von Tim Mönch, Tim Schulz
   

Leipziger Buchmesse: Der gewollte Eklat

Die Buchmesse, die heute in Leipzig endet, stand schon im Vorfeld ganz im Zeichen der Präsenz rechter Akteure. Bekannte Publizisten der Neuen Rechten, Aktivisten der Identitären Bewegung sowie Personal der NPD präsentierten dort sich und ihre Werke. Durch die Mobilisierung verschiedener Gruppen gegen die rechte Raumergreifung kam es im Umfeld der rechten Messestände zu Protesten und Störaktionen.

Mehrfach kam es zu kleineren Störaktionen, hier während einer Lesung von Kubitschek: Foto: Christoph Hedtke

Weder der Stand von Götz Kubitscheks neurechtem Szeneverlag Antaios, noch der des Compact-Magazins, persönlich betreut durch Herausgeber Jürgen Elsässer, stießen in den ersten Messetagen auf übermäßiges Interesse. Kubitscheks Ansage, man wolle „diese zugewiesene Ecke tatsächlich zu unserer Ecke machen“ sollte sich vorerst bestätigen: Neben den Mitarbeitern der rechten Medienmacher dominierten vor allem offensiv auftretende Identitären-Kader aus dem gesamten Bundesgebiet, sowie eigens angeheuertes Sicherheitspersonal den abgelegenen Bereich in Messehalle 3. Die Interessenten beschränkten sich zunächst größtenteils auf Szenegänger, nicht genehme Gäste wurden demonstrativ abfotografiert.

Neue läuft Alter Rechten den Rang ab

NPD-Funktionäre, die gegenüber die Stiftung „Europa Terra Nostra“ und die Parteizeitung „Deutsche Stimme“ vertraten, wurden vom Publikum derweil völlig ignoriert. Trotz prominenten Gesichtern wie Parteichef Frank Franz und dem sächsischen Landesvorsitzenden Jens Baur, hielten nur vereinzelt Besucher bei den Rechtsextremen an. Selbst die Signierstunde mit Langzeit-Funktionär Udo Voigt lockte nur eine Handvoll Schaulustiger an. Dass sich währenddessen Publikum bei Antaios sammelte, ist bezeichnend für die Verhältnisse zwischen der Alten und Neuen Rechten.


Chefredakteur der „Deutschen Stimme“ und Ex-NPD-Chef Udo Voigt im Gespräch; Foto: Christoph Hedtke

Simultan dazu formierte sich eine Spontankundgebung durch linke Aktivisten. Ziel der Störung: eine Diskussion zwischen Kubitschek und Antaois-Autor Benedikt Kaiser. Während sich die Gänge rund um die Veranstaltung mit Sympathisanten beider Seiten füllten, drängten, im Sinne der Provokation, zunehmend Personen aus dem Umfeld der Identitären Bewegung in die Gegendemonstration.

Es folgten Rangeleien, Beleidigungen, Parolen. „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!“, skandierte ein Besucher des Compact-Standes. Zahlreiche rechte Aktivisten von IB bis ins Pegida-Umfeld filmten die Situation – der Eklat liefert die richtigen Bilder, soviel steht fest. Die Aufmerksamkeit, die die Buchmesse mit sich brachte, wollten auch bundesweit agierende Neonazis und Verschwörungstheoretiker wie Patrick Schröder, Gerhard Ittner und Sven Liebig für sich nutzen. Nikolai Nerling, in der Szene bekannt als „der Volkslehrer“, zeigte sich bereits zum Messeauftakt bei „Compact“. Die Grenzen zwischen den verschiedenen rechtsextremen Milieus verschwimmen zusehends.


Kader der Identitären durften auf der Buchmesse natürlich nicht fehlen, Foto: Christoph Hedtke

Ob die Neue Rechte auf der Leipziger Buchmesse nun erfolgreich Raum greifen konnte oder insgesamt doch ein Randphänomen blieb – darüber lässt sich streiten. Klar wird allerdings: Erneut konnten die rechten Aktivisten ein – an ihrer Zahl gemessen – enormes Medienecho erzeugen. Schon im Vorfeld überwogen die Schlagzeilen zur rechten Präsenz in der Berichterstattung zur Messe. Dazu kommt die rege Nutzung sozialer Medien, um die Diskussion nach den Ereignissen in ihrem Sinne zu lenken und zu verschieben. Erst die Eskalation liefert die richtige Bühne zur Selbstinszenierung, da überrascht die konzertierte Provokation durch Aktivposten der Identitären wenig.

Mit Rechten reden – das Ende des Diskurses?

Lohnt sich ein Dialog mit den neurechten Akteuren mehr, als gegen sie zu protestieren? Der Journalist Andreas Speit sieht das kritisch. Neurechte, allen voran Kubitschek, würden sich zwar öffentlich als Gesprächspartner anbieten, wirkliches Interesse an anderen Standpunkten, an Kompromissbildung bestünde aber nicht. „Unser Ziel ist nicht die Beteiligung am Diskurs, sondern sein Ende als Konsensform, nicht ein Mitreden, sondern eine andere Sprache, nicht der Stehplatz im Salon, sondern die Beendigung der Party“, so zitiert Speit den neurechten Vordenker. Kubitschek und seinem Umfeld noch mehr Platz einzuräumen, erscheint vor diesem Hintergrund nicht sinnvoll.


Jürgen Elsässer vom Compact-Magazin auf einem Podium mit Akif Pirinçci, Foto: Christoph Hedtke

Tatsächlich stehen im krassen Gegensatz zu der Selbstdarstellung als vernünftige Diskutanten, nicht nur das Auftreten des rechten Sicherheitspersonals, das Beobachtern zufolge wiederholt unliebsame Diskussionen am Compact-Stand unterband und Pressevertreter bedrängte. Auch die Störversuche von Identitären und Kubitschek selbst passen nicht in dieses Bild.

Zwischen Protest und Dialog einen Mittelweg zu finden, war ein Versuch der Initiative „Verlage gegen rechts“. Ziel sei es laut Mitinitiatorin Lisa Mangold gewesen, eine inhaltliche Beschäftigung mit der Neuen Rechten voranzutreiben, ohne deren Positionen mit Plätzen auf Podien zu legitimieren. Stattdessen sollen Themen besetzt werden, um sie nicht den Rechten zu überlassen. Eine Entwicklung, die laut Christoph Links durchaus selbstkritisch reflektiert werden müsse. Wichtige Debatten seien viel zu lange an Rechte „outgesourct“ worden.

Kommentare(1)

Sven-Peter Samstag, 24.März 2018, 17:06 Uhr:
Hier gabs noch einen guten Beitrag:

https://jfda.de/blog/2018/03/19/rechter-dominanzversuch-auf-leipziger-buchmesse/


 

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