Manifestes Hassbild

Der „Lasermann“Anfang der 90er Jahre in Schweden – ein Vorbild für den NSU-Terrorismus?

Freitag, 25. Mai 2012
Armin Pfahl-Traughber

Eine vergleichende Betrachtung zeigt, dass es sich beim Rechtsterrorismus des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) um ein singuläres Phänomen handelt: Geplante und gezielte Serien-Morde aus einer autonomen kleinen Zellenstruktur heraus ohne direkte oder indirekte Bekennung zu den Taten gab es in diesem Bereich zuvor nicht. Gleichwohl verdienen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu ähnlichen Fällen im In- und Ausland Interesse, lassen sich doch so erst die Besonderheiten des NSU-Terrorismus erkennen.

Mordabsichten gegenüber Einwanderern prägten auch das Agieren des „Lasermanns“ in Schweden: Gemeint ist damit John Ausonius, der zwischen August 1991 und Januar 1992 zunächst mit einem Laser-Gewehr, später mit einem Revolver auf elf Menschen schoss.  Nach seiner Verhaftung führte Ausonius lange Gespräche mit dem Journalisten Tamas Gellert. Der veröffentlichte 2002 darüber das Buch „Lasermannen – En berättelse om Sverige“, in deutscher Übersetzung „Der Lasermann . Vom Eliteschüler zum Serientäter“ (Leipzig 2007).

Schon früh eine ausgeprägte Neigung zur Gewaltanwendung gezeigt

Geboren wurde Ausonius 1953 als Wolfgang Alexander Zaugg,  nahm später die Namen John W. A. Stannermann und schließlich John W. A. Ausonius an. Als Schüler soll Ausonius aufgrund seiner dunklen Haarfarbe gehänselt worden sein. Möglicherweise miterklärt eine projektive Wirkung, dass er ein eigenes Ressentiment gegen Menschen mit dunkler Haar- und Hautfarbe entwickelte. Bereits in jungen Jahren isolierte sich Ausonius sozial und fiel durch ungewöhnliches Sozialverhalten auf. Obwohl dies sogar zu intensiven psychiatrischen Behandlungen führte, konnte er den Dienst im Militär mit der Ausbildung an Waffen problemlos absolvieren. Ausonius beging bereits früh zahlreiche Betrügereien und zeigte eine ausgeprägte Neigung zur Gewaltanwendung. Und das gilt ebenfalls für die männlichen NSU-Täter: Schon vor ihrer rechtsextremen Politisierung verübten diese kleinkriminelle und Körperverletzungsdelikte ohne einen dezidierten politischen Bezug.

Ein grundlegender Unterschied besteht aber darin, dass der „Lasermann“ ein Einzeltäter und der NSU eine Kleingruppe war. Bekanntlich entstammten die drei Aktivisten der rechtsterroristischen Zelle auch der ostdeutschen Neonazi-Szene, hatten sie doch einen organisatorischen Vorlauf im „Thüringer Heimatschutz“. Dies war bei Ausonius nicht der Fall, er ging allein vor.

Abneigung gegen Einwanderer in der Gesellschaft angewachsen

Gleichwohl dürfte bei Ausonius ein geändertes gesellschaftliches Klima eine bereits zuvor bei bestehende latente fremdenfeindliche Einstellung zu einem manifesten Hassbild gesteigert haben. Damals machte sowohl die rechtsextreme Partei „Ny Demokrati“ („Neue Demokratie“) mit Erfolgen bei Wahlen wie die neonazistische Aktivistengruppe „Vitt Arisk Motstand“ („Weißer Arischer Widerstand“) mit rassistischer Propaganda auf sich aufmerksam. Auch im Alltagsleben konnte man in den beginnenden 90er Jahren ein Ansteigen einschlägiger Ressentiments und Stimmungen beobachten, was der seinerzeit als Taxifahrer arbeitende Ausonius durch seine Kunden mitbekommen haben will.

