„Kinderschutzkampagne“

Die Jungen Nationaldemokraten instrumentalisieren das Drama um einen getöteten Jungen – am Samstag vor dem Prozessbeginn in Krefeld gegen den mutmaßlichen Täter haben sie zu einer „Mahnwache“ eingeladen.

Montag, 11. Juli 2011
Tomas Sager

Philippe Bodewig macht optisch auf seriös. Im schwarzen Anzug, mit weißem Hemd und Krawatte steht der Krefelder an diesem Samstag zwischen seinen „Kameraden“ von NPD und Jungen Nationaldemokraten (JN). Zur „Mahnwache“ auf dem Neumarkt, mitten in Krefeld, haben sie eingeladen. Was der Pressesprecher des örtlichen NPD-Kreisverbands und stellvertretende „Landesbeauftragte“ der JN in Nordrhein-Westfalen, von sich gibt, dementiert freilich sein seriöses Outfit: Seit September 2010 versuchen Bodewig, der gerade einmal Anfang 20 ist, und sein Anhang, aus einem Kriminalfall politisches Kapital zu schlagen, der monatelang republikweit die Menschen bewegte.

Rückblick: Am 3. September verschwand in Grefrath der zehnjährige Mirco. Es begann eine der größten Fahndungsaktionen in der Geschichte der Bundesrepublik. Fast fünf Monate lang suchte eine 65-köpfige Sonderkommission, unterstützt durch zeitweise 1000 Bereitschaftspolizisten sowie durch Tornados und Drohnen der Bundeswehr nach dem Jungen. Aufrufe im Fernsehen gab es; die Eltern gingen mit verzweifelten Appellen an die Öffentlichkeit. Das Drama um Mirco wühlte nicht nur die Region rund um Grefrath auf. Den Mann, der den Jungen sexuell missbraucht und getötet haben soll, fasste die Polizei schließlich Ende Januar. Er führte die Beamten zu der Stelle, wo man Mircos Leichnam fand, und legte ein Geständnis ab. Am Dienstag beginnt der Prozess gegen Olaf H. vor dem Landgericht Krefeld.

Neonazis beteiligen sich an Schweigemarsch und Lichterkette

Mircos Verschwinden und sein Tod sind der Hintergrund von NPD- und JN-Aktionen, die offenbar vor allem von Bodewig und dem JN-Landesvorsitzenden Matthias Halmanns gesteuert werden. Bereits im vorigen September nehmen Neonazis an einem von Grefrather Bürgern organisierten Schweigemarsch teil. Im Dezember mischen sie sich unter die Teilnehmer einer ebenfalls aus den Kreisen der Bürgerschaft veranstalteten Lichterkette in Mircos Heimatstadt. Ende Januar rufen die JNler zu einer eigenen „Mahnwache“ in Viersen auf. Im Februar beteiligen sich angeblich 30 „Kameraden“ an einer Demonstration zum Fall Mirco in Krefeld, zu der Bürger im Internet aufgerufen hatten. Nach nur wenigen Metern prägten sie mit der Parole „Todesstrafe für Kinderschänder“ die Demonstration, berichtet die „Rheinische Post“. Passanten reagieren entsetzt. Die Veranstalter brechen ihre Demonstration beim ersten Zwischenstopp ab. Die Neonazis führen stattdessen anschließend eine eigene Spontandemonstration durch. Eine Demonstration in Kempen und eine Kundgebung in Geldern folgen im Frühjahr, außerdem einige Flugblattverteilaktionen.

Quasi als „Höhepunkt“ der „Kinderschutzkampagne“, wie Bodewig & Co. ihre Aktivitäten nennen, folgte nun am vorigen Samstag kurz vor Verhandlungsbeginn gegen Olaf H. die „Mahnwache“ in Krefeld. 232 „Zusagen“ gab es auf einer eigens eingerichteten Facebook-Seite für die Kundgebung; 328 Leute hatten ihre Teilnahme zwar als „unsicher“ bezeichnet, aber doch nicht völlig ausgeschlossen. Tatsächlich kommen aber nur etwas über 50 Mitglieder und Anhänger von NPD und JN.

T-Shirt mit Reichsadler

Und die orientieren sich längst nicht alle an Bodewigs Outfit-Vorbild. In seinem Umfeld holt man für Kundgebungen auch noch die Springerstiefel mit den weißen Schnürbändern aus dem Schuhschrank; hier zieht man zur „Mahnwache“ zuweilen die Tarnhose an, als ginge es zum Wehrsport in den Wald. Einer der jungen JN-Anhänger bevorzugt ein T-Shirt mit Reichsadler. Der Ährenkranz ist leer, das Hakenkreuz fehlt. „Im Kampf für die Freiheit“, erklärt stattdessen der Schriftzug darunter. Dominant ist aber die Parole „Todesstrafe für Kinderschänder“, die auf zwei Transparenten und mehreren Plakaten steht und einige T-Shirts „ziert“.

Auf großes Interesse stößt die Veranstaltung bei den Passanten, die zum Einkaufsbummel unterwegs sind, nicht. Einige nehmen rasch eines der Flugblätter entgegen, die meisten würdigen die Neonazis im Vorbeigehen keines Blickes. Zu verstehen ist von deren Rednern auch nicht viel. Sieben „Referenten“ hatten die Organisatoren angekündigt, darunter „unsere kompetenten Kinder- und Jugendschutzberater“, die „über effektive Präventivmaßnahmen zum Schutz vor Triebtätern aufklären“. Der ranghöchste „Referent“, der NPD-Landesvorsitzende Claus Cremer, kommt erst gar nicht. Und die anderen Redner haben es mit ihren schlichten Todesstrafe-Parolen nicht leicht, sich akustisch durchzusetzen – angesichts der Gegendemonstranten, die teilweise nicht einmal zehn Meter von der Neonazi-Gruppe entfernt stehen.

„Alle deutschen Familien“ seien „angehalten sich an unserer Mahnwache zu beteiligen, um somit ein klares Zeichen gegen den ignoranten Kurs unserer sogenannten ,Volksvertreter’ zu setzen“, hatte die JN dekretiert. Doch auf Gehör gestoßen ist ihre „Kinderschutzkampagne“ – Anzug hin, Krawatte her – bisher nicht.

 

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