Krawall nach Neonazi-Demo

Mehr als 1300 „parteifreie“ Neonazis und NPD-Anhänger nahmen am 4. Juni an zwei Veranstaltungen der Szene in Niedersachsen und Thüringen teil. Beide litten darunter, dass die Planung kurzfristig über den Haufen geworfen werden musste.

Montag, 06. Juni 2011
Tomas Sager

In Braunschweig hatten Neonazis rund um den Hildesheimer Dieter Riefling zu einer als „Tag der deutschen Zukunft“ (TDDZ) deklarierten Demonstration aufgerufen. Die Stadt hatte die Demonstration untersagt. Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg erlaubte schließlich eine stationäre Kundgebung an dem Samstag am Hauptbahnhof. Diese Entscheidung hatte auch beim Bundesverfassungsgericht Bestand, das eine Beschwerde der Veranstalter nicht zur Entscheidung annahm. Die Neonazis kündigten daraufhin eine weitere Demonstration in der Nachbarstadt Peine an, die nach Abschluss des stationären Programms in Braunschweig begann. Das Motto dort: „Für Demonstrationsrecht ohne Einschränkungen“.

In Braunschweig selbst erschienen rund 600 Neonazis. Damit blieb man hinter den eigenen Erwartungen zurück. Der Parchimer Neonazi Christian Worch, der die Truppe rund um Riefling juristisch beraten hatte, resümierte: „Für die Demonstration waren 750 angemeldet worden, und nach den positiven Rückmeldungen etlicher Gruppen war zeitweise davon ausgegangen worden, es könnten auch bis zu 1.000 werden. Die Nachricht, dass nur eine stationäre Kundgebung in Braunschweig zugelassen worden war, habe offenbar zu einem gewissen „Abrieb“ geführt. Worch tadelte: „Nicht jeder scheint das politische Bewusstsein zu haben, dass es bei einer Demonstration nicht in erster Linie darum geht, Spaß zu haben.“

Halber Einsatz

Worch gehörte mit Dieter Riefling und dessen Ehefrau Ricarda Riefling sowie Axel Reitz (Pulheim) und Sebastian Schmidtke (Berlin) zu den Rednern der rund dreistündigen Kundgebung. Mit von der Partie waren außerdem die Rechtsrockband „Selektion“ und der Liedermacher „Fylgien“. Offenbar um der Veranstaltung den Charakter eines Konzerts zu nehmen, mussten sich Musik- und Redebeiträge in kurzen Abständen abwechseln.

Bei der anschließenden Demonstration in Peine zählte Worch nur noch 520 Teilnehmer: „Etwas über 10 Prozent der ursprünglichen Teilnehmer waren – vielleicht hitzebedingt – nur zu halbem und nicht zu vollem Einsatz motiviert.“ Am Hagenmarkt in Peine trat neben Liedermacher „Fylgien“ der Düsseldorfer Neonazi Sven Skoda ans Mikrofon.

Musikalische Konkurrenz

Trotz der bröckelnden Teilnehmerzahlen war Riefling am Ende zufrieden. Immerhin hatte er es bei der dritten Auflage seines „Tags der deutschen Zukunft“ am selben Tag mit einer Konkurrenzveranstaltung im nur 130 Kilometer entfernten Sondershausen zu tun. Dorthin hatte die NPD ihren „10. Thüringentag der nationalen Jugend“ verlegt, nachdem die Veranstaltung in der Nachbarstadt Nordhausen untersagt worden war. Im Norden Thüringens stand – obwohl mit NPD-Chef Udo Voigt und dem sächsischen Landtagsabgeordneten Andreas Storr auch bekanntere Vertreter der Partei als Redner angekündigt waren – die Musik im Vordergrund. Einem Bericht des MDR zufolge kamen rund 750 Anhänger der rechten Szene in ein Gewerbegebiet in Sondershausen, um dem Parteibarden Frank Rennicke sowie den Bands „Words of Anger“, „Sleipnir“, „Nordglanz“ und „KinderZimmer-Terroristen“ zu lauschen.

Polizeibeamte angegriffen

Jene Neonazis, die in Braunschweig und Peine aufmarschierten, hatten für die Teilnehmer der NPD-Veranstaltung wenig Verständnis. „Vielen Dank an alle Kameradinnen und Kameraden, welche den TDDZ unterstützt haben, anstatt sich der Spaßkultur hingegeben zu haben“, kommentierte ein Neonazi in einem Forum der Szene. Ein „Kamerad“ mit dem Pseudonym „WW-Terrorcrew“ hatte freilich auch an der eigenen Veranstaltung etwas auszusetzen: „Schade nur, dass wir auf der Kundgebung in Braunschweig völlig isoliert waren! Bis auf ein paar Mediengeier der BRD und Antifa war weit und breit nichts zu sehen außer Leere. Dann in Peine war es schon etwas anders, aber durch das riesige Aufgebot an Bullen war natürlich kein Feindkontakt möglich.“

Letzteres sollte sich für Neonazis aus Nordrhein-Westfalen auf ihrer Heimfahrt ändern. In Minden hätten sie am Bahnhof und in der Innenstadt mit gewalttätigen Aktionen gegen Linke auf sich aufmerksam gemacht, meldete der Westfälische Anzeiger. Und das Westfalen-Blatt berichtete, die aus Peine und Braunschweig zurückkehrenden Rechtsextremisten hätten 17 Polizisten mit Steinen und Knüppeln angegriffen und einen Streifenwagen demoliert. Die Rädelsführer des Krawalls seien identifiziert. 

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