Klandestine Vereinsmeierei

Combat 18 Deutschland“ – so nennt sich seit 2013 eine konspirativ agierende Gruppierung, die aus gewaltbereiten Neonazis besteht. Die Sicherheitsbehörden beobachten die Rechtsextremisten ganz genau – doch derzeit wird die Gruppe nicht als rechtsterroristisch eingestuft.

Mittwoch, 25. Juli 2018
Julian Feldmann

Er soll einer der Köpfe von „Combat 18“ in Deutschland sein: Stanley R. aus Nordhessen. Der seit den 1990er Jahren aktive Neonazi organisiert Konzerte, hält sich allerdings weitgehend im Hintergrund und aus der Öffentlichkeit fern. Beim „Eichsfeldtag“ von NPD-Funktionär Thorsten Heise tauchte R. 2013 im thüringischen Leinefelde auf, auch im vergangenen Jahr bei einem Neonazi-Konzert in Themar in Südthüringen war der gebürtige Greifswalder dabei. Innerhalb der umtriebigen Kasseler Neonazi-Szene galt und gilt er als feste Größe: So baute er die Kameradschaft „Sturm 18 Cassel“ mit auf und war Teil der „Oidoxie Streetfightingcrew“ um die Dortmunder Rechtsrock-Band „Oidoxie“. Sein Name taucht auch in den Ermittlungsakten zum NSU auf – er wurde als Zeuge vom Bundeskriminalamt zu der Terrorgruppe befragt.

Nach Recherchen des ARD-Magazins „Panorama“ und des NDR-Online-Kanals „STRG_F“ ist Stanley R. einer der Führungskader des deutschen Ablegers von „Combat 18“ (C18). Über sein Konto bei der Kasseler Sparkasse sollen in den Jahren 2014 bis 2017 Mitgliedsbeiträge von insgesamt 25 Personen eingegangen sein. Den monatlichen Beitrag von 15 Euro entrichtete zeitweise etwa der Sänger der C18-Band „Strafmass“ aus Bremen, der 2014 bei einer Neonazi-Demo in Dortmund in „Combat 18 Deutschland“-Jacke mit anderen Beitragszahlern aufmarschierte. Auch ein „Die Rechte“-Landtagskandidat aus Baden-Württemberg findet sich auf den Kontoauszügen. Die Bankunterlagen von R. und viele weitere Details zu möglichen C18-Strukturen in Deutschland veröffentlichte die antifaschistische Gruppe „Exif“. Zuletzt hatten noch etwa zehn Personen offenbar Mitgliedsbeiträge auf das Konto von R. überwiesen.

Schießübungen in Tschechien

Dass die Gruppe um R. auch an Waffen trainiert, wurde Ende vergangenen Jahres bekannt. Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete, dass zwölf Neonazis, die alle Mitglieder von „Combat 18 Deutschland“ sein sollen, im September 2017 am Grenzübergang im bayerischen Schirnding von der Spezialeinheit GSG9 gestoppt worden war. Die Rechtsextremisten kamen aus Tschechien, wo sie auf einem Schießstand trainiert hatten. Bei der Überprüfung durch die Polizei wurden bei zwei Neonazis illegale Munition festgestellt: Bei Stanley R. und Tobias V., ebenfalls aus Nordhessen.

Das Amtsgericht Hof verurteilte R. zu einer Geldstrafe in Höhe von 120 Tagessätzen wegen fahrlässigen Einführens von Munition nach Deutschland. Das Urteil ist bereits rechtskräftig. V. erhielt eine Bewährungsstrafe, da er die Patronen offenbar absichtlich nach Deutschland geschmuggelt hat. Er hat gegen das Urteil Revision eingelegt, berichtet „Panorama“. Unter den zwölf an der Grenze gestoppten C18-Aktivisten waren nach Informationen die bnr.de vorliegen, Personen aus Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Thüringen und Hessen.

International in das „Blood&Honour“-Netzwerk eingebunden

Aus Unterlagen, die das Portal „Exif“ jetzt veröffentlicht hat, geht hervor, dass „Combat 18 Deutschland“ vereinsartig strukturiert ist. In einem „Richtlinien“-Heft wird in neun Punkten der Aufbau der C18-Struktur dargelegt. In jedem „Bundesland/Gau“ solle eine „Sektion“ bestehen, wenn Mitglieder dort wohnen. Diese hätten die Pflicht, sich einmal monatlich in ihrer Sektion zu treffen. Alle drei Monate finden demnach deutschlandweite Zusammenkünfte statt. Auch eine Kleiderordnung bei „Auswärtsfahrten“ und der Umgang mit sozialen Medien ist geregelt. „Absolute Verschwiegenheit“ solle über Gruppeninterna gewahrt werden. Über die Zielsetzung von „Combat 18 Deutschland“ ist in dem Regelwerk nichts zu lesen. Doch deutsche Vereinsmeierei scheint auch in konspirativen Strukturen wie C18 Einzug erhalten zu haben.

