von Tim Schulz
   

Kraftklub und 4.000 Personen protestieren gegen Dritter Weg-Demo

Im Rahmen des sogenannten Arbeiterkampftages versuchte Der Dritte Weg gestern Chemnitz in Beschlag zu nehmen. Der rechtsextreme Aufmarsch versetzte die westsächsische Stadt schon im Vorfeld in Aufruhr: Sicherheitsbehörden prognostizierten bis zu 1.000 Neonazis und rechneten mit schwersten Ausschreitungen. Bewahrheiten sollte sich weder das eine, noch das andere. Tatsächlich waren die Anhänger der rechten Kleinstpartei gegenüber den etwa 4.000 Gegendemonstranten deutlich in der Unterzahl.

Für den auch in der rechten Szene traditionsreichen Tag der Arbeit inszenierten sich die rechtsextremen Aktivisten in der typisch militaristischen Manier: Uniformierte Blöcke mit Schildern und Fahnen, an der Spitze der Demonstration gibt eine Gruppe Trommler den Takt an, dazu rudimentäres Straßentheater – Mit ihrem Aufzug produzierten die selbsternannten „Nationalrevolutionäre“ ähnlich martialische Bilder wie bei den letzten Demonstrationen, wenngleich ihr Auftritt in Chemnitz vergleichsweise unstrukturiert ausfiel. Mit 600-650 Teilnehmern lagen die Zahlen in etwa auf dem Niveau der Vorjahre, Befürchtungen, dass diese im vierstelligen Bereich anzusiedeln sein könnten, bewahrheiteten sich nicht.

Brachiales Auftreten trifft auf soziale Ader

Auch inhaltlich bot Der Dritte Weg wenig Überraschendes an: Parteichef Klaus Armstroff wartete mit einer Mischung aus Nationalpathos, Poesie und typisch rechtsextremen Volkstod-Fantasien auf, während Julian Bender, Leiter des „Gebietsverbandes West“, den medienwirksamen Rechtsstreit mit einem Grünen-Lokalpolitiker „aufwärmte“. Tony Gentsch, einer der umtriebigsten Aktivisten der Partei, legte derweil deren verkürzte Kapitalismuskritik dar. Dabei spulte er eine stereotyp anmutende Brandrede gegen die „Arbeiterverräter“ in den Gewerkschaften und die politischen Unterstützer des „Rauptierkapitalismus“ in den „Systemparteien“ ab. Mit allen verfügbaren Mitteln seien diese zu bekämpfen, so Gentsch.

1. Mai-Demo in ChemnitzFotoeindrücke der gestrigen Neonazi-Demo in Chemnitz

Dass sich der langjährige Kameradschaftsaktivist dabei regelrecht in Rage redet und schließlich brüllend vorträgt, darf nicht über das Kalkül hinter der Themenwahl hinwegtäuschen: Die Partei zielt schon seit ihrer Gründung auf sozial Benachteiligte ab und geriert sich als „Kümmerer“. Im Vorfeld der Demonstrationen verteilten Aktivisten in der Region vermehrt Kleidung und Nahrungsmittel. Auch die Ortswahl wurde keineswegs dem Zufall überlassen. Das Viertel, durch das die Anhänger des Dritten Weges zogen, der Sonnenberg, gilt als sozialer Brennpunkt. Ganz ging die Rechnung für die Parteiaktivisten allerdings nicht auf: Sie marschierten durch menschenleere Straßen, nur vereinzelt zeigten Anwohner Sympathien für die Rechtsextremen.

Wie zu erwarten, traten hauptsächlich bayerische Kader als Ordner auf und sorgten für das gewünschte „disziplinierte Auftreten“. Hinter der geschlossenen Formation, in der vorrangig Mitglieder und Personen aus dem Umfeld der Neonazi-Partei mitlaufen durften, bot sich jedoch ein weniger einheitliches Bild. Im gemischten Block reihten sich vorrangig Kameradschafter aus Nord- und Ostdeutschland ein, aber auch älteres Publikum mitunter aus den Reihen des lokalen Pegida-Ablegers, sowie ein Sympathisant des neurechten Ein Prozent-Netzwerkes. Zudem beteiligten sich vereinzelt Neonazis aus dem europäischen Ausland, etwa eine Gruppe ungarischer Skinheads. Neben Aktivisten aus dem Umfeld der Autonomen Nationalisten war auch das „Antikapitalistische Kollektiv“ überraschenderweise mit einem Banner vertreten. Die Gruppierung stand seit dem Eklat vor zwei Jahren im Clinch mit der Partei. Wie viele Aktivisten aus dem Umfeld des „AKK“ tatsächlich teilnahmen, bleibt allerdings offen.

Demonstration als Sprungbrett in die Region?

Der „Arbeiterkampftag“ entwickelte sich in den letzten Jahren zum Kernevent des Dritten Weges. Bei den Aufmärschen in Saalfeld, Plauen und Gera konnten die Rechtsextremen ihr aktionistisches Vorgehen bereits erproben. Immer wieder kam es dabei zu gewaltigen Ausschreitungen, etwa als infolge einer Blockade eine Demonstration in Plauen aufgelöst wurde und dutzende Parteisympathisanten auf Einsatzkräfte losgingen. Zu derartigen Zusammenstößen kam es in Chemnitz nicht, was mitunter aber daran gelegen haben mag, dass die Neonazis ungehindert und ohne größere Verzögerungen marschieren konnten.

Der Blick auf die vergangenen Jahre zeigt allerdings, dass für die Partei das Großevent am 1. Mai auch ein Mittel ist, um sich regional zu verankern. Dies galt Beobachtern zufolge sowohl im thüringischen Raum, als auch in Plauen, wo die Partei ihr bisher einziges „Bürgerbüro“ unterhält. Sachsen kristallisiert sich derweil immer mehr zur neuen Kernregion der rechtsextremen Kleinstpartei heraus. Auch der sächsische Verfassungsschutz verzeichnete einen deutlichen Anstieg des parteinahen Personenpotentials im Freistaat.

Ob sich besagter Effekt auch im derzeit relativ unbedeutenden „Stützpunkt Westsachsen“ einstellen wird, kann bisher noch nicht abgeschätzt werden. Dessen Leiter, Maik Arnold, konnte sich auf der Demonstration jedoch bereits vor den Freien Kräften der Region in Szene setzen. Der Neonazi galt als Führungsfigur der 2014 verbotenen Kameradschaft „Nationale Sozialisten Chemnitz“ und dürfte dementsprechend über gute Verbindungen in militante Strukturen verfügen.

Massiver Protest gegen die Neonazis

Für Gegenwind sorgten diverse Gegenveranstaltungen. Neben einer antifaschistischen Gegendemonstration parallel zu der Marschroute des Dritten Weges demonstrierte der Studierendenrat der TU Chemnitz. Zudem organisierte ein Bündnis aus Klubs, Bars und Kulturinstitutionen unter dem Titel „Hand in Hand“ ein Programm und lockte mit der prominenten Band „Kraftklub“ hunderte Menschen an – in direkter Nachbarschaft zur Auftaktkundgebung der Neonazis. Insgesamt beteiligten sich über 4.000 Menschen.

Die Anhänger des Dritten Weges begegneten so zumindest im späterem Verlauf des Aufmarsches lautstarkem Protest, etwa als eine ältere Anwohnerin versuchte, eine Zwischenkundgebung mit Musik zu stören. Auch die Abschlussreden der neonazistischen Funktionäre wurde durch massive Proteste und Konzerte weitestgehend übertönt. Blockadeversuche verliefen derweil aufgrund des harten polizeilichen Durchgreifens erfolglos.

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