von Elmar Vieregge
   

Kein „Soldat wie andere auch“ – zur Biografie des KZ-Kommandanten und SS-Divisionskommandeurs Theodor Eicke

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs treten Veteranen der Waffen-SS mit der Behauptung an die Öffentlichkeit, sie seien Soldaten gewesen wie etwa die Angehörigen der Wehrmacht auch. Zeitgenössische Rechtsextremisten teilen diese Haltung und leugnen damit den weltanschaulichen Charakter der nationalsozialistischen Parteiarmee, um dadurch auch von deren Verbrechen abzulenken. Eine aktuelle Veröffentlichung zeigt am Lebensweg des Röhm-Mörders, KZ-Kommandanten und Divisionskommandeurs Theodor Eicke, wie unhaltbar diese Behauptung ist.

Die als Dissertation des Historikers Niels Weise entstandene Biographie schildert das Leben eines Mannes, der einen von politischer Gewalt bestimmten Weg beschritt, welcher ihm nach der „Machtergreifung“ nicht nur eine soziale Perspektive, sondern eine unerhoffte Karriere eröffnete. Das im durch Fachveröffentlichungen zur Waffen-SS bekannten „Verlag Ferdinand Schöningh“ erschienene Buch legt einen Schwerpunkt auf die Untersuchung der innerhalb der SS verbreiteten Auffassungen von Erziehung, Treue und Kameradschaft. Diese kennzeichneten sowohl Eickes Beziehung zu seinem Vorgesetzten Heinrich Himmler als auch das wechselseitige Verhältnis zwischen ihm und seinen Soldaten.

Der 1892 in Elsaß-Lothringen geborene Eicke diente im Ersten Weltkrieg als Zahlmeister. Nach dem Waffengang und der Abtretung seiner Heimat an Frankreich war er nur schwer in der Lage, sich im bürgerlichen Leben des nunmehr demokratischen Deutschland zu etablieren. So erwarb er keine breitere Bildung und seine Versuche scheiterten, eine Laufbahn im Polizeidienst zu beschreiten. Während ab 1923 eine Anstellung beim Ludwigshafener Chemie-Unternehmen BASF seine berufliche Situation verbesserte, engagierte er sich für den Aufbau der NS-Bewegung in der von französischer Besetzung geprägten Pfalz. In diesem Zusammenhang betrachtet Weise nicht nur die gewalttätigen Auseinadersetzungen mit Kommunisten, sondern vor allem die schweren innerparteilichen Auseinandersetzung der Pfälzer Nationalsozialisten, die zu einer Einweisung Eickes in die Psychiatrie führten. Dabei führt der Biograf unter anderem anhand der Patientenakte den Nachweis, dass Eicke im Frühjahr 1933 keinesfalls geistig erkrankt war, sondern aufgrund einer parteiinternen Intrige eingewiesen wurde. Seine Entlassung erfolgte auf Veranlassung Himmlers, der sich nach Einschätzung Weises, dadurch einen dankbaren und somit ihm ergebenen Gefolgsmann heranzog. Diesem übertrug der „Reichsführer SS“ die Leitung des Konzentrationslagers Dachau. Dort fiel Eicke durch eine straffe Führung des Wachpersonals in Verbindung mit einer besonders brutalen Behandlung der Gefangenen auf. Der für die in dieser frühen Zeit verübten Ermordungen verantwortliche KZ-Kommandant bewährte sich dadurch in den Augen seines Förderers derart, dass er zum „Inspekteur der Konzentrationslager“ aufstieg und in dieser Funktion den Charakter des gesamten KZ-Systems prägte. Seine Zuverlässigkeit bewies Eicke während der Beseitigung der SA-Führung, indem er gemeinsam mit einem zweiten SS-Angehörigen Ernst Röhm in seiner Haftzelle erschoss und damit einen politischen Mord im direkten Auftrag des Regimes verübte.

