Leipziger Buchmesse: Die Neue Rechte zieht weiter

Auf den letzten Buchmessen sorgten Götz Kubitschek und sein Identitären-Dunstkreis regelmäßig für krawallartige Szenen. Eine enorme mediale Bühne für die Neue Rechte. Mittlerweile scheint das Aufregungspotential wohl aber abgegrast. Zurück bleiben die NPD und ein Graubereich aus Ultrakonservativen, christlichen Fundamentalisten und völkisch angehauchten Esoterikern, die auf der Literaturmesse ihre kruden Theorien verbreiten wollen.

Foto: Tim Mönch

In einem kleinen Vortragsraum in der hintersten Ecke des Leipziger Messegeländes fand eine der skurrilsten Veranstaltungen der diesjährigen Buchmesse statt: Diesmal waren dafür nicht die hippen Rechtsextremen der sogenannten Identitären Bewegung verantwortlich, sondern der NPD-nahe Verein "Europa Terra Nostra".

Auf Einladung der Stiftung sollten sich Nana Domena, ein Kölner Youtuber mit ghanaischen Wurzeln  und Stahlgewitter Gitarrist Frank Kraemer ein Streitgespräch über Nationalismus und Multikulturalismus liefern. Kraemer wollte gleichzeitig sein neues Buch "Werde unsterblich" präsentieren, das er bei Europa Terra Nostra veröffentlicht hat. Was folgte war eine halbe Stunde weichgespülter Nationalismus von Kraemer: Domena sei ein gut integrierter Vorzeigemigrant, der ihm mit Respekt begegne, weshalb er trotz seiner Abstammung nichts gegen ihn habe.

Domena wiederum zog das Publikum mit flachen Witzen über die eigene Hautfarbe auf seine Seite und begeisterte die Anwesenden mit der Aussage: "Ich kann nie deutsch werden". Was folgt sind rassistischen Behauptungen über nichtintegrierbare Migranten.

Rechtsrock-Gitarrist Frank Krämer bei der Vorstellung seines Buches, Foto. Tim Mönch

Zwar sprach Kraemer vor den etwa 70 Zuschauern auch von seiner Vorstellung einer relativ homogenen "Volksgemeinschaft", doch im Vergleich zu den Liedern seiner Band Stahlgewitter klang das fast noch harmlos. So heißt es beispielsweise im Lied "Auftrag deutsches Reich" viel eindeutiger: "Die Zeit ist reif, für uns und unser Deutsches Reich." Und so fanden sich im Publikum auch etliche einschlägig bekannte Neonazis wieder, wie etwa der NPD-Bundesvorsitzende Frank Franz, der kürzlich als Mitglied der "Weiße Wölfe Terrorcrew" verurteilte Andreas G. aus Bamberg oder David D., Leipziger Kader der rechtsextremen Kleinstpartei Der Dritte Weg. Der rechte Rand blieb unter sich. 

Neurechte Karawane längst weitergezogen 

Der große Eklat blieb aus. Nach dem medialen Spektakel der letzten Messen berichtete kaum ein Blatt mehr über die rechten Aussteller. Für die "Deutsche Stimme", die sich einen Stand mit "Europa Terra Nostra" teilte, blieb auch der diesjährige Branchentreff ohne größere Aufmerksamkeit: Nur vereinzelte Besucher verirrten sich an den Stand der rechtsextremen Partei und auch die Ankündigung der Neonazi-Partei Die Rechte vor der Messe gegen Zensur demonstrieren zu wollen, fruchtete kaum. Die Rechtsextremisten sagten die Aktion kurzerhand ab. Was die Selbstinszenierung angeht, steht die Alte der Neuen Rechten augenscheinlich in Einigem nach.

Aber auch die sogenannten Neuen Rechten schraubten ihre Präsenz auf der Literaturausstellung deutlich zurück: Götz Kubitscheks Antaios-Verlag, der auf den letzten Messen rechte Szenegänger, linke Gegenproteste und scharenweise Journalisten anzog, meldete keinen Stand an. Stattdessen hatte Kubitschek bereits vergangene Woche eine rechte Miniaturvariante der Buchmesse im identitären Hausprojekt in Halle organisiert. Unter dem Titel "Werkstatt Europa" trafen sich die Verlage "Manusciptum", "Jungeuropa" und "Renovamen" sowie "Antaios" und die Zeitschrift "Sezession", statt auf der Leipziger Buchmesse aufzutauchen.

Ebenso die Junge Freiheit und das Magazin Cato. Die Blätter, die ihre Zielgruppe eher im rechten Bildungsbürgertum sehen, waren Berichten zufolge zuletzt eher verstimmt von Kubitscheks kontroversen Protest-Inszenierungen. Keine der Zeitschriften mietete einen Stand in Leipzig. 

Identitäre, Compact und selbsternannte Sprachpfleger

Doch ganz ohne Auftritt der sogenannten Identitären Bewegung sollte auch die diesjährige Buchmesse nicht vorbeigehen: Am Samstag versuchte eine Gruppe um Alexander "Malenki" Kleine eine Podiumsdiskussion über den Umgang mit rechten Verlagen zu stören - wenig erfolgreich. Nach nicht einmal zwei Minuten waren die rechten Aktivisten wieder verschwunden, ohne großes Aufsehen zu erregen. 

