Luxus-Urlaub im Nazi-Ferienlager

Die Nachfrage nach Ferienwohnungen im ehemaligen Nazi-Ferienlager Prora auf Rügen übertrifft alle Erwartungen. Von den 29 im Teil „Aurum“ entstehenden Unterkünften haben bereits 23 neue Besitzer gefunden, der Verkauf weiterer Apartments im nächsten Bauabschnitt ist angelaufen. Dabei lässt der neue Name „Meeressinfonie“ kaum einen Rückschluss auf die braune Vergangenheit des Gebäudekomplexes zu.

Sonntag, 09. Juni 2013
Marc Brandstetter
Luxus-Urlaub im Nazi-Ferienlager
 
„Geschichte zum Anfassen“. Der Slogan, mit dem die „Prora Haus Wismar GmbH & Co. KG“ ihr Projekt auf der Insel Rügen bewirbt, klingt wenig originell. Und trotzdem könnte er kaum passender gewählt werden, wenn auch die tatsächlichen Hintergründe zumindest auf der offiziellen Webseite keine Erwähung finden.

Die Ferienwohnungen der Berliner Firma entstehen nämlich in einem ehemaligen Nazi-Erholungslager, Gruselfaktor inklusive. Das Seebad Prora auf Rügen war Teil der nationalsozialistischen Sozialpolitik, zu der auch die "Kraft durch Freude"-Kreuzfahrtschiffe gehörten. Die Ausmaße der Anlage sind gigantisch: Geplant für 20.000 Urlauber, misst der Gebäudekomplex rund 4,5 km. Seinen Betrieb nahm das NS-Prestigeobjekt allerdings nie auf. Während des Krieges diente es aus Ausbildungsstätte für Luftwaffenhelferinnen und für Polizisten. Ab 1944 brachte die Wehrmacht in den Gebäude Verwundete unter, außerdem fanden hier zahlreichen Flüchtlinge vor der heranrückenden Roten Armee Unterschlupf. 

Die DDR nutzte das Areal als Kaserne für ihre Streitkräfte. Für die Bevölkerung war der Bereich direkt am Ostseestrand nicht zugänglich, die Staatsführung hatte es als „Sperrgebiet“ ausgewiesen. Trotzdem urlaubten im südlichen Teil des Seebades Prora die Menschen weiter, wenn auch nur NVA-Angehörige oder die Grenztruppen mit ihren Familien. Nach der Wende übernahm die Bundeswehr den riesigen Komplex, sie blieb bis 1992. Danach prägte Leerstand den NS-Beton-Chic. Ab 2004 begann der Bund, die verschiedenen Gebäudeteile zu verkaufen, was rund 3,5 Millionen Euro in die Staatskasse spülte. 

Im Juli 2011 eröffnete eine moderne Jugendherberge in dem einstigen Nazi-Gebäude zwischen Sasnitz und Binz – der erste Schritt zur weiteren touristischen Nutzung der Anlage. In „Binzprora“ entstehen in verschiedenen Gebäuden „in perfekter Lage, eingebettet zwischen weißem Sandstrand, Dünen und Kiefernwäldern“ (Werbetext) Appartmenthäuser mit bis zu 29 Wohneinheiten. Im ersten Bauabschnitt „Aurum“ sind bereits 23 davon vergriffen, zwei Musterwohnungen laden zur Besichtigung ein. Die Nachfrage ist so hoch, dass mit dem Verkauf weiterer Urlaubsunterkünfte im Teil „Verando“ begonnen wurde. Die Preise für eine 42 qm-Wohnung beginnen bei knapp 123.000 Euro, wer im Obergeschoss 90qm sein Eigen nennen möchte, muss 323.000 Euro auf den Tisch legen. Ende des Jahres werden die ersten Urlauber in dem ehemaligen Nazi-Großprojekt erwartet.

Die braune Vergangenheit des Propagandaprojektes scheint dafür nicht hinderlich zu sein, zumal die Investoren diese kaum erwähnenswert finden. Schließlich sollte mit dem „Kraft durch Freude“-Programm die Bevölkerung nicht nur bei Laune gehalten, sondern auch ideologisch gestählt werden. Hinter einem unverfänglichen Namen wie „Meeressinfonie“ lassen sich derartige Manipulationsinstrumente trefflich verbergen.

Foto: Dr. Schorch, Lizenz: CC
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