„Kampf gegen das System“

Martialischer Aufmarsch von Neonazis in der von ihnen so titulierten „Frontstadt“ Hamm am Ostrand des Ruhrgebiets.

Montag, 25. Oktober 2010
Tomas Sager

Hartmut Wostupatsch spricht Klartext an diesem Tag. Gegen den drohenden „Volkstod“ wettert er, gegen den Untergang der weißen Rasse. Der Würzburger Neonazi, seit mehr als 30 Jahren in der Szene aktiv, ist ganz in seinem Element, träumt von Zeiten, da „das ganze System hier weggefegt werden“ wird. Wie er und seine „Kameraden“ das bewerkstelligen sollen? Mit letzter Konsequenz. „Kampf gegen das System bis aufs Blut, bis aufs Messer – bis dieses Scheißsystem endlich zerschlagen wird!“, gibt er als Parole an jenem Samstagnachmittag im westfälischen Hamm aus.

Exakt 233 Teilnehmer hat die Polizei gezählt, die zu der von der „Nationalen und sozialistischen Kameradschaft Hamm“ vorbereiteten Demonstration gekommen sind. „Das System bringt uns den Volkstod – Freie Völker statt freie Grenzen“ ist das Motto. „Ausländer Raus!“, grölen die Neonazis auf ihrem Zug durch den Westen der Stadt, als sie Geschäfte von Migranten passieren, bis ihnen die Polizei diesen Spruch per nachgeschobener Aufklage untersagt. Ganz überwiegend sind es „parteifreie“ Neonazis aus Nordrhein-Westfalen, die in der Stadt am Ostrand des Ruhrgebietes aufmarschieren. Nur wenige NPDler laufen mit; Hans-Jochen Voß, Kreisvorsitzender für Unna und Hamm, der beste Kontakte zu den Rechts-„Auronomen“ in der Region unterhält, gehört zu ihnen.

„Vorabendkundgebung“ im benachbarten Ahlen

Ähnlich ist die Rednerliste gestaltet. Junge Neonazis aus Hamm, Datteln, Unna, Dortmund treten ans Mikrofon, dazu Andy Knape, der stellvertretende Bundesvorsitzende der Jungen Nationaldemokraten, der sich zudem als deren sachsen-anhaltinischer „Landesführer“ vorstellt. Für Stimmung im braunen Publikum sorgen vor allem aber mit Wostupatsch, Axel Reitz, Sven Skoda und Christian Worch die altgedienten Kräfte der Szene in der „Frontstadt“ der Neonazis, wie Reitz Hamm tituliert.

Logistische Unterstützung – vom Lautsprecherfahrzeug bis zu den schwarz-weiß-roten Fahnen, die während der Demonstration geschwenkt werden – erhalten die Hammer Neonazis von ihren „Kameraden“ aus Dortmund. An ihnen haben sie sich auch bei der Vorbereitung ihres Aufmarschs orientiert. Keine isolierte Demonstration sollte es werden, sondern ähnlich wie der „Nationale Antikriegstag“ in Dortmund eine Veranstaltung, die eingebettet war in eine Serie von Flugblattverteilungen, Infoständen und Saalveranstaltungen. Und wie in Dortmund Anfang September gehörte auch am Tag vor der Hammer Demonstration eine „Vorabendkundgebung“ zum Programm, die mit 65 Teilnehmern im benachbarten Ahlen stattfand.

Kreisgeschäftssstelle der Linken „Ziel des Volkszorns“

An ihre Dortmunder „Kameraden“ scheinen sich die Neonazis aus Hamm auch in Sachen Militanz zu halten. Wenige Tage vor der Demonstration war wieder einmal die Geschäftsstelle der Linkspartei Ziel einer Attacke. Unter der Überschrift „...und schon wieder kracht’s, um halb drei des Nachts“ wurde die Aktion auf der Homepage der „Kameradschaft Hamm“ genüsslich kommentiert: „Kommunisten haben in unserer Stadt wahrlich einen schweren Stand. Wie der Hammer Kreisverband der Linkspartei meldet, ist die Kreisgeschäftsstelle nun schon zum dritten Mal innerhalb von vier Monaten Ziel des Volkszorns geworden.“

Auch in einem weiteren Fall ermittelt aktuell der polizeiliche Staatsschutz: In der Nacht zum vorigen Dienstag wurde in Hamm ein Auto angezündet, zwei weitere Fahrzeuge gerieten in Brand. Nicht ausgeschlossen wird, dass die Aktion eines Vertreters der örtlichen Linkspartei galt, der in der unmittelbaren Nachbarschaft des Tatorts wohnt.

„Was sollten wir bereuen“

„Hamm ist seit 1933 unsere Stadt“, schwadroniert einer der Hammer Neonazis am Samstag beim Auftakt der Demonstration. Auch diese (Allmachts-)Fantasien hat sich die „Kameradschaft Hamm“ von den Rechts-„Autonomen“ aus der Nachbarschaft abgeschaut, die seit Jahren mit der Parole „Dortmund ist unsere Stadt“ unterwegs sind.

Unterwegs, bei einer der Zwischenkundgebungen, tritt einer aus den Reihen der Neonazis ans Mikrofon, der seine ganz eigenen Erfahrungen mit dem von Wostupatsch proklamiertem „Kampf gegen das System bis aufs Blut, bis aufs Messer“ hat. Vor fünfeinhalb Jahren hatte er einen 32-Jährigen niedergestochen und war deswegen wegen Totschlags verurteilt worden. Inzwischen ist er wieder auf freiem Fuß. In Hamm verliest er das Grußwort von Ursula Müller, der Vorsitzenden der „Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene“ (HNG), die sich auch um ihn während seiner Haftzeit gekümmert hatte. „Was sollten wir bereuen“ steht auf seinem T-Shirt.

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