Looking for Europe – Neofolk und Hintergründe

Ein nicht unumstrittener Band über die Protagonisten des Neofolk-Musikstils.

Donnerstag, 27. Oktober 2005
Michael Klarmann

Mitte bis Ende der 1990er Jahre sorgten Berichte für Aufsehen, die sich faschistoiden Inhalten im Musikstil Neofolk widmeten. Die Band „Death In June“ hat etwa eine Faible für die SA, nutzt als Bandlogo den SS-Totenkopf und tritt in an SS-Uniformen erinnernden Militärschick auf. Andere Musiker verwenden Runen oder die „Schwarze Sonne“, das Bodenmosaik in der früheren SS-Ordensburg Wewelsburg. Für die konservativen bis faschistischen Vordenker Ernst Jünger und Julius Evola, aber auch für den rumänischen Faschistenführer Corneliu Zelea Codreanu erschienen Tribut-Sampler. Ein Neonazi wollte und will indes niemand aus diesem Spektrum sein, die Freiheit der Kunst wird hingegen betont.
Mit dem Buch „Looking for Europe“ hat das Autorenduo Andreas Diesel und Dieter Gerten versucht, Licht in jenes Dunkel des auch als Apokalyptic Folk bekannten Genres zu bringen. Die Musik umschreibt die Szene selbst mit Begriffen wie „esoterischer Untergrund“, „okkulturelle Musik“, „urwüchsige Klänge“ oder „naturbezogener Folk“. Inhaltlich geht es um Heidentum, Antikapitalismus und -modernismus, Sozialdarwinismus, „nordische“ Mythologie, Soldatentum, Untergangsstimmung und Eurozentrismus. Der Journalist Andreas Speit hat im Jahr 2002 als Herausgeber des Buches „Ästhetische Mobilmachung. Dark Wave, Neofolk und Industrial im Spannungsfeld rechter Ideologien“ jene Szene kritisch betrachtet.

Anders die Autoren Diesel und Gerten, die aus dem Szene-Umfeld kommen und deren Buch, das seit Ende Oktober erhältlich ist, sich fast wie eine über 500 Seiten lange Gegendarstellung an die Kritiker liest. Und dennoch: wer sich mit jenen Zirkeln beschäftigen will oder muss, dem liegt nun erstmals ein Nachschlagewerk mit Bildmaterial, Personenregister und einem Lexika-ähnlichem Teil zu den Musikern, Bands und Projekten vor. Das letzte Drittel des Buches widmet sich überdies der Diskussion um die „Verherrlichung“ (Kritiker) oder aber das „Aufdecken“ mit künstlerischen Mitteln (Musiker) der Gräuel und Mechanismen NS-Deutschlands. Und auch wenn Diesel und Gerten sich bemühen, jenen zuweilen rational nicht greifbaren Mix aus Esoterik und Verschwörungstheorien strukturiert darzustellen – die Vorwürfe der Kritiker werden leider oft nur angerissen. Hier bleiben die Autoren, auch wenn sie hie und da selbst Kritik an einigen Protagonisten des Neofolk äußern, zu vage.

Die Neofolk-Zirkel sehen sich als eine Art Elite, die sich mit spirituellen und umstrittenen Themen beschäftigen dürfe und „natürlich“ etwas gegen Rechtsextremisten und pöbelhafte Stiefelnazis habe. Diese Nähe zur Konservativen Revolution respektive den Frei- und Querdenkern der Neuen Rechten scheint Diesel und Gerten nicht sonderlich zu stören. Auch der derzeitige Herausgeber der Musik- und Kulturzeitschrift „Zinnober“, Dominik Tischleder, sieht keine Probleme darin, dass Autoren des Rechtsblattes „Junge Freiheit“ für ihn schreiben. Tischleder ängstigt viel mehr ein „Verwischen (...) der Grenzen“ zwischen „diesem tölpelhaften braunen Bereich“, nämlich dem Publikum des rechtsextremen Liedermachers Frank Rennicke, und den hehren Zirkeln des Neofolks.

Die beiden Autoren von „Looking for Europe“ zitieren den Kopf der US-Band „Blood Axis“, Michael Moynihan bezüglich der Nutzung von Hakenkreuzen: „Ich weiß nicht, ob es wirklich möglich ist, es gänzlich zu \'rehabilitieren\', da es wegen der Ereignisse der Dreißiger und Vierziger nun ein so schweres Stigma trägt. (...) Das Hakenkreuz existiert seit vielen, vielen tausend Jahren und hatte immer Konnotationen der Heiligkeit, des Glücks und positiver Kräfte. Eine zwölfjährige Verbindung mit dem Dritten Reich löscht den Rest seiner Geschichte nicht aus, und ich weigere mich, Leuten zu glauben, die behaupten, dies sei der Fall.“ Moynihan hat, getreu seinem Motto vom Frei- und Querdenken, in seinem Verlag übrigens auch den Ariosophen Karl Maria Wiligut verlegt, damit andere „aus erster Hand (...) erfahren“ können, was der Antisemit damals so mitzuteilen hatte.

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