„Marsch“ über die Rheinbrücke

Lediglich 320 Teilnehmer fanden sich bei der vollmundig beworbenen Veranstaltung der „Pro-Bewegung“ in Köln ein – der überschaubare Demonstrationszug konnte erst mit zweistündiger Verspätung starten.

Montag, 09. Mai 2011
Tomas Sager

Ein Marsch ins Herz von Köln hat es werden sollen, mitten durch die linksrheinische Innenstadt. Daraus wird an diesem Tag bei ihrem „Marsch für die Freiheit“ aber nichts für die Rechtspopulisten von „pro NRW“ und ihren deutschen und internationalen Anhang. Gleich hinter der Deutzer Brücke am Rande des Heumarkts wird aus der dort vorgesehenen Zwischenkundgebung auch schon die Abschlussveranstaltung, ehe es zurück über den Rhein wieder zum Deutzer Bahnhof geht.

„Pro NRW“-Generalsekretär Markus Wiener will dennoch für gute Stimmung sorgen. 1100 Teilnehmer hätten die Ordner gezählt, ruft er auf dem Heumarkt ins Mikrofon. Das Fußvolk jubelt. Hinter vorgehaltener Hand nimmt freilich nicht einmal das eigene Publikum die Triumphmeldungen seiner Oberen ernst. „Dann haben die Ordner den Demo-Zug aber einmal von vorne nach hinten und einmal von hinten nach vorne gezählt“, sagt in der Menge eine „pro NRW“-Anhängerin. Doch sie soll sich täuschen. Tatsächlich hat der „pro“-General die Teilnehmerzahl nicht nur verdoppelt, sondern mehr als verdreifacht: Lediglich rund 320 Leute waren es, die beim „Marsch“ über die Rheinbrücke dabei waren.

„Kameradschaftlicher, partnerschaftlicher Weg“

Begonnen hat der Demonstrationstag aus Sicht der Organisatoren gleich mit einer Panne. Rund zwei Drittel der Teilnehmer sitzen zwei Stunden lang auf dem Bahnhof Leverkusen-Opladen fest. Eine Mail, in der „pro NRW“-Chef Markus Beisicht am Tag zuvor für die „Mitglieder sowie zuverlässige Freunde und Bekannte“ die Vorabtreffpunkte genannt hatte, war kurz darauf bereits auf diversen Internetseiten nachzulesen gewesen. Die Folge: „Pro NRW“-Gegner blockieren am Samstagvormittag das Gleis des Zuges, mit dem unter anderem Beisicht, einige seiner internationalen Gastredner, die Delegation des „Vlaams Belang“ sowie „pro NRW“ler aus dem Ruhrgebiet und Ostwestfalen nach Deutz fahren wollen.

Am eigentlichen Ausgangspunkt der Demonstration muss Wiener derweil die Stimmung hochhalten. „Wir lassen uns nicht zermürben“, ruft er. Der Wiener FPÖ-Landtagsabgeordnete Wolfgang Jung darf schon einmal vorab sprechen und gegen den „linken Abschaum“ wettern, der stellvertretende Republikaner-Vorsitzende Johann Gärtner zu einer „Bierzelt-Veranstaltung“ in seiner bayerischen Heimat einladen. Eine Gruppe von Parteifreunden Gärtners umkreist Mal um Mal die knapp 100 Wartenden, bestückt mit REP-Plakaten. Das „Gegeneinander von seriösen Patrioten in Deutschland“ sei endlich vorbei, freut sich Wiener. „Pro-Bewegung“ und Republikaner seien „auf einem guten, kameradschaftlichen, partnerschaftlichen Weg“.

„Avantgarde des neuen Deutschlands“

Mit zwei Stunden Verzögerung – die Opladener Reisegruppe ist derweil mit Bussen und Taxis in Deutz eingetroffen – kann der Demonstrationszug der 320 beginnen. Gefilmt wird der „Marsch“, der eher einem lockeren Spaziergang über die Brücke ähnelt, von „pro NRW“-Öffentlichkeitsarbeiter Andreas Molau. Anderntags veröffentlicht „pro“ ein Video, das „eine peinliche Entlarvung der Medienlüge von nur 150 – 300 Teilnehmern“ sein soll. „Allein in dem Video, das nicht einmal den kompletten Zug zeigt, sind schon mindestens 600 – 700 Personen zu erkennen!“, heißt es wohl in der Hoffnung, dass sich niemand die Mühe macht, tatsächlich nachzuzählen.

Am Heumarkt angekommen, reicht ein kleiner Teil des Platzes für die überschaubare Menge der Demonstranten. Wiener feiert sie als „Avantgarde des neuen Deutschlands“. Filip Dewinter, Fraktionsvorsitzender des „Vlaams Belang“ im flämischen Parlament, lobt die „Internationale der Nationalen“, die an diesem Tag in Köln zusammenkomme. Die FPÖ-Nationalratsabgeordnete Susanne Winter tritt ans Mikrofon, vom französischen „Bloc Identitaire“ tritt Jacques Cordonnier, aus den USA Taylor Rose von der rechten Studentengruppe „Youth for Western Civilization“, großspurig angekündigt als „der Vertreter der amerikanischen Tea-Party“. Zum zweiten Mal an diesem Tag darf der FPÖler Jung sprechen, dazu Manfred Rouhs als Vorsitzender von „pro Deutschland“.

Dass es der „Pro-Bewegung“ gelungen sein könnte, ihre internationalen Kontakte zu weiteren rechten Gruppen in Europa spürbar auszudehnen, davon ist an diesem Tag nichts zu bemerken. Wie beinahe schon erwartet, fehlt auch FPÖ-Chef Heinz Christian Strache, den die Republikaner als einen der Redner angekündigt hatten. Patrik Brinkmann, der sich „Internationaler Sekretär“ der „Pro-Bewegung“ nennen darf und sich um den Kontaktaufbau bemühen soll, ist ebenfalls nicht da. Er sei erkrankt, heißt es. Die deutlich längste Rede des Tages hält REP-Chef Rolf Schlierer. Der Beitrag von „pro“-Chef Beisicht wirkt da nur noch wie ein Schlusswort. „Das war die größte freiheitliche Kundgebung, die Köln jemals erlebt hat“, jubelt er, ehe sich die „Marsch“-Teilnehmer nunmehr völlig ungeordnet auf den Rückweg macht.

Der „Krawallbruder“ auf dem T-Shirt

Mit dabei sind auch einige, die eigentlich nicht unbedingt eine Zierde für die selbst ernannten „Rechtsdemokraten“ sind. Wie jener Teilnehmer, der an diesem sommerlichen Tag mit geschlossenem Hemdkragen herumlaufen muss, damit man das Tattoo mit einem doppelten „S“ auf seinem Hals nicht sieht. Oder jener Teilnehmer, der auf polizeiliche Anweisung beim „Marsch“ auf seine geliebten Springerstiefel verzichten muss. Oder jene zumindest optisch an Neonazis erinnernden Teilnehmer, die auf Geheiß einer „pro Köln“-Politikerin sich mühen, weniger martialisch aufzutreten. Oder jener Teilnehmer, der sich auf seinem T-Shirt als „Krawallbruder“ zu erkennen gibt. Oder jene belgischen Gäste aus dem Umfeld der extrem rechten „Voorpost“-Truppe, die stets ein wachsames Auge auf Dewinter haben. Oder jene Belgier, die sich – teils schon erheblich alkoholisiert in Deutz angekommen – bei der Kundgebung mit Whisky-Cola bei Stimmung halten. Einem von ihnen versagen auf dem Rückweg vollends die Beine ihren Dienst. Mit Mühe wird er von „Kameraden“ ins Ziel geschleppt.

„Jeder Teilnehmer dieser Kundgebung hat eigentlich ein Bundesverdienstkreuz für Zivilcourage verdient“, hat Beisicht bei der Kundgebung sein Publikum umschmeichelt. Ob er nicht doch wenigstens ein paar Ausnahmen bei der Ordensvergabe machen würde, ist nicht bekannt. Er werde, kündigte Beisicht hingegen an, in den Gremien der „Bürgerbewegung“ vorschlagen, „diese Freiheitsmanifestation als jährliche Traditionsveranstaltung auch in Zukunft fortzuführen“.

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