Tamas schrieb bezogen auf die Frage seiner fremdenfeindlichen Politisierung: Der „Lasermann“ konnte „später keinen besonderen Anlass oder ein Datum benennen, an dem sich sein Hass gegen Einwanderer entzündet hatte. Die Abneigung wuchs einfach, von Tag zu Tag. John glaubte, dass sehr viele Schweden seine Ansichten teilten“ (S. 253). Nicht selten meinen rechtsextreme Gewalttäter, sie handelten im Namen der „schweigenden Mehrheit“ des Volkes. Tamas zitiert Ausonius denn auch mit folgenden Worten: „Ich rechtfertigte die Anschläge damit, dass es Einwanderer waren, das es politisch falsch war, sie hereinzulassen. ... Ich wandte mich ja gegen die Einwanderer, weil es so viele gab, die sie nicht leiden konnten ... vielleicht zwanzig, dreißig Prozent dachten ja wie ich, dass es zu viele Einwanderer in Schweden gab“ (S. 277). Dieses Statement macht exemplarisch deutlich, dass derartige Täter sehr wohl auf angebliche oder tatsächliche gesellschaftliche Stimmungen in einem motivierenden, aber mitunter auch in einem gegenteiligen Sinne reagieren.

Einschlägige Sympathieerklärungen aus der Szene

Bei den Taten des „Lasermanns“ handelte es sich keineswegs um die einzigen Gewalttaten mit fremdenfeindlichem Hintergrund. Über ihren politischen Kontext schreibt Tamas: „Es ist kaum exakt zu ermitteln, wie und in welchem Umfang Parteien wie ‚Neue Demokratie’ und ‚Schwedendemokraten’ oder Organisationen wie der WAW zu den Stimmungen beitrugen, die diese jungen Männer dazu brachten, Brandbomben zu werfen, Sprengladungen zu zünden oder Kreuze zu verbrennen. Aber Tatsache bleibt: der Siegeszug der ‚Neuen Demokratie’ fiel in dieselbe Zeit wie das Aufkommen einer neuen Art rassistischer Gewalt in Schweden“ (S. 408). Bei rechtsextremen Demonstrationen waren auch einschlägige Sympathieerklärungen zu hören, wie „Lasermann, schieß, um zu töten!“ (vgl. S. 406). Derartige Huldigungen von Gewalt und Mord kennt man auch aus den Liedern von deutschen „Rechtsrock“-Bands, die damit in der Neonazi-Szene zumindest die mentale Bereitschaft zu brutalem Agieren von der Körperverletzung bis zur Tötung einfordern.

Eine andere Gemeinsamkeit mit dem NSU besteht im logistischen Vorgehen, finanzierte sich Ausonius doch auch durch Banküberfälle, und er nutzte dabei ebenfalls ein Fahrrad (vgl. S. 255). Und schließlich sei noch die bedeutendste Übereinstimmung genannt: die beabsichtigte Tötung von Menschen mit Migrationshintergrund. Zwischen dem 3. August 1991 und dem 30. Januar 1992 schoss der „Lasermann“ auf elf Personen an zehn verschiedenen Orten in Stockholm und Uppsala. Im Unterschied zu den Serien-Morden des NSU kam dabei nur eine Person ums Leben, die anderen Opfer überlebten schwer verletzt.

Beabsichtigte Tötung von Menschen mit Migrationshintergrund

Da Ausonius zunächst ein Gewehr mit Laser-Zielvorrichtung nutzte, erhielt er von den Medien die Bezeichnung „Lasermann“. Später ging Ausonius mit einem Revolver vor. Demnach schoss er auf die Opfer von Angesicht zu Angesicht, worin wiederum eine Gemeinsamkeit mit den NSU-Mördern zu sehen ist. Eine direkte oder indirekte Bekennung hinterließ Ausonius ebenfalls nicht, sollten seine Taten doch wohl selbsterklärend sein.

Da durch die eher ungewöhnliche Nutzung eines Gewehrs mit einer Laser-Vorrichtung eine Kontinuität der Mordabsichten erkennbar war und es sich bei den Opfern immer um Menschen mit Migrationshintergrund handelte, richtete sich die Aufmerksamkeit der schwedischen Sicherheitsbehörden seinerzeit schon sehr früh auf einen Serien-Täter mit einem fremdenfeindlichen Hintergrund. Bei den NSU-Morden dominierte eine andere – und wie man heute weiß, falsche – Hypothese die Arbeit der Polizei.

Es handelte sich beim „Lasermann“ um einen Einzeltäter ohne Anbindung an den organisierten Rechtsextremismus. Darin muss ein grundlegender Unterschied zu der rechtsterroristischen Zelle in Deutschland gesehen werden. Die schwedischen Behörden kamen auf Ausonius als Täter letztendlich nur dadurch, weil der bei seinen Mordabsichten häufig den gleichen Wagentyp nutzte und alle Halter eines solchen Fahrzeuges überprüft wurden. Am 12. Juni 1992 wurde Ausonius nach einem Banküberfall verhaftet und am 14. Januar 1994 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

 

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