffentlichkeitsscheue Aktivisten an. Auch einer der NSU-Angeklagten soll im ersten Jahr vor Ort gewesen sein. Hier zeigen sich sogar konspirative Gruppen wie die „Hammerskin Nations“ offen. „Bruderschaften“ aus dem gesamten Bundesgebiet fühlen sich angezogen. Radikalität wird offen ausgelebt. Gekreuzte Handgranaten wie bei der „Arischen Bruderschaft“ zeigen die Gesinnung.  Reisedienste aus Hameln, Hassberge (Unterfranken) und Mecklenburg-Vorpommern haben ganze Busladungen von Besuchern nach Nienhagen kutschiert. Die eingeladenen Szene-Bands kommen aus Berlin, Baden-Württemberg, Bayern, Schweden und Italien. Die Musiker von „Pitbullfarm“ aus Schweden tragen Tattoos im Gesicht und Irokesenschnitt. Bislang hatte die Gruppe um Jocke Karlson eher versucht, einen politischen Kontext zu vermeiden. „Die Nazis gefährden den sozialen Frieden“ „Kraft durch Froide“ aus Berlin wurde in den 90er Jahren vom ehemaligen Aktivisten der „Nationalistischen Front“, Andreas Pohl, aus der Taufe gehoben. Die Band feierte jetzt ihr 30-jähriges Bestehen, ihr neuer Tonträger wird über den „Wewelsberg“-Versand eines „Hammerskins“ vertrieben. Bei Facebook beklagte „KDF Berlin“: „Leider konnten wir unseren kleinen Bauchladen auch nicht öffnen, da dieser tolle demokratische Staat seine Fratze gezeigt hat und mal wieder den gleichgeschalteten Medien in diesem Lande hörig war.“ Ein Bus mit Kennzeichen aus Winnenden hatte bereits nachmittags Musikinstrumente zum Veranstaltungsort gebracht. Aus Schwaben kam die Szene-Band „Faustrecht“ und aus dem Ostallgäu die seit 2008 bekannte Gruppe „Sturmtrupp“. Wieder dabei waren auch die Bremer von „Endstufe“, deren „Crew“ auf der Bühne half. „Das Menschenbild, das auf den Konzerten propagiert wird, ist erschreckend“, sagt Hans-Christian Anders, einer der Organisatoren der 30-köpfigen Nienhagener Initiative. Ihm entgingen auch nicht die Jugendlichen, die mit ihren Fahrrädern neugierig in den Straßen des Dorfes standen. Einige Eltern sympathisieren offen mit den Neonazis. Noch ist den Jugendlichen der Zutritt verwehrt, da die Altersgrenze bei 18 Jahren liegt. „Die Nazis gefährden den sozialen Frieden“, betont Anders. Den lokalen Medien teilte er mit: „Malina drohte mir an, dass mein Haus in Flammen stehen könnte, wenn wieder Linke vor seiner Tür demonstrieren.“
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