International ist „Combat 18 Deutschland“ in das „Blood&Honour“-Netzwerk eingebunden, berichtet der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz. In vielen Staaten gehören C18 und „Blood&Honour“ zusammen, so etwa in Ungarn und Schweden.

Anleitungen für den „bewaffneten Kampf“

Auf der Internetseite des skandinavischen Ablegers sind bis heute die C18-Manifeste „The Way Forward“ und das „Blood & Honour Field Manual“ zum Download bereitgestellt. Diese Strategiepapiere beinhalten Anleitungen für den „bewaffneten Kampf“. Die Strategie dahinter nennt sich „führerloser Widerstand“: Kleine Zellen und Einzelkämpfer handeln ohne Befehl von oben, um „direkte Aktionen“ gegen die „zionistisch-gesteuerte Regierung“ auszuführen. Kurzum: Terroranschläge. Zuvor sollen Waffendepots angelegt und sichere Rückzugsräume geschaffen werden. Dabei sollen sich die Mitglieder der Zellen untereinander alle kennen, damit wenn eine Kleingruppe in den „Untergrund“ beziehungsweise den „bewaffneten Kampf“ geht, sie über ein Netzwerk von Unterstützern verfügt.

Offenbar bieten die alten Anleitungen auch für die heutigen C18-Strukturen die ideologische und strategische Grundlage. Diese ist bis heute mit dem Namen „Combat 18“ verknüpft.

Verfassungsschutz sieht keine „militante“ Gruppe

Die deutschen Sicherheitsbehörden geben sich bei „Combat 18“ nach außen gelassen. Die Mitglieder seien zwar dem gewaltbereiten Neonazi-Spektrum zuzurechnen, doch eine „militante“ Gruppe sieht der Verfassungsschutz nicht. „Combat 18 Deutschland“ sei ein Netzwerk „weniger regionaler Kleingruppen und Einzelpersonen“, heißt es in einem internen Bericht des Bundesinnenministeriums. Eine terroristische Organisation sei nicht zu erkennen. Dennoch beobachten die Behörden die C18-Mitglieder – auch mit nachrichtendienstlichen Mitteln. Die Ämter gehen von einem guten Dutzend C18-Aktivisten aus, die aus süd- und westdeutschen Bundesländern sowie Thüringen kommen.

Anders sieht es das Portal „Exif“: Rund 50 Personen rechnet man hier „Combat 18 Deutschland“ zu. In drei Sektionen seien diese organisiert. Neben der Gruppe um R., die Mitglieder aus verschiedenen Bundesländern hat, gebe es noch eine Sektion in Ostholstein und eine in Nordrhein-Westfalen mit Schwerpunkt in Dortmund. Zu letzterer rechnet „Exif“ etwa den „Oidoxie“-Musiker Marko Gottschalk. Zwar tritt die Dortmunder Band „Oidoxie“ international im Umfeld von „Blood&Honour“ auf und bekannte sich schon 2006 in der Hymne „Terrormachine“ zur Ideologie von C18, doch unabhängig lässt sich derzeit nicht überprüfen, inwiefern auch Gottschalk und sein Umfeld zu „Combat 18 Deutschland“ gehören.

C18-Konzept des „führerlosen Widerstandes“

Ein anderer Dortmunder Neonazi-Aktivist, Robin Sch., taucht immer wieder in C18-Kleidung auf, allerdings in der schwedischen Variante. Sch. geriet überregional in den medialen Fokus, als bekannt wurde, dass er im Knast eine Brieffreundschaft mit der NSU-Terroristin Beate Zschäpe pflegte. Auch der NSU orientierte sich in seinem Vorgehen am C18-Konzept des „führerlosen Widerstandes“. Und das NSU-Kerntrio wurde maßgeblich von einem Netzwerk aus „Blood&Honour“-Aktivisten unterstützt.

Dass es sich bei „Combat 18 Deutschland“ um eine aktive terroristische Gruppe handelt, wird von den Behörden ausgeschlossen. Falls sich jedoch eine Zelle aus diesem Netzwerk entscheidet, in den Untergrund zu gehen und Anschläge zu begehen, dürfte das Unterstützernetzwerk bereits bestehen. Ein solches Umfeld kann die nötige Sicherheit geben, den letzten Schritt in Richtung Terrorismus zu gehen.

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