von Julian Barlen
   

Making of "Storch Heinar" - Der Erfolg hat viele Mütter und Väter

Das politische Satire- und Klamottenprojekt Storch Heinar hat 2010 einen historischen Sieg gegen die in rechtsextremen Kreisen beliebte Modemarke »Thor Steinar« errungen. Vorausgegangen war eine Aufsehen erregende Klage gegen Storch Heinar des in der Neonazi-Szene als Erkennungszeichen genutzten Bekleidungslabels der brandenburgischen Mediatex GmbH.

Am Anfang stand dabei nicht etwa die kollektive Erleuchtung der beteiligten Akteure aus den Reihen der Jusos und der SPD M-V. »Im Zusammenhang mit dem im Jahr 2007 eröffneten Nazi-Laden in der Rostocker Innenstadt haben wir zunehmend darüber diskutiert, ob man diesem Geschehen nicht besser auf ganz neue Weise begegnen sollte – zum Beispiel einfach durch Gründung einer eigenen satirischen Modemarke«, so Mathias Brodkorb, einer der Storchenväter.

In vino veritas?

Eine von Brodkorb zur Verfeinerung der fixen Idee im Sommer 2008 einberufene Rotwein-Runde zeigte sich denn auch sogleich begeistert und sicherte tatkräftige Unterstützung zu. Anfangs ging es vor allem darum, Risikokapital für die Unternehmung einzusammeln. Mit am Tisch saßen u.a. der ehemalige Leiter des Rostocker Amtes für Jugend, Georg Horcher, dessen Frau Annette Gork sowie der Rostocker AWO-Geschäftsführer Sven Klüsener. »Betrunken waren wir aber nicht«, versichert Brodkorb.

Davon will Sven Klüsener als eigentlicher Schöpfer des Namens des Modelabels »Storch Heinar« allerdings nichts wissen und betreibt stattdessen bis heute lieber Geschichtsrevisionismus: »Ich bestreite energisch, nicht betrunken gewesen zu sein!« Storch Heinar also. Gelächter. Noch einmal Gelächter und wenige Tage später der gemeinsame Beschluss, den Klamottenstorch als echte satirische Marke gegen Rechtsextremismus auf den Markt zu bringen.

Der lustige Name alleine reichte hierfür natürlich nicht. »Sofort hat sich die Kreativrunde wieder getroffen – dieses Mal vergrößert um weitere interessierte MitstreiterInnen«, erinnert sich Bordkorb. Fortan also mit von der Partie die »Endstation Rechts.«-Mitbegründer Robert Patejdl und Julian Barlen sowie Franziska Schneider, Samuel Fink und Claudia Naujoks.

Zunächst ging es darum, »Fleisch an das Gerippe« der Idee Storch Heinar zu bekommen. Nach und nach entstanden aus Franziska Schneiders Feder erste Zeichnungen und Grundlayouts der Figur und weiterer Charaktere – übrigens stets unter der Fachaufsicht des Demener Bürgermeisters Thomas Schwarz. Dessen Vorliebe für‘s Militärische sicherte eine detailgetreue Nachbildung der historischen Vorbilder. Mathias Brodkorb betätigte sich derweil als T-Shirt-Designer und verarbeitete die gesammelten Ideen zu unzähligen Shirt-Motiven – alle mit dem Ziel, Neonazis mittels humorvoller Bezüge zur nationalsozialistischen Ästhetik ordentlich zu verhöhnen.

„Die Idee für eine leistungsfähige Vertriebsstruktur für Storch Heinar lieferte uns dann ausgerechnet das rechtskonservative Bekleidungsprojekt 'Reconquista'. Bevor es aufgrund einer – sagen wir mal – politischen Teufelsaustreibung wieder eingestellt wurde, konnte man bei 'Reconquista' pointierte Shirts mit politischer Botschaft online erwerben. Die Produkte wurden anschließend von der Firma 'Spreadshirt' hergestellt und auch direkt versandt. Eine ideale Lösung für maximalen T-Shirt-Spaß ohne eigene Produktion, Lagerhaltung und Versandproblematik also“, so Brodkorb. „Seitdem produziert Storch Heinar ebenfalls bei 'Spreadshirt' – ein kleiner Treppenwitz der Geschichte.“

Parallel zum virtuellen Kaufmannsladen entstand in zahlreichen literarischen Exzessen von Robert Patejdl eine immer facettenreichere Rahmengeschichte der 18 Episoden von Storch Heinars selbst gefälschtem Tagebuch. Nach erfolgreicher Suche nach einer geeigneten Stimme für Storch Heinar produzierten Julian Barlen und Robert Patejdl im Laufe des Jahres 2009 in Kooperation mit dem lokalen Rostocker Radiosender LOHRO einen eigenen Storch Heinar Podcast. In 18 Ausgaben begrüßte fortan Storch Heinar alias Samuel Fink aus Dresden die treuen Hörerinnen und Hörer im feinsten sächsischen Dialekt mit einem dreifachen »Bügelfalten hart wie Kruppstahl«.

Wenige Monate nach Eröffnung des Kaufmannsladens gab es plötzlich Post von der Gegenseite, wenig später wurde Klage beim Landgericht Nürnberg-Fürth eingereicht. Es sollte um einen Streitwert von zunächst 100.000 Euro gehen. Dass in Anbetracht dieser für ein Ehrenamtsprojekt Schwindel erregenden Summe letztlich mit wehenden Fahnen in die juristische Auseinandersetzung gegen »Thor Steinar« gezogen wurde, ist nicht zuletzt der Zusage des SPD-Vorsitzenden und Ministerpräsidenten Erwin Sellering zu verdanken, das Projekt nicht im Regen stehen zu lassen. Im Sommer 2010 konnte der Prozess schließlich mit einem sagenhaften Medienecho gewonnen werden.

Mit Storchkraft in den Wahlkampf

Anstatt sich erstmal ausgiebig auszuruhen, gingen sofort die Vorbereitungen für die Fortsetzung und inhaltliche Erweiterung der Kampagne »Storch Heinar« los. Heinar hatte etwas bewirkt bei den Menschen – soviel war klar. Also wurde umgehend der Bau eines bespielbaren Maskottchens in Auftrag gegeben und Storch Heinar so in die dritte Dimension befördert.

»Ich werde nicht tatenlos dabei zusehen, wie die lächerlichen Modeopfer von der NPD versuchen, sich 2011 wieder Sitze in deutschen Landtagen zu ergaunern«, erklärte Storch Heinar mit grimmigem Blick nach der ersten Anprobe seiner neuen Hülle. »Ich höchstpersönlich werde bei der Landtagswahl 2011 in Meck-Pomm erstmals antreten und den braunen Brüdern ordentlich zeigen, wo Thors Hammer hängt.«

Der Feind erzitterte schon beim bloßen Gedanken an den stylischen Kontrahenten. Eine bislang streng geheime Wahlkampf-Wunderwaffe sickerte sogleich aus dem Planungsstab durch. Storch Heinar werde der Konkurrenz ab 2011 nicht nur modisch, sondern nun auch musikalisch zu Leibe rücken: mit Storch Heinars großem »Storchkraft statt NPD«-Bandcontest 2011 mitsamt eigener Band, schmissigen Medleys beliebter Märsche, einer Bühnenshow der Extraklasse und allem Drum und Dran.

Und das Beste an der ganzen Sache: Die Finanzierung dieser Anti-NPD-Kampagne verdanken Storch Heinar und seine Macher der Klage der Mediatex GmbH. Udo Pastörs kann sich bedanken!

Dieser Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung von horizonte übernommen.

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