Krügers Läuterung

Erster Verhandlungstag im Prozess gegen den ehemaligen NPD-Politiker Sven Krüger vor dem Landgericht in Schwerin. Der mehrfach verurteilte Unternehmer räumt die Vorwürfe wegen Hehlerei und Waffenbesitzes ein.

Freitag, 15. Juli 2011
Andrea Röpke

Sven Krüger atmet schwer, während der Verteidiger überraschend sein umfassendes Geständnis verliest. Gestern begann der Prozess vor dem Landgericht Schwerin gegen das ehemalige NPD-Kreistagsmitglied aus Nordwestmecklenburg. Dem vorbestraften 36-Jährigen werden Hehlerei mit Baugeräten und illegaler Waffenbesitz vorgeworfen. Krüger erscheint mit Fuß- und Handfesseln im Gericht. Trotzig trägt er sein Markenzeichen, das blaue Fischerhemd. Unauffällig lächelt er Sympathisanten im Zuschauerraum zu. Lässt sich von ihrem Kopfnicken ermuntern. Denn Krügers Miene strahlt keine Zuversicht aus, er wirkt während des gesamten Verhandlungstages angespannt, sogar besorgt. Der stark tätowierte „Hammerskin“ will scheinbar eines nicht mehr sein: der Gewohnheitsverbrecher,  der während der 90er Jahre fast nur „gesiebte Luft“ einatmete, wie es der Richter formulierte.

Krüger hatte nicht nur ein politisches Mandat – das er inzwischen wohl aus Fürsorge für die wahlkämpfende NPD abgegeben hat – sondern auch eine Kleinfamilie und eine Abrissfirma mit inzwischen acht Angestellten aufgebaut. Ihm gehören drei Häuser mit vier Mietparteien im Dorf Jamel sowie der Szene-Treffpunkt „Thinghaus“ in Grevesmühlen.  Er hat sich keinen Szene-Anwalt zur Verteidigung genommen. Im Publikum sitzen keine auffälligen Kameraden. Familienangehörige sollen ihn so wohl nicht sehen, niemand ist da. Hier im stuckverzierten Saal 11 heißt die Taktik des Glatzkopfes mit langem Kinnbart: stur bleiben, keine Namen verraten, aber Reue zeigen.

Durch Geständnis Pluspunkte sammeln

Im Januar dieses Jahres waren nicht nur offensichtlich gestohlene hochwertige Baugeräte, sondern auch diverse scharfe Waffen und 400 Schuss Munition in seinem Wohnhaus in der Forststraße sichergestellt worden. Laut Anklagevertretung waren die teuren Werkzeuge wie Trennschleifer, Kettensägen und Bohrmaschinen von einer Hehlerbande gestohlen oder unterschlagen worden. Die Täter müssen sich bereits vor Gericht verantworten. Krüger habe von den Hintergründen gewusst und das Diebesgut dennoch gekauft und auch teilweise selbst genutzt, heißt es. Manches habe er im Internet  weiter verkauft. Insgesamt 19 Fälle listet die Staatsanwältin auf.

Dem Neonazi, der sich seit über einem halben Jahr in Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt Bützow befindet, droht eine mehrjährige Haftstrafe. Der Gefängnisaufenthalt mache ihm diesmal sehr zu schaffen, räumt Sven Krüger freimütig ein. Angeblich ist auch die NPD-Führung über das Geständnis und den Versuch, so Pluspunkte zu sammeln, informiert, wissen Szene-Kenner. Nach einem Beratungsgespräch und einer längeren Unterbrechung der Sitzung verliest der Schweriner Verteidiger dann Krügers Läuterung. Schweißperlen bilden sich auf dessen Stirn. In der Erklärung wird unumwunden zugegeben, dass der Angeklagte vom illegalen Hintergrund der Baugeräte und dem verbotenen Besitz der Waffen gewusst hatte.

