„Macher“ im Neonazi-Netzwerk

Die umfangreiche Briefkorrespondenz von Uwe Mundlos offenbart ein neues Bild des NSU-Terroristen. Der war nicht nur militanter Kameradschaftsaktivist aus Jena, sondern verfügte bereits vor dem Abtauchen des Trios über bundesweiten Einfluss.

Mittwoch, 22. Mai 2013
Andrea Röpke

„Der Böhnhardt und Mundlos, das waren Macher, Ideengeber, sie hatten Tatendrang“, sagte einer der Angeklagten im NSU-Terrorverfahren vor den Ermittlern aus. Holger G. aus Lauenau bei Hannover ist geständig, er kannte Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe bereits bestens vor ihrer Zeit im Untergrund. Als treuer politischer Paladin gehörte er der Kameraden-Kette zur Waffenbeschaffung an. Auch Ulrike P., zählte damals zur Kameradschaft in Jena, sie erinnert sich: Mundlos sei „geistreich und witzig“ gewesen. Als sie ihn näher kennen lernte, kam er ihr radikal vor. Er habe eine dominante Art gehabt und sei der „Macher“ in der Gruppe gewesen.

Tatsächlich belegt der bereits bei der Flucht Ende Januar 1998 vom LKA in Thüringen beschlagnahmte Briefverkehr des späteren rassistisch motivierten Mörders, dass der gelernte Datenverkehrskaufmann und angehende Abiturient bereits Mitte der 1990er Jahre über ein bundesweites Netzwerk an Kontakten verfügte. Immer wieder bezeichnen ihn Kameraden auch als „Intellektuellen“ der Szene.

Starker Einfluss durch politische Mentoren

Spannend sind vor allem Hinweise darauf, dass Mundlos in den ersten Jahren politische Mentoren hatte, die ihm Tor und Tür innerhalb der militanten Szene öffneten. Darunter Thomas S., stellvertretender Chef von „Blood&Honour“ in Chemnitz und langjähriger V-Mann des Berliner Landeskriminalamtes. Bisher war bekannt, dass S. dem Trio den Sprengstoff für ihre Bombenattrappen besorgt und ihnen Unterschlupfmöglichkeiten besorgt hatte. Zeitweilig war er mit Zschäpe liiert. Jetzt zeigt sich, dass der damals sehr bedeutende sächsische Neonazi bereits während seiner Haftzeit in der Justizvollzugsanstalt Waldheim starken politischen Einfluss auf Mundlos ausgeübt haben muss. S. las viel, galt als „ideologisch sehr gefestigt“ und verfügte nach eigenen Angaben über ein Kontaktnetz von 80 Personen auch im Ausland. Er brachte dem Jüngeren nicht nur die Betreuung von inhaftierten Kameraden nahe, sondern wählte auch einige „vertrauenswürdige“ Ansprechpartner direkt aus und empfahl sich als „Bürgen“. Er empfahl Mundlos die Lektüre von Verfassungsschutzberichten und wählte interessante Gruppierungen für die weitere Kontaktaufnahme aus.

Der  spätere Spitzel Thomas S. schrieb bereits 1996  „einige Sachen“ für die Knast-Zeitung „Der Weisse Wolf“. Dieser Untergrund-Zeitung ließ die Terrororganisation „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) später eine 2500 Euro-Spende zukommen. Kein Zufall, wie sich immer mehr herausstellt. Auch zu einer der wichtigsten Mitarbeiterinnen der 2011 verbotenenen „Hilfsorganisation für nationale Gefangene und deren Angehörige“ (HNG) hatte Mundlos früh intensiven Briefkontakt, Sylvia Endres. Die junge engagierte Frau stand auch in der Telefonliste von Mundlos, die nach der Flucht fahrlässigerweise lange in der Asservatenkammer des LKA Thüringen verstaubte. Über seinen Mentor S. und über Endres, die den als  Kopf der konspirativen Gefängnis-Zeitung geltenden Maik Fischer heiratete, könnte Mundlos auf den „Weissen Wolf“ aufmerksam geworden sein.

