„Kampfgemeinschaft“

Die Jungen Nationaldemokraten im Ländle sind völkisch-national geprägt – in ihren Reihen findet sich auch ein mutmaßlicher Bombenbauer.

Donnerstag, 08. Oktober 2009
Andrea Röpke

Es mag euphorisch bei der Vorstandssitzung der Jungen Nationaldemokraten (JN) in Baden-Württemberg am 12. Juli dieses Jahres zugegangen sein. Deren Landesgruppe zählt mit über 100 Kadern zu den mitgliederstärksten, die 13 Stützpunkte gelten als funktionstüchtig und mit dem Landesgeschäftsführer Alexander Neidlein verfügt die NPD-Nachwuchstruppe im „Ländle“ über einen erfahrenen Parteifunktionär mit besten Kontakten zum Bundesvorstand. Obgleich die militanten Obsessionen des Lörracher Stützpunktleiters den Kameraden nicht verborgen geblieben sein dürften, rechnete noch niemand mit den Hausdurchsuchungen und Chemikalienfunden wenige Monate später. An dem Sonntag traf man sich, um Mitgliederstand, Stützpunkt-Neugründungen, Finanzen, Schulungen, Zeltlager und die Anmietung einer neuen Geschäftsstelle zu besprechen.

Es war den Neonazis um den umtriebigen Crailsheimer Anführer Neidlein und JN-Landeschef Lars Gold aus Schwäbisch-Hall/Hohenlohe gelungen, einen Ersatz für die verkaufte ehemalige Gaststätte „Goldenes Kreuz“ in Rosenberg-Hohenberg zu finden. In dem Haus hatte sich auch die Landesgeschäftsstelle befunden. Bis Mitte des Jahres hatte Neidlein als einer der letzten gemeldeten Bewohner das Gebäude räumen müssen. Inzwischen wohnt der ehemalige Kroatiensöldner in dem früheren „Backstage Rockclub“ in Elpersheim, einem Ortsteil von Weikersheim. Dort in dem geräumigen weißen Gebäude mit großem Parkplatz soll er mit einer Mitbewohnerin „in getrennten Wohnungen“ leben. An der Tür steht noch „MC Trust“, das Haus diente einem Rockerclub aus Bad Mergentheim als Treffpunkt.

Während der JN-Sitzung wurde die Adresse in Elpersheim den Kameraden bekanntgegeben und im Protokoll vermerkt. Das Haus soll einem Steuerberater aus Crailsheim gehören, berichten Anwohner. Es liegt strategisch günstig am Ende einer kleinen Straße, dahinter erstrecken sich weite Felder und Wiesen. Doch nicht nur der gelungene Gebäudecoup ließ die Neonazis hoffen, auch die neuen Stützpunktgründungen in Hohenlohe, Main-Tauber und Lörrach wurden freudig verkündet.

„Aufklärung“ mit den Daten politischer Gegner

Der Lörracher Stützpunkt ist auch für Freiburg, Breisgau, Hochschwarzwald und Emmerdingen zuständig – eine große Herausforderung für den emsigen Kameraden Thomas Baumann aus Weil am Rhein. Obwohl der 22-Jährige dem Vorstand bereits angehören müsste, nahm er an der Sitzung im Juli als Gast teil. Der angehende Altenpfleger engagierte sich bereits beim „Nationalen Sanitätsdienst“ (NSD) und hatte Kontakt zur NSD-Koordinatorin Michaela Zanker in Berlin. Während seiner zweijährigen Bundeswehrzeit soll Baumann bei den Krisenreaktionskräften geschult worden sein. Danach interessierte sich der Waffenfreak auch für den NPD-Ordnerdienst. Seit 2009 baute er nach Recherchen der „taz“ eine „Arbeitsgruppe Aufklärung“ auf, in der Daten politischer Gegner gesammelt werden sollten. „Namen, Nummern, Freunde, Vereine, Wohnort, Schule, Bilder einfach Alles!“ sollte über „die Zecken“ zusammengetragen werden. Besonders ins Visier des Neonazis geriet die Antifa der Universitätsstadt Freiburg.