Einzig das Compact-Magazin trat wieder mit einem prestigeträchtigen Stand auf. Auslagen mit dutzenden Ausgaben des Verschwörungsmagazins, ein Großbanner, das gut sichtbar Meter über den anderen Ständen thronte: Auf den teuren Messeflächen trumpfte Jürgen Elsässers Blatt deutlich auf. Kaum verwunderlich: Unter den neurechten Printmedien dürfte Compact eines der auflagenstärksten sein. Dabei bewegt es sich immer wieder im Grenzbereich zum Rechtsextremismus, versucht sich mit rassistischen und geschichtsrevisionistischen Aussagen als publizistische Abrissbirne der Szene zu inszenieren. Für die AfD fungiert Compact zudem immer wieder als verlängerter Arm im Wahlkampf.

Abseits davon traten auf der Messe auch einige Vereine und Kleinverlage auf, die sich irgendwo im ultrakonservativen Grenzbereich verorten lassen. Dass der Grad zwischen stark konservativen Ansichten und teils rechtsextremen Argumentationsmustern schmal sein kann, zeigt der "Verein für Sprachpflege": Als am Stand der Vereinigung gerade über die Bedrohung der deutschen Sprache referiert wurde, war schnell die Rede von "dunklen Mächten" und Meinungszensur.

Ein Besucher des Standes macht den Verantwortlichen für die vermeintliche Aushöhlung der deutschen Kultur in dem jüdischen US-Unternehmer George Soros aus - eine antisemitische Verschwörungstheorie, die besonders von neuen und alten Rechten kolportiert wird. In der Vereinszeitung "Deutsche Sprachwelt" wird in Beiträgen beklagt, dass rassistische Begriffe tabuisiert werden, Autoren und Leser arbeiten sich im Blatt über "Sprach-Stasi", "Gender-Unfug" und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ab.

Chefredakteur Thomas Paulwitz verfasste in der Vergangenheit nicht nur Artikel in der Jungen Freiheit und der ebenfalls der Neuen Rechten zugeordneten Preußischen Allgemeinen Zeitung, sondern referierte 2003 auch bei der rechtsextremen "Gesellschaft für Freie Publizistik". Einige Jahre danach distanzierte er sich von dem Auftritt. Die Wege von der Sprachpflege zum intellektuellen Rechtsextremismus erscheinen trotzdem kurz. 

Der "Verein für Sprachpflege" verteilte Anti-Gender-Aufkleber auf der Messe, Foto: Tim Mönch

Braune Esoterik

Besonders Anbieter esoterischer Literatur haben auf der Messe Konjunktur. Zwischen harmlosen Lebensratgebern oder Feng-Shui-Büchern findet man aber auch völkisches Gedankengut. Der "Silberschnur Verlag" hat neben Büchern zu Themen wie "Abnehmen durch Gedankenkraft", christlichen Liebesleitfäden und alternativen Krebstherapien auch die sogenannte Anastasia-Buchreihe im Angebot. Ursprünglich aus Russland stammend, hat sich aus der esoterischen Romanreihe "Die klingenden Zedern Russlands" eine Sekte mit Ablegern in mehreren osteuropäischen Ländern, der Schweiz und Deutschland entwickelt.

In den Büchern sind allerdings nicht nur romantische Ideen vom spirituellen Leben in der Natur beschrieben: Der schweizerischen Beratungsstelle "infoSekta" zufolge finden sich auch seitenlange antisemitische Passagen. Wladimir Megre, der Autor von "Anastasia" relativiere etwa den Holocaust als Notwehrhandlung und beschreibt eine vermeintlich jüdisch-okkulte Weltverschwörung. Unter den Anhängern Megres befinden sich mitunter prominente Rechtsextremisten wie der Rassenideologe Frank Willy Ludwig. Kaum überraschend: In völkischen Kreisen und der Reichsbürger-Szene erfreut sich die Buchreihe großer Beliebtheit. Aber auch in bürgerlichen Milieus verfängt die, auf den ersten Blick, harmlose Öko-Esoterik.

Verlage gegen Rechts

Um die verbliebenen rechten Verlage auf der Buchmesse nicht unwidersprochen zu lassen, hatten sich wie schon im vergangenen Jahr Verlage und Einzelpersonen zu der Initiative "#VerlagegegenRechts" zusammengetan. Gleich zu Messebeginn am Mittwoch fand unter dem Motto "Kein Regalmeter für Faschismus" eine Demonstration gegen die rechten Verlage statt.  Auf der Buchmesse selbst gab es mehrere Veranstaltungen, die einzelne Initiativen wie die "Queens against Borders" vorstellten oder sich mit dem Umgang mit rechten Ausstellern befassten. 

Foto: Tim Mönch

Für Empörung sorgte am Donnerstag das Verhalten einiger Security-Mitarbeiter, die einer Mitarbeiterin des Verlags "Edition Nautilus" untersagten, ihren #VerlagegegenRechts-Button auf dem Messegelände zu tragen. Die Buchmesse äußerte sich umgehend und gab an, dass es keine Vorgaben gegeben habe, das Material von #Verlagegegenrechts abzunehmen, doch bereits am Samstag berichtete eine weitere Person, dass ein Aufkleber von der Seenotrettungsorganisation "SeaWatch" konfisziert worden sei, während Personen in rechter Szene-Bekleidung passieren durften. 

Dass die Messeleitung aber auch gegen rechte Akteure durchgreifen kann, zeigte sie beim sogenannten "Volkslehrer" Nikolai Nerling. Nachdem der rechtsextreme YouTuber wiederholt nichtrechte Veranstaltungen gestört hatte, wurde ihm nach mehrfacher Beschwerde Hausverbot ausgesprochen.

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