Zehn Verurteilungen seit 1991

37 Zeugen sollten vorgeladen werden, darunter auch der NPD-Lokalpolitiker Tino Streif. Nun lässt Richter Lessel die meisten von ihnen gleich ausladen. Dennoch soll der Prozess bis Mitte August dauern. Das Gericht lässt  sich Zeit, der Richter führt die Verhandlung fast lässig. Auf eine lockere Art bemüht er sich immer wieder mit dem Angeklagten ins Gespräch zu kommen. Der zeigt sich willig. Krüger redet gern. Seine Sprache ist wendig, er scheint gut informiert. Spricht in breitem Norddeutsch, schaut den Richter direkt an. Den zahlreichen Medienvertretern wirft er dagegen andere Blicke zu. Seit 1991 gab es für Krüger zehn Verurteilungen unter anderem wegen Landfriedensbruch, einer Gefangenenmeuterei in Neustrelitz, Diebstahl-Delikte bis 2004, sowie  Körperverletzung.

Ein junger Scheitelträger im gebügelten blauen Hemd schreibt eifrig mit. Zivilbeamte im Saal drücken auf den Tasten ihrer Handys herum. Pressevertreter flüstern. Dann wird es sehr still, als der Richter Krüger bittet, seinen Lebenslauf mit eigenen Worten darzustellen. 1974 in Wismar geboren. Mit sechs Jahren in die Dorfschule bei Jamel, „ich war kein guter Schüler“. Aufgewachsen in einer vierköpfigen Familie. Dann während der Wende bricht Sven Krüger  Anfang der 9. Klasse die Schule ab. Fängt eine Lehre als Zimmermann an,  beendet auch die nach einem Jahr. „Ich kam mit dem Lehrmeister nicht klar“, und „wir mussten nur noch Paletten nageln“, murrt er. Der junge Mann steigt im Geschäft des Vaters mit ein, einem  „ambulanten Obst- und Gemüsehandel“. Dann geht es abwärts. Krüger nennt nur noch Haftantritt- und Entlassungsdaten, die rasant aufeinander folgen. 1992 rein, 1995 raus, dann nach zwei Monaten erneute Verhaftung. 1996 entlassen, wieder inhaftiert.

„Jamel – Gau Mecklenburg“

Im Jahr 2000, einem Jahr nach der letzten Entlassung, gründet er sein Abrissunternehmen, zunächst als Subunternehmer und lernt seine jetzige Ehefrau kennen. Als der Vater 2002 mit dem Pferdegespann tödlich verunglückt, zieht das Paar zurück nach Jamel. Baut den Heuboden im Elternhaus aus. Zwei Kinder werden geboren. Krüger investiert. Finanziert „Wohnprojekte“. Nimmt Kredite auf, betont aber stolz: „Ich habe eine saubere Schufa!“

Im Herbst 2010 heiraten Janett und Sven Krüger mitten auf dem Dorfplatz mit hunderten von politischen Mitstreitern und Freunden. Einige von ihnen haben sich bereits im Dorf niedergelassen. Krügers Frau wird Regionalbeauftragte der NPD-Frauenorganisation „Ring Nationaler Frauen“. Sie postet mit anderen für ein Foto vor einem Wandgemälde im Dorf, auch die Kinder tragen Shirts mit Aufschrift „Jamel – Gau Mecklenburg“. Das gemeinsame Eheleben währt nur kurz. Krüger wird verhaftet. Sie führt die Geschäfte weiter, kümmert sich um die Angestellten. Seine Frau sei jetzt die Geschäftsführerin, „Ich bin da nicht auf dem Laufenden“, versichert Krüger vor Gericht. Auf Nachfrage räumt er ein, sie habe sich „unsere Ehe wohl anders vorgestellt“. Na klar, habe es Vorhaltungen gegeben. Seine Frau hätte von alledem ja nichts gewusst. Mit den Kindern sei alles in Ordnung, versichert der Neonazi, es gäbe keine Probleme. Seine Familie besuche ihn regelmäßig, betont er.

„Thinghaus“ nach dem Versammlungsort der Germanen

NPD und „Hammerskin“-Bruderschaft spricht Krüger nicht an. Die scharfen Waffen habe er als „Erbstücke“, quasi als Andenken an den verstorbenen Vater übernommen. Als er die anrückenden Beamten vom Frühstückstisch aus gesehen habe, sei er nach oben zum Waffenschrank geeilt und habe versucht, die Maschinenpistole zu verstecken. Sie wurde gefunden. Ebenso die Munition in der Nachtischschublade. Von einem politischen Hintergrund oder dem möglichen Versuch zur Selbstverteidigung ist nicht die Rede.

