Martialischer kurzer Aufzug

Gerade einmal 150 Neonazis sind am Samstag durch Leipzig marschiert – ihre „Querfront“-Strategie ging nicht auf.

Montag, 14. Dezember 2015
Julian Feldmann

„Connewitz, wir sind da – eure Anti-Antifa“, skandierten die militanten Rechtsextremisten bei der Demo. Dass sie gar nicht in den alternativ geprägten Stadtteil gekommen sind, war ihnen nicht bewusst. Am Vortag waren drei angemeldete rechtsextremen Demonstrationen zu einer zusammengelegt worden. Zudem wurde die Strecke des Aufmarsches auf einen Kilometer beschränkt – und zwar in der Südvorstadt, nicht in Connewitz. Die braune Kleinpartei „Die Rechte“, der rechtsextreme Pegida-Ableger „Thügida“ aus Thüringen und die fremdenfeindliche „Offensive für Deutschland“ hatten aufgerufen, ursprünglich wollten sie einen Sternmarsch durch Connewitz durchführen. Dass trotz der einmonatigen Mobilisierungszeit nur 150 Teilnehmer kamen, dürfte auch „Die Rechte“-Chef Christian Worch enttäuscht haben, der selbst in das ehemals von Neonazis zur „Frontstadt“ erklärte Leipzig kam.

An der Spitze des Zuges formierte sich ein Block militanter Neonazis, allen voran wehten „Die Rechte“-Flaggen und eine Thüringen-Fahne. Als aggressiver Einheizer gab Michel Fischer aus dem Weimarer Land so manche Parole vor. „Nationaler Sozialismus jetzt!“ brüllten die schwarz gekleideten Neonazis auch gleich zu Beginn. Kurz musste die Polizei den Demonstrationszug stoppen, weil etliche „Autonome Nationalisten“ vermummt waren. Der Vorsitzende des sächsischen „Die Rechte“-Landesverbands, Alexander Kurth, trat zusammen mit Worch und dem Mitveranstalter der Leipziger Pegida-Aufmärsche, Silvio Rösler, als Organisator auf. Kurth trug eine Fahne Nordkoreas um den Hals, ein anderer Neonazi zeigte eine Iran-Flagge.

„Linkes Gezeter – neun Millimeter“

Weswegen sie nach Leipzig gekommen sind, machte Organisator Rösler zu Beginn klar: „Wegen euch Linken sind wir heute eigentlich hier!“ Doch auch sein Lenin-Zitat konnte kaum ein Gegendemonstrant hören, denn die Polizei hatte den Aufmarschort weiträumig abgesperrt. In seiner Rede sprach Rösler von den „Vasallen des imperialistischen Ausbeutersystems“, er hofft offenbar auf eine „Querfront“ mit Linksaußen. Doch die zweite Rednerin, Anne Zimmermann, wetterte sogleich gegen „linken Gesinnungsterror“. „Wir sind die Krieger unseres Volkes und werden den Untergang unserer Nation nicht länger hinnehmen“, gab sich Zimmermann kämpferisch.

Als die Demo dann an Gegendemonstranten vorbeilief, brüllten die Neonazis „Linkes Gezeter – neun Millimeter“. Ein Neonazi warf einen Gegenstand auf zwei Journalisten, er wurde von behelmten Polizisten zurück in den Demonstrationszug gedrängt, jedoch nicht festgenommen. Von dem Lautsprecherwagen klang derweil: „Großer Friedrich, steig’ hernieder und regiere Preußen wieder…“

„Deutschland muss erwachen!“

„Wenn dann eines Tages die Polizei wieder die Uniformen eines freien und souveränen Deutschlands trägt, dann werden sie euch schon Flötentöne beibringen, die euch bisher noch vollkommen unbekannt sind“, sagte Mitorganisator Kurth bei seiner Rede in Richtung des Gegenprotests. Als Feinde Deutschlands machte er „US-Imperialisten, Zionisten und Kriegstreiber“ aus. Danach schrie Rösler ins Mikrofon: „Deutschland muss erwachen!“ Gemäßigte Töne klangen bei Erhard Kaiser aus dem „Legida“-Umfeld an, der meinte, dass die Hälfte der Gegendemonstranten auch bei der Neonazi-Demo mitlaufen könnten. Auch dieser Versuch, eine „Querfront“ zu beschwören, wurde von den an den Polizeiabsperrungen stehenden Antifaschisten mit Pfiffen und Buh-Rufen quittiert.

Vorwiegend aus Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt kamen die Teilnehmer des kurzen Neonazi-Aufzuges. Nach dem Schwarzen Block der „Autonomen Nationalisten“ folgten rund zwei Dutzend unauffällig gekleidete Teilnehmer, darunter einige ältere Männer, die auch bei Pegida-Demos mitmarschieren. Eine Flagge mit Friedenstaube wurde dort ebenso geschwenkt wie schwarz-weiß-rote Reichsfahnen. Auch ein Banner von „Thügida“ war dabei, zwei Aktivisten der Holocaust-Leugner-Truppe „Europäische Aktion“ liefen mit Transparent und Fahne mit. Ein Neonazi trug einen Pullover mit der Aufschrift „Support 81“, eine Unterstützungsadresse an die kriminelle Rocker-Gang „Hells Angels“.

Überschattet wurden die friedlichen Gegenproteste mehrerer tausend Leipziger von Ausschreitungen. Rund 1000 Autonome lieferten sich rund zwei Stunden schwere Straßenschlachten mit der Polizei, bei denen Polizisten und Demonstranten verletzt wurden.

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