Im September wurde der JN-Stützpunktleiter als mutmaßlicher Bombenbauer verhaftet. Nazigegner hatten der Polizei Hinweise auf den Besitz von zahlreichen Chemikalien gegeben, mit denen funktionsfähige Sprengsätze hergestellt werden könnten. Bei seiner Festnahme führte der Neonazi zwei Messer im Rucksack und eines im Gürtel mit sich. Baumann kommunizierte scheinbar ganz offen über seine Vorlieben und Pläne mit Kameraden. Dennoch gelang es dem JN-Landesverband, sich weitgehend aus den Medienberichten herauszuhalten. Ein Sprecher der Freiburger Antifa bewertete eine mögliche Einzeltäterthese der Behörden als „falsch“. Er wirft den JN und der Kameradschaft „Freie Kräfte Lörrach“ vor, den mutmaßlichen Bombenbastler unterstützt zu haben. Immerhin geniesst Baumann nach seiner Verhaftung bundesweite Anerkennung in der Szene, so wird er auf der aktuellen Gefangenenliste der Neonazi-Knastorganisation "JVA-Report" geführt.

Tatsächlich galt Thomas Baumann in den von Neidlein und Gold angeführten Reihen und unter der speziellen Obhut von Lörrachs NPD-Chef Christoph Bauer als integriert. Gerade der als autark geltende Landesverband der JN richtete sich straff nach innen aus. Nach dem Fortzug der JN-Aktivistin Anne-Marie Doberenz, die eine Annäherung in Richtung „Autonomer Nationalisten“ angestrebt hatte, schien jetzt eine völkisch-nationale Prägung Konsens zu sein.

Konspirativ hatte bereits ein Zeltlager zu Pfingsten in der Pfalz stattgefunden, ein weiteres war für Anfang August im Kreis Heilbronn geplant worden. In der internen Einladung wurde ausdrücklich betont, dass „militärische Uniformierung“ verboten sei, aber als „Ausdruck unserer Kampfgemeinschaft und des Gemeinschaftsgefühls“ sollte während des Lagers einheitliche Kleidung in schwarz und weiß getragen werden.

Altgediente Kader der „Wiking-Jugend“

Der JN-Landeschef Lars Gold war bereits als 15-Jähriger in die JN eingetreten. Als NPD-Kandidat erhielt der gelernte Drucker bei der Bundestagswahl 2009 in seinem Wahlkreis Schwäbisch-Hall-Hohenlohe rund 2 Prozent der Stimmen, das beste Einzelergebnis lag bei 4,3 Prozent in Fichtenau. Sein JN-Stützpunkt Hohenlohe hatte mit martialischen Bildern von einem Pfingstlager in der Pfalz auf sich aufmerksam gemacht. Die etwa 35 teilnehmenden „Jungs und Mädels“ quartierten sich während des mehrtägigen Lagers in weißen Zelten ein. Sie übten sich in Selbstverteidigung, studierten neue Lieder ein, begingen Morgenfeiern, Fahnenappelle und Frühsport. Auf dem Plan standen nach Angaben der Neonazis „der Südtiroler Freiheitskampf“, eine Rhetorikschulung, ein Theaterstück über die Vorbereitung auf Notzeiten sowie die Ziele „der nationalen Jugend“.

Beim Neonazi-Aufmarsch in Dresden Anfang des Jahres vermischten sich JN-Anhänger aus Baden-Württemberg wie Sascha Jörg Schüler aus Künzelsau mit ehemaligen Aktivisten der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ wie Martin Götze, Student in Rottenburg und norddeutschen JN-Kameraden wie Christian Fischer und Simon D., die ebenfalls in der HDJ aktiv waren. Die völkische Neonazi-Szene im Ländle wird maßgeblich von altgedienten Kadern aus den Reihen der 1994 verbotenen „Wiking-Jugend“ mitgeprägt.

Die Nachwuchs-Kader im Südwesten geben sich selbstbewusst. So verkündete Neidlein großspurig die Gründung des NPD-Kreisverbandes Schwäbisch-Hall, dessen Chef er sei – und setzte nach: „Die Zeiten sind vorbei, wo das ‘Nazis Raus!’-Geblöke unserer schafsköpfigen Gegner ausgereicht hätte, uns zu isolieren.“

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