Vorsicht hakt der Richter doch nach, beruft sich auf Medienberichte über das „Thinghaus“ in Grevesmühlen. Das habe er gemeinsam mit einem Mitstreiter als Ruine gekauft. Krüger lacht. „Da brauchen wir nicht ins Detail zu gehen“, den Namen seines Mitinhabers will er nicht nennen. Er erklärt dem Gericht, das Projekt heiße „Thinghaus“ nach dem Versammlungsort der Germanen unter einer Eiche. Es gäbe drei Mieter, darunter die NPD. Auch zu Jamel äußert er sich, als der Richter ihn fragt, ob die NPD denn wahrhaftig dort so präsent sei. „Denke ich nicht“, sagt Krüger. Es gäbe außer ihm nur noch zwei weitere NPD-Mitglieder, bei insgesamt 60 bis 70 Einwohnern. Die meisten Neuanwohner seien Familien nur aus „meinem Freundeskreis“. Ob er viele Freunde habe? „Ich habe viele Bekannte. Und einige Freunde, aber „nicht überdimensional“ viele.“ In seiner Freizeit unterhält er Landwirtschaft, fährt Traktor oder züchtet Schweine und Gänse. Am wichtigsten seien Familie und Firma. Der berüchtigte Neonazi gibt den normalen Menschen. Er liest demnach in der Haft viel und halte sich ansonsten „aus allem raus.“ Arbeit habe er leider nicht zugeteilt bekommen, trotz Antrags. Fast regt sich Mitleid, als Krüger mit seinen Fußfesseln an der Seite von zwei Vollzugsbeamten zur Mittagspause aus dem Saal herausgeführt wird. Er kann nur mühsam gehen.

Am Nachmittag erscheinen zwei Zeugen nicht. Der Dritte aus Parchim ist selbst als Teil der Hehlerbande wegen Beihilfe zum Betrug verurteilt worden. Krüger will er nicht kennen. Überhaupt erinnert er sich kaum noch. Auch nicht mehr an die Fahrt mit Baugeräten nach Jamel. Damalige Aussagen, in denen er Details benannte, streitet er jetzt ab.

„Lunikoff“ grüßt vom „Pressefest“

Die Zuschauerreihen im Saal lichten sich. Bei der ausführlichen Verlesung der waffentechnischen Gutachten des Landeskriminalamtes scheint nur Krüger äußerst interessiert zuzuhören. Verbessert auch schon mal den Richter, wenn der eine „Luger“  falsch ausspricht.  Krüger hat den illegalen Besitz der Waffen zugegeben.  Die Munition habe er von einem Schießübungsplatz entwendet. Ein unbenannter Begleiter, der ihn dorthin mitgenommen hatte, wisse nichts davon. Überhaupt hat Krügers Anwalt sich mit den Geschädigten in Verbindung gesetzt, soll im Auftrag seines Mandanten finanzielle Wiedergutmachung leisten. Darin hat Sven Krüger Übung. So scheint er es in der Vergangenheit immer gemacht zu haben. Das soll ihm bei der Verurteilung positiv angerechnet werden.

Auch Krüger schaut jetzt auf die Uhr. Es ist fast vier Uhr am Nachmittag. Der erste Verhandlungstag ist vorbei. Auch wenn die NPD im Gericht nicht präsent scheint, zeigen sich die Kameraden bereits wenig später gut informiert. In den einschlägigen Foren wird Krügers krimineller  Lebenswandel und das Geständnis von anonymen Usern stringent verteidigt. Krüger gilt als großer „Förderer“ der Szene in Mecklenburg-Vorpommern. So einen lässt man nicht so schnell fallen. Fernab des sich anbahnenden Wahlkampfrummels, beim internen „Pressefest“ der NPD-Zeitung „Deutsche Stimme“ Anfang Juli in Ostsachsen, ließ die braune Sangesikone „Lunikoff“, selbst verurteilter Straftäter, es sich beim Auftritt nicht nehmen, Sven Krüger im Knast zu grüßen. Jetzt wartet am Ausgang des Gerichtssaals ein junger Mann mit sehr kurzen Haaren. Er hat ein auffälliges Irminsul-Tattoo am Bein. Als Krüger vorbei geführt wird, nicken sich beide beiläufig zu.

 

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