von Tim Schulz
   

Magdeburg: Trauermarsch-Comeback gescheitert

Einst ein wichtiger Szenetermin, schlief das rechtsextreme „Bombengedenken“ in Magdeburg in den letzten Jahren mehr und mehr ein. Am Samstag mobilisierten erneut Neonazis in die Landeshauptstadt – mit geringem Erfolg, nur etwa 150 Personen beteiligten sich. Gegen das gefloppte Comeback des Aufmarschs protestieren diverse Initiativen. Mehrere Blockadeversuche blieben erfolglos.

Das Trauermarsch-Comeback scheiterte, Foto: Tim Mönch

„Es kommt nicht darauf an, wie viele wir sind […]“ - der Redner auf der Zwischenkundgebung des „Trauermarsches“ macht sich anscheinend wenig vor. Beobachter befürchteten durch die Neuauflage eine Art Revival des rechtsextremen Happenings, Teilnehmerzahlen im oberen dreistelligen Bereich und ein öffentlichkeitswirksamer Marsch durch die Innenstadt wurden erwartet. Vor allem ein rechter Fackelmarsch im vergangenen November mit mehreren hundert Teilnehmern dürfte die Erwartung nach oben gedrückt haben.

Neuer Tiefpunkt?

Aber es sollte anders kommen. Nur etwa 150 Neonazis aus der regionalen Kameradschaftsszene zog es am Samstag nach Magdeburg: Personen aus dem Umfeld der ehemaligen Kameradschaft „Festungsstadt Magdeburg“, aber auch Rechtsextreme aus Brandenburg, Ost- und Mittelsachsen, dazu Kader lokaler Parteistrukturen wie der Magdeburger NPD-Chef Gustav Haenschke. Eine Gruppe aus dem Umfeld von Die Rechte tat sich gegenüber Pressevertretern und Gegendemonstranten derweil als besonders aggressiv hervor. Nach einigem Taktikspielen und versuchten Täuschungsmanövern setzten sich die rechtsextremen Demonstranten in Bewegung und marschierten die kilometerlange Route Richtung Magdeburger Westfriedhof teils durch leerstehende Gewerbegebiete.

Neonazi-Trauermarsch Magdeburg

Organisiert wurde der Marsch wie schon in den Jahren 2015 und 2016 aus dem Umfeld von „Magida“. Der deutlich radikalere Pegida-Ableger war von Beginn an fest mit lokalen Neonazistrukturen verbunden. NPD-Kader wie Ex-Landeschef Peter Walde oder Sigrid Schüßler traten auf den Aufmärschen Anfang 2015 auf, dutzende Neonazis und rechtsextreme Hooligans mischten sich unter die Wutbürger. Auch Kernfiguren wie Magida-Chef Dennis Rosner und Matthias Fischer gelten als bekannte Gesichter der lokalen Neonazi-Szene.

Doch wie auch in Dresden verebten die „Spaziergänge“ bald und interne Konflikte plagten das Orga-Team. Heute tritt die Gruppe unter dem Namen „Magida 2.0“ oder „Bürgerinitiative Magdeburg“ auf. Auch die neue Fassade für die rechtsextremen Gedenkmärsche „Ehrenhaftes Gedenken Magdeburg“ wird dem Magida-Umfeld zugeschrieben.

Heute Magida, früher JN

In der Vergangenheit organisierten JN-Kader um den ehemaligen Bundesvorsitzenden Andy Knape den Trauermarsch. Unterstützt wurde die „Intiative gegen das Vergessen“ dabei von Kameradschaften aus der Umgebung. Neben den Aufmärschen in Dresden entwickelte sich Magdeburgs „Trauermarsch“ zu einem der größten Demo-Termine. Bis zu 1.200 Neonazis nahmen zeitweise teil. Die NPD-Akteure zogen sich in den letzten Jahren allerdings zurück, die Aufzüge schrumpften nach vereinzelten Mobilisierungserfolgen unter der Führung von Magida stark ein, fielen wie in den Jahren 2017 und 2018 ganz aus. 2014 sorgte der Aufmarsch nochmals für Aufsehen, vor allem weil ein AfD-Funktionär einen Werbeflug mit geschichtsrevisionistischem Slogan mitfinanziert haben soll.

Auch in diesem Jahr übernahmen Magida-Kader leitende Positionen beim Aufmarsch: Rosner etwa trat als Versammlungsleiter auf, Matthias Fischer wies den Ordnerdienst des Aufmarsches an. Relevante JN-Kader blieben der Veranstaltung dagegen fern.

Blockaden blieben erfolglos

Gegen den Aufmarsch mobilisierte unter anderem das Bündnis „BlockMD“. Diverse Aktionen und Kundgebungen verschiedener Intiativen, Parteien und Kirchenvertreter fanden über das gesamte Stadtgebiet verteilt statt. Nicht ohne Grund: Bis kurz vor Beginn der rechtsextremen Demonstration war die genaue Marschroute unbekannt.

Zwei Blockadeversuche entlang der Marschroute blieben weitestgehend erfolglos und konnten den Marsch nur wenig verzögern. Aufgrund der geringen Größe der Sitzblockaden konnte der Aufmarsch daran vorbei geleitet werden. Am Gedenkort auf dem Westfriedhof störten einige Dutzend Gegendemonstranten die Kranzniederlegung der Rechtsextremisten, die unter Polizeischutz stattfand. Dabei kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Polizeibeamten und Protestierenden.

Nach der Auflösung des Demonstrationszuges bedrängten anscheinend mehrere Neonazis abreisende Pressevertreter und Gegendemonstranten am Magdeburger Hauptbahnhof. Die Betroffenen konnten flüchten.

Angriff auf Neonazis in Roßlau

In Roßlau wurden zudem vier Neonazis, die zuvor am Aufmarsch in Magdeburg teilgenommen haben, von mehreren Unbekannten angegriffen. Die Rechtsextremen wurden unbestätigten Meldungen zufolge teils schwer verletzt und seien in stationärer Behandlung. Die rechte Szene reagierte mit Demoaufrufen: Neonazi-Kader Dieter Riefling und Andere mobilisierten für eine Spontankundgebung in der Stadt, die zur Zeit stattfindet. Über 100 Neonazis sollen vor Ort sein.  

Kommentare(1)

Dennis Donnerstag, 24.Januar 2019, 11:52 Uhr:
"Nur etwa 150 Neonazis aus der regionalen Kameradschaftsszene zog es am Samstag nach Magdeburg..."

Einerseits schön, dass es nicht mehr waren, auf der anderen Seite sind das immer noch 150 Nazis zu viel. Niemand braucht solche unbelehrbaren Geschichtsverdreher.
 

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