Im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs erhielt die Karriere des KZ-Organisators auch einen militärischen Zug, durch Aufstellung paramilitärischer Einheiten aus den Reihen des ihm unterstellten KZ-Wachpersonals. Die sich daraus entwickelnden SS-Totenkopfverbände nahmen 1939 am Polenfeldzug teil, wurden nach dessen Ende zusammengefasst und gingen in die SS-Division „Totenkopf“ über. Sie kämpfte im folgenden Jahr in Frankreich, wobei sie Kriegsverbrechen durch die Erschießung von Gefangenen beging. Ihre gewissermaßen weltanschauliche Bestimmung fand die Division im Feldzug gegen die Sowjetunion. In ihm zeigten ihre Angehörigen eine auf der rassistischen Grundhaltung des Nationalsozialismus fußende mitleidlose Brutalität gegenüber Rotarmisten und Zivilisten, allerdings auch eine außergewöhnlich große Opferbereitschaft. Der Kampfeswille der Division zeigte sich in militärischen Brennpunkten wie dem Kessel von Demjansk oder den Kämpfen um Charkow, in deren Folge sie enorme Verluste erlitt. Im Innenverhältnis herrschte dabei ein in der SS verbreitetes System persönlicher Verbindungen, bei dem sich Eicke auf eine Art und Weise für seine Untergebenen einsetze, die ihm eine starke Gefolgschaft einbrachte. Dazu gehörte, dass der von seinen Untergebenen mit dem Spitznamen „Papa Eicke“ versehene Kommandeur auch persönlich in der ersten Fronlinie stand. Dort starb er 1943, als sein Flugzeug während eines Aufklärungsflugs abgeschossen wurde.

Heute hat Eicke für zeitgenössische Rechtsextremisten eine Vorbildfunktion, die sich auch aus dem Kontrast zum Verhalten Heinrich Himmlers ergibt. Denn während Himmler die Waffen-SS vom aus Schreibtisch führte, bei Kriegsende fahnenflüchtig wurde und Selbstmord verübte, anstatt - wie er es von seinen Untergebenen gefordert hatte - im Kampf zu fallen, erfüllte Eicke dieses Postulat. Die Vorbildfunktion ergibt sich aus seinem Fanatismus, seiner Leidensbereitschaft und seinem Kampfeswillen. Sein Tod an der Front entspricht dabei ihren Vorstellungen von Treue, Kameraderie und Opferbereitschaft. Allerdings haben Rechtextremisten das Problem, dass bei Eicke ein verbrecherisches Handeln zu offensichtlich ist und er damit eine Gegenanzeige zu ihrer den Nationalsozialismus beschönigenden Agitation darstellt. Die mit einer positiven Beschreibung des Dritten Reichs beschäftigten Publizisten lösen dieses Dilemma durch die selektive Darstellung Eickes als ein von seinen Untergebenen verehrter Kommandeur, der vorbildlich kämpfte und an der Front fiel.

Weises Veröffentlichung weist hingegen auf Eickes Karriere als politischer Mörder und Gestalter des KZ-Systems hin. Sie zeigt an seinem Beispiel, dass die Angehörigen der Waffen-SS, anders als es ihr ehemaliger General Paul Hausser behauptete, in ihrer Gesamtheit keine „Soldaten wie andere auch“ waren. Das galt insbesondere für die Angehörigen von Eickes Verband. Er gehörte zu den Kerndivisionen der Waffen-SS und nach Weises Auffassung „(stand) die aus den SS-Totenkopfverbänden aufgestellte Totenkopf-Division … personell und ideologisch in direkter Verbindung zu den Wachmannschaften der Konzentrationslager“ (S. 375). Die dabei herrschenden besonderen Bedingungen ermöglichten Eicke eine Karriere, die ihm aufgrund seines gebrochenen Lebenswegs und seiner damit verbundenen Bildungsdefizite bei der Wehrmacht nicht möglich gewesen wäre.

 

Niels Weise
Eicke. Eine SS Karriere zwischen Nervenklinik KZ-System und Waffen-SS
Ferdinand Schöningh, Paderborn, 2013
456 Seiten, 39,90 Euro

 

 

 

 

 

 Foto: Screenshot Buchcover

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