„Kreuzzug“ mit dem Bus

Der „pro“-Sponsor Patrik Brinkmann ist zu seiner Wahlkampftournee gestartet – um Dortmund, die einzige auf dem Plan stehende Großstadt im Ruhrgebiet, wurde allerdings ein Bogen gemacht.

Mittwoch, 05. Mai 2010
Tomas Sager

Beinahe pünktlich rollt der „pro NRW“-Wahlkampfbus am Mittwochvormittag in Hagen am Rande der Fußgängerzone vor. Patrik Brinkmanns prall gefülltes Portemonnaie hat der Bürgerbewegung mit ihren ein paar hundert Mitgliedern den Luxus erlaubt, einen großen Reisebus mit einem Wahlkampftrupp in der letzten Woche vor der Landtagswahl am kommenden Sonntag auf Tournee zu schicken, mit 20 Zwischenstationen und Kundgebungen von Porta Westfalica im nordöstlichen Zipfel des größten Bundeslandes bis in die Landeshauptstadt Düsseldorf, wo Brinkmanns Tour symbolträchtig am Samstagnachmittag enden soll.

Als „Kreuzzug gegen den Islam in Deutschland“ wolle er die Reise durch Nordrhein-Westfalen verstehen, hatte Brinkmann schon bei der Vorstellung seiner Tourneepläne wissen lassen. Und so „ziert“ das Motto „Kreuzzug für das Abendland“ auch die eine Seite des Busses, „Islamisierung stoppen!“ steht in großen Lettern auf der anderen Seite. Eigentlich ist er für den Wahlkampf der „pro“-Truppe viel zu groß. Mitgliedern und Freunden war angeboten worden, mitfahren zu können bei Brinkmanns NRW-Reise. Doch das Interesse war offenbar äußerst dürftig.“

„Bürgerkriegsähnliche Zustände“

An diesem kalten Mittwochmorgen in Hagen sind gerade einmal knapp zehn „pro NRW“-Anhänger mit Brinkmann in die Stadt gekommen, der Hagener Stadtrat Wolfgang Schulz, der Anfang des Jahres von den Republikanern zu „pro“ gewechselt war, gesellt sich hinzu, außerdem lassen streng dreinblickende Ordner Augen und Kameralinsen über das erschienene Publikum wandern.

„Heiß begehrt“ sei der Tourbus, meint „pro NRW“ selbst. Das gilt freilich nicht für Anhänger oder potenzielle Anhänger der selbst ernannten „Bürgerbewegung“ aus jenen Städten, in denen er bisher Station machte, aber umso mehr für Gegendemonstranten. Seit Brinkmann & Co. am Montag starteten, blieb keine ihrer Veranstaltungen ohne Gegenprotest. Immer ging es lautstark zu, vereinzelt flogen auch Eier und Wasserbomben; ein Stein oder eine Flasche traf eine Seitenscheibe des Busses. In der für „pro NRW“ so typischen Überspitzung und Übertreibung werden daraus „bürgerkriegsähnliche Zustände“ und eine Internetseite, die den „pro Köln“-Politiker Jörg Uckermann unterstützt, fabuliert gar von Mordanschlägen.

Schlechte Kalauer und Beschimpfungen

Laut ist es auch an diesem Morgen in Hagen. Überwiegend sind es Schüler, die mit Trillerpfeifen und Tröten bewaffnet gegen die Rechtspopulisten demonstrieren. Kleine Zettel halten sie in die Luft „NRW für Toleranz“ steht darauf, darunter ein durchgestrichener „pro NRW“-Schriftzug. Uckermann steht am Mikrofon, begrüßt zunächst noch die Anwesenden, beschimpft später dann die Demonstrierenden, die um 11.00 Uhr am Vormittag schon Zeit gefunden hätten für ihren Protest und von denen sicher auch noch kein Cent in die Rentenversicherung geflossen sei.

Uckermann unterhält die eigene Wahlkampftruppe, die direkt in seiner Nähe steht, mit platten Sprüchen und dem, was er sich unter Humor vorstellt, was aber wahrscheinlich nicht mal in der alkoholisiertesten Narrenrunde seiner Heimatstadt einen Tusch wert wäre. Was der Unterschied ist zwischen der SPD und „pro NRW“? „Die SPD hat die Hannelore, wir haben die Kraft.“

Schwedische Bibel mit vergoldeten Seitenrändern

Nach 20 Minuten fällt Uckermanns Kölner Stadtratskollegen Bernd Schöppe auf, dass schon in zehn Metern Entfernung vom Redner angesichts des Lärms der Gegendemonstranten kein Wort der Rede zu verstehen ist. Also wird aufgerüstet. Zwei große Boxen bauen die „pro“-Wahlkämpfer auf. Und Uckermann beginnt seine Rede noch einmal, wiederholt schlechte Kalauer und Beschimpfungen, begrüßt noch einmal den Hagener Stadtrat Schulz, der etwas linkisch den Arm zum Winken hebt, aber dann doch bemerkt, dass da niemand steht, der von ihm gegrüßt werden möchte oder auf die Idee käme zurückzuwinken.

Patrik Brinkmann, der die Wahlkampf-Simulation von „pro NRW“ erst möglich gemacht hat, ist auch da. Manchmal lässt er sich an diesem kühlen Morgen auch außerhalb des Busses blicken. Ans Mikrofon tritt er nicht. Nur zwei-, dreimal geht er ein paar Meter auf die Gegendemonstranten zu, erhebt seine schwedische Bibel mit den vergoldeten Seitenrändern, schwenkt sie hin und her. Von seiner Seite bleibt’s an diesem Vormittag ein stummer Kreuzzug. Schwer vorstellbar, wie er, dem jeder Anflug von Charisma abgeht und dessen rhetorischen Defizite nicht allein mit der für den Schweden doch noch fremden Sprache Deutsch zu tun haben, im kommenden Jahr in Berlin ernsthaft als Spitzenkandidat einen Wahlkampf um den Einzug ins Abgeordnetenhaus führen will.

„Ein fulminantes Ausrufezeichen zum Abschluss“

Immerhin: Er war an diesem Tag in Hagen zumindest physisch dabei. Am Nachmittag zuvor war sein angekündigter Auftritt in Dortmund ausgefallen. Und auch der „pro NRW“-Tourbus machte offenbar einen Bogen um die einzige Ruhrgebietsgroßstadt, die auf Brinkmanns Tourneeplan gestanden hatte. Statt dessen versuchten kurzzeitig Uckermann und Schöppe, mit Passanten ins Gespräch zu kommen und ihr Werbematerial an den Mann und die Frau zu bringen. Doch nachdem die mit Lärminstrumenten ausgestattete Gegendemonstranten das „pro“-Duo entdeckt und den Mini-Stand umringt hatten, auch Eier und Wasserbomben flogen, zogen Uckermann und Schöppe rasch wieder ab.

Ungeachtet des ausgefallenen beziehungsweise abgebrochenen Auftritts in Dortmund hieß es auf der Webseite von „pro NRW“, die Tour rolle „unaufhaltsam“ weiter. Die „Kundgebung“ in Dortmund sei „ein fulminantes Ausrufezeichen zum Abschluss des heutigen Tages“ gewesen. Wie so oft bei Verlautbarungen von „pro NRW“ galt auch bei diesem Resümee: Mit der Realität hatte es wenig bis nichts zu tun.

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