Bewährte alte Kontakte zum Knast-Untergrund

Ab 2002 zeichnete der jetzige NPD-Landtagsabgeordnete David Petereit aus Mecklenburg-Vorpommern für den „Weissen Wolf“ verantwortlich. In der ersten Ausgabe des Jahres 2002 hieß es dann auch im Vorwort: „Vielen Dank an den NSU, es hat Früchte getragen. Der Kampf geht weiter…“.  Auch Falko P. aus dem thüringischen Eichsfeld stand in Kontakt zur HNG und war zeitweilig mitverantwortlich für den „Weissen Wolf“.  Mundlos führte ihn ebenfalls in seiner persönlichen Telefonliste. Ebenso wie das Jenaer Trio sich bei der Flucht auf die geheimen Helferseilschaften von „Blood & Honour“ verließ, griff es scheinbar nach der Gründung des NSU und Tausender erbeuteter Euro wieder zurück auf bewährte alte Kontakte zum Knast-Untergrund. 

Ein weiterer befreundeter Straftäter aus Chemnitz kümmerte sich ebenfalls während seiner fünfjährigen Haft um die Politisierung von Mundlos, machte ihm Kontakte und schickte ihm zum Beispiel die Telefonnummer des „Nationalen Infotelefons Rheinland“. 2012 gab er zu Protokoll, Mundlos habe ihm angeblich im Herbst 1998, einige Monate nach ihrer Flucht, eine Karte aus der ungarischen Hauptstadt Budapest mit der kurzen Mitteilung geschrieben, er würde die drei nicht mehr sehen.

Bereits 1996 tauschten sich einige einsitzende Neonazi-Drahtzieher aus dem Bundesgebiet über Probleme bei der überparteilichen Vernetzung, Spitzel, autonome Kleingruppen und das Ziel einer „nationalen Einigung aller Deutschen Rechtsparteien“ auch mit Mundlos aus. Der machte nebenher deutlich, dass er ein „Anliegen betreffend RA Rieger“ habe.

Fanzine dankt „Gönnern und Finanzierern“

Der bekannte Hamburger NPD-Politiker Jürgen Rieger, 2009 verstorben, zählte zum „Deutschen Rechtsbüro“ wie auch zur „Nordischen Zeitung“. Diese und weitere acht rechtsextreme Publikationen und Organisationen schrieb Mundlos später handschriftlich auf einen Notizzettel im Zwickauer Unterschlupf. Aufgezählt waren: „HNG, Dt. Rechtsbüro, UN, Nordische Zeitung, Weiße Wolf, Der Förderturm, Der Landser, Foiersturm, Nation Europa, Fahnenträger“.  Die Ermittler des BKA vermuten, dass nicht nur „Der Weisse Wolf“ und der „Fahnenträger“ Spenden von der räuberischen Terror-Truppe NSU erhielten, sondern womöglich auch die aufgeführten Gruppen, denen der Jenaer Neonazi schon früher nahe stand.

„Landser“ war ein ab 1998 erschienenes Fanzine aus Nürnberg. Im Impressum der Ausgaben 7 und 8 stand Matthias Fischer, auch dessen Name führte Mundlos in seiner Telefonliste. Im Nachwort der Ausgabe 7 wurde ein Dank an die „Gönner und  Finanzierer“ der Zeitschrift ausgesprochen – ob damit der NSU gemeint ist, ist unklar. Fischer war neben Mundlos auch mit der mutmaßlichen Fluchthelferin Mandy S. aus dem Erzgebirge und dem mutmaßlichen Waffenbeschaffer Ralf Wohlleben bekannt. Die junge Neonazistin, deren Identität Beate Zschäpe auch nutzte, verfasste 2001 einen Artikel für den „Landser“. Auch zur Publikation „Nation Europa“ in Coburg gab es Verbindungen, dort arbeitete zeitweilig der einstige, enge politische Gefährte des Trios und V-Mann Tino Brandt. Der „Nation Europa“-Mitherausgeber soll kurz nach der Flucht mit einer größeren Summe Geldes ausgeholfen haben.

Umtriebiger Vielschreiber mit Rechtschreibschwäche

Alles also keine zufälligen Bekanntschaften, sondern vertraute Neonazi-Kreise, auf die Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos im Untergrund zurückkamen. In ihrem „NSU-Brief“ forderten die Neonazi-Terroristen zum Mitmachen und zur Solidarität auf. Es ist anzunehmen, dass sie sich als elitär-terroristische Avantgarde einer rasstischen „Bewegung“ betrachteten.

Die in den 1990er Jahren sehr aktive braune Knastbetreuerin Endres schien viel von Mundlos, dem „lieben Uwe“ zu halten. 1997 bedankte sie sich überschwänglich bei dem umtriebigen Vielschreiber mit Rechtschreibschwäche. Die Beamten glauben heute, dass er sich dieser Neigung bewusst war und sich daher entschloss, Bekennerschreiben wie den „NSU-Brief“ vorsichtshalber ganz in Großschreibung zu halten. Auch waren seine Briefe in die diversen Justizvollzugsanstalten niemals handschriftlich geschrieben. Intellektuell wurde Mundlos nicht nur von Endres geschätzt. Sie zeigte sich „heilfroh“, ihm Unterlagen und Textentwürfe von Kameraden zum Überprüfen geben zu können, die Mundlos „doll überarbeitet“ hätte. Sie bat ihn inständig, auch noch den „Rest“ zu verbessern.

Mundlos fuhr nach Nürnberg zu einem Treffen vom „Volksbund Deutsches Reich“, besuchte im niederländischen Eindhoven ein Metal-Konzert, traf die Magdeburger, Ludwigsburger und Rostocker Kameraden. Im Sommer 1995 fuhr eine Gruppe Jenaer Neonazis zunächst in die Hansestadt an der Ostseee. Mundlos schwärmte von einem „billigen Waffenladen“ in Rostock, „wo wir uns erst mal alle wieder aufrüsteten.“ Danach sei man gemeinsam mit Mecklenburger Kameraden nach „Pilzen (CSSR)“ gefahren. In Tschechien besorgte sich der Jenaer, eigenen Angaben zufolge, Gasflaschen für seine Pistole, während „Beate, Böhni und Ralf gleich noch Zigaretten“ kauften. 1991 reiste Mundlos über Rumänien nach Bulgarien, ab 1993 immer wieder nach Tschechien. Einmal gelang eine Überfahrt über die Ostsee nach Dänemark nicht, weil sie ein Fährbetreiber nicht an Bord lassen wollte. 

In seinen Briefen erzählt Mundlos demnach auch unpolitische Episoden, berichtet davon,  als ihm die Kameraden, darunter Beate, Böhni und „Kapki“ zur „Schuleinführung“ in das Illmenau-Kolleg eine „richtig hässliche Zuckertüte“ schenkten.

Neue Ermittlungen im Mordfall von 1992 aufgenommen

Über seine Gönner wie S. und Endres könnte Mundlos dann auch in den illustren Kreis eines „National Politischen Forums“ (NPF) gekommen sein. Mit der geplanten Vereinsgründung ging ein Programmentwurf und das Logo mit dem Umriss des „Großdeutschen Reiches“ herum. Neben Mundlos wurden den Behörden mutmaßliche Personen aus dem Umfeld der beabsichtigten Initiative bekannt, unter anderem der berüchtigte US-Neonazi Tom Metzger, Frank Schwerdt, Sascha Wagner, Dieter Riefling sowie ein Marcel aus Dänemark. Bei ihm könnte es sich um den bekannten, 2001 verstorbenen „Blood&Honour“-Drahtzieher Marcel Schilf gehandelt haben.

Bestand tatsächlich ein Kontakt zwischen Schilf und Mundlos, dann könnte es spannend werden. Denn die Polizei in Dänemark hat jüngsten Medienberichten zufolge neue Ermittlungen in einem Mordfall aufgenommen. Ein Aussteiger hatte dem „Ekstra Bladet“ berichtet, dass Schilf ihm gegenüber die Verantwortung für das Attentat auf den 1992 mit einer Briefbombe getöteten Antifaschisten Henrik Christensen übernommen habe. Der verstorbene „Blood&Honour“-Anführer habe innerhalb eines Kreises von Vertrauten im Jahr 2000 Andeutungen dazu gemacht. Unter den Zuhörern soll auch ein deutscher Neonazi gewesen sein, der als äußerst militant gilt und sich heute mit dem neuen Projekt „Gefangenenhilfe ‚Freundeskreis’ “ ausgerechnet auch für die inhaftierten Kameraden aus dem Umfeld der Terrorzelle NSU stark macht.

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