Martialischer Feldzug

Bei einem von der Worch-Partei angemeldeten Aufzug von rund 400 Neonazis am Samstag in Dortmund gab es neben tätlicher Gewalt und militanten Tönen auch ein deutliches Bekenntnis zur NSDAP.

Montag, 02. September 2013
Tomas Sager

Fast ist an diesem Samstag in Dortmund alles so, wie es immer ist, wenn Neonazis durch die Straßen nordrhein-westfälischer Städte ziehen. „Alles für Volk, Rasse und Nation!“, grölen sie, „Wir sind weiß, ihr seid rot – für die Rasse in den Tod!“ oder: „Nationaler Sozialismus jetzt!“ Die Parolen sind bekannt. Nicht neu ist auch, dass Teile des braunen Umzugs die direkte Konfrontation mit Gegendemonstranten suchen, wann immer sich die Gelegenheit bietet. Wenn es gar zu extrem wird, schreiten sogar Ordner oder Parteifunktionäre ein. „Hier spielt die Musik“, ruft einer von ihnen die Seinen zurück, die drohend in Richtung der Neonazi-Gegner rennen, statt sich zur Zwischenkundgebung vor dem Bühnen-Lkw zu versammeln.

Bekannt ist schließlich auch die Abneigung gegen Beobachter des Geschehens. Er habe „zwei schlagende Argumente“, bedeutet einer der Neonazis einem Journalisten, als dieser sich dem Lautsprecherfahrzeug nähert. Der Hinweis, er werde das Ende der Veranstaltung womöglich nicht im Kreise seiner Kameraden erleben, falls er von seinen „schlagenden Argumenten“ Gebrauch machen würde, lässt den „Kameraden“ kalt: „Das ist mir egal.“

Mit Sturmhaube maskiert ans Mikrofon

Das alles erlebt man bei derartigen Veranstaltungen so oder so ähnlich regelmäßig. Wer an diesem Samstag in Dortmund den von der Partei „Die Rechte“ organisierten Aufzug von etwa 400 Neonazis verfolgt, kann freilich auch Dinge erleben, die selbst für solche Demonstrationen nicht alltäglich sind. Zum Beispiel einen Redner, der mit Sturmhaube maskiert ans Mikrofon tritt: Aus Berlin kommt er und wettert gegen das 2005 erfolgte Verbot der „Kameradschaft Tor“. Nach ein paar Minuten ist der Spuk zu Ende. Erst muss er auf Veranlassung der Polizei die Maskerade beenden, dann seine Rede abbrechen.

Nicht oft kommt es auch vor, dass das Bekenntnis zur NSDAP gleich per Fronttransparent vorneweg getragen wird. „25 Punkte gegen eure Verbote!“ ist dort zu lesen. Außenstehenden erschließt sich der Zusammenhang nicht sofort. Die historisch Bewanderten unter den „Kameraden“ werden die Anspielung auf das „25-Punkte-Programm“ der NSDAP jedoch verstehen.

Böller zwischen die Gegendemonstranten geworfen

Neu ist auch, dass es nicht nur bei der Androhung von Gewalt bleibt. Beinahe mit jedem Meter, den der braune Zug zurücklegt, wächst die Aggressivität. Unterwegs rufen die Neonazis: „Autonom und militant – Nationaler Widerstand“ und „Macht den Linken richtig Dampf: Straßenkampf, Straßenkampf!“ Kurz vor der Abschlusskundgebung bleibt es dann nicht mehr bei nur verbaler Militanz. Einer der Neonazis wirft einen Böller zwischen die Gegendemonstranten. Fünf Personen wurden verletzt, darunter eine Landtagsabgeordnete der „Piraten“ und ein Polizeibeamter. Gegen den Neonazi wird nun unter anderem wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung ermittelt, meldet die Polizei. Zudem seien drei Personen des rechtsextremen Spektrums zur Verhinderung von Straftaten in Gewahrsam genommen worden.

Der nordrhein-westfälische Landesverband von Christian Worchs Partei „Die Rechte“ (DR) hatte die Demonstration angemeldet. Regie führte der DR-Landesvorsitzende Dennis Giemsch. Den militanten Ton gaben an diesem Tag aber nicht Worch oder Giemsch vor – Thomas Wulff erntet den meisten Beifall des braunen Fußvolks. Er ist Spitzenkandidat der Hamburger NPD zur Bundestagswahl. Und er ist ein Neonazi ganz nach dem Geschmack seines Dortmunder Publikums. Die Zeiten, als er noch für die „Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationale Aktivisten“ unterwegs war, ruft er in Erinnerung. Eine „Front überzeugter Kämpfer“ sei man gewesen – eine Front für die Wiederzulassung der NSDAP. Donnernd erinnert er an die ,Heldentaten’ dieser „Front der Hundert“: „Wenn da Tausend waren, da sind wir dann durchmarschiert.“ Er wettert gegen die, die „Großmaultum und nicht Opferbereitschaft“ zeigen.

„Wir wollen ein freies deutsches Reich“

Das Verbot der ANS erscheint ihm wie eine Entscheidung auf dem Schlachtfeld: „Wenn 90 Prozent fallen, dann bleiben zehn Prozent stehen.“ Jene die übrig blieben, seien „im Feuer zu Härte gebrannt“. Man müsse, ruft er schnarrend den jüngeren „Kameraden“ zu, bereit sein, auch sein Leben zu geben. Ähnliche Begeisterung unter seinen Zuhörern löst nur noch die Rede des ehemaligen „Wiking-Jugend“-Chefs Wolfram Nahrath aus. „Wir wollen ein freies deutsches Reich“, donnert er ins Mikro und wettert gegen die „Bande in den Parlamenten“. Mit der geht es früher oder später zu Ende, folgt man Nahrath: „Der Furor Teutonicus wird sie irgendwann hinwegfegen!“

Zum Publikum, das ihm lauscht, gehört auch Uwe Meenen, der stellvertretende NPD-Landesvorsitzende aus Berlin. Nicht fehlen darf auch Hans-Jochen Voß, Kreisvorsitzender der NPD für Unna/Hamm, Mitglied des NRW-Landesvorstands und nichtsdestotrotz regelmäßiger Teilnehmer bei öffentlichen Auftritten der DR in Dortmund. Es sei „eine rundum gelungene Demonstration“ gewesen, so ist später auf der Internetseite seines Kreisverbandes zu lesen. Sein NPD-Landesverband hat parallel zur Dortmunder Demonstration eine Wahlkampfkundgebung in Duisburg angesetzt, bei der fünf Vorstandsmitglieder sprechen. Voß freilich zieht an diesem Tag die Konkurrenzpartei vor.

Zur „Schlacht von Wuppertal“ aufgerufen

Nach den beiden Aufmärschen in Hamm am 20. Juli (bnr.de berichtete) und nun in Dortmund plant „Die Rechte“ eine weitere „Wahlkampfdemonstration“ in Wuppertal. Sie soll am 21. September, einen Tag vor der Bundestagswahl stattfinden. Schlagzeilen machte die Ankündigung, weil die Veranstalter auf ihrer Internetseite zeitweise ein Mobilisierungsvideo präsentierten, in dem ein Neonazi-Rapper zur „Schlacht von Wuppertal“ aufrief. (bnr.de berichtete) Neonazi-Gegnern prophezeite er, sie seien „zum Glück bald tot“: „Wir machen weiter und weiter, bis euer Blut in unsere Wupper fließt.“

Kaum weniger martialisch ist ein weiteres, in der vorigen Woche bekannt gewordenes „Mobivideo“, das angeblich „von Kameraden aus Süddeutschland“ stammt und ebenfalls zur „Schlacht“ am 21. September ruft. Zu den Klängen einer Rechtsrock-Band („Es kommt der Tag der Rache, und dann rechnen wir mit euch ab!“) werden Bilder von einer Neonazi-Attacke gegen ein linkes Wohnprojekt in Dresden gezeigt. „Jedes antideutsche Schwein jagen wir in die Wupper rein“, droht am Ende des Videos ein maskierter Neonazi. Die „Westdeutsche Zeitung“ meldete, die Polizei prüfe derzeit noch, ob die Demonstration verboten